Daniel Herbst: Warum auch nicht?

 

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„In unseren Gedanken wird er weiterleben.“ – „Wir werden sie für immer in Erinnerung behalten …“ – Wie? Wie soll etwas weiterleben, das vom lebendigen Leben gerade nicht ausgedrückt wir? Und wozu? – Um das, was nicht (mehr) ist, nicht aus meiner Geschichte entfernen zu müssen? Wenn ich all jene aus meiner Geschichte entfernen müsste, die nicht mehr am Leben sind, würde aus ihr mit der Zeit eine ziemlich löchrige Geschichte werden. Und noch viel löchriger würde sie, wenn ich sie nicht immer wieder neu erzählen und bedenken würde. Meine Geschichte würde sterben, noch bevor ich tot bin. Mit dem Tod der anderen würde auch ich große Teile meiner eigenen Identität verlieren. Schon deshalb muss ich sie in mir lebendig erhalten. Natürlich als Geschichten.

Ich erinnere mich ja nicht an den anderen Menschen, sondern an das, was er in mir ausgelöst hat. Ich denke also an mich, wenn ich an den anderen denke. An Gefühle von Glück und von Alleingelassensein. Ich empfinde mich, wenn ich an den anderen denke. Und das ist weder egoistisch noch eigennützig – es geht einfach nicht anders.

Wir haben nicht die Möglichkeit, uns selbst nicht nachzuvollziehen, wenn wir an einen anderen Menschen  – oder an was auch immer – denken. Einfacher gesagt: Wenn wir an jemanden oder etwas denken, tauchen wir damit automatisch auch selber auf. Auch wenn es so aussieht, als ob der andere in uns erscheinen würde – in Wirklichkeit tauchen wir durch unsere Gedanken vor uns selber auf. Und genau das ist es, was wir wollen: Wir wollen leben und als die Geschichte unseres Lebens am Leben sein. Warum auch nicht?

aus: Daniel Herbst, „Lebenslänglich lebenslang“

Oh, Danny Boy! „Ich erinnere mich ja nicht an den anderen Menschen, sondern an das, was er in mir ausgelöst hat. Ich denke also an mich, wenn ich an den anderen denke.“ Ob das den Soldaten bewusst ist, dass es nicht um den Gefallenen geht, der hier mit allen militärischen Ehren zu Grabe getragen wird? Ich denke nicht. „In unseren Gedanken wird er weiterleben.“ Nein, ich will weiterleben in meinen Geschichten. „Wer wäre ich ohne meine Geschichte?“ fragt Byron Katie. Was für eine Frage? Daniel sagt: „Wenn ich all jene aus meiner Geschichte entfernen müsste, die nicht mehr am Leben sind, würde aus ihr mit der Zeit eine ziemlich löchrige Geschichte werden.“ Und wenn ich auch noch all jene, die noch am Leben sind, einschließlich der Person zu der ich „Ich“ sage, entfernen könnte, dann … dann … na ja, dann wäre ich logischerweise nur noch ein einziges Loch.

Aber keine Sorge, Daniel war gerade richtig altersmilde. Er schreibt: „Wir haben nicht die Möglichkeit, uns selbst nicht nachzuvollziehen, wenn wir an einen anderen Menschen  – oder an was auch immer – denken. Einfacher gesagt: Wenn wir an jemanden oder etwas denken, tauchen wir damit automatisch auch selber auf. Auch wenn es so aussieht, als ob der andere in uns erscheinen würde – in Wirklichkeit tauchen wir durch unsere Gedanken vor uns selber auf. Und genau das ist es, was wir wollen: Wir wollen leben und als die Geschichte unseres Lebens am Leben sein. Warum auch nicht?“ Ja, warum auch nicht? Es geschieht eh, wie es geschieht. Und dieses bescheidene „Warum auch nicht?“ ist die Generalerlaubnis dafür, dass alles, was erscheint, auch erscheinen darf.

fAls einem ollen Kriegsdienstverweiger geht es mir mit diesem „Ding“ da oben so ähnlich wie dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard mit Mohammed. Eigentlich sind das ja alles nur Geschichten. Aber diese Geschichten entfalten ein ungeheuer dynamisches Eigenleben und werden zum „Ding“, für das sie einmal gestanden haben. Und dieses Ding erhält eine geradezu göttliche Erhabenheit, die jede Kritik oder gar jede Belustigung zur Majestätsbeleidigung werden lässt und im Zweifelsfall mit dem Tode bedroht. Westergard scheint in seiner Kindheit und Jugend ähnlichen christlichen Zwängen unterworfen gewesen zu sein wie ich. Ich kann sein Aufbegehren also nur zu gut nachvollziehen und auch seine Wut, die ihn bei jeder Freiheitsunterdrückung ausgesprochen kreativ werden lässt.
kIch war nach einem Treppensturz vor Jahren in einer Klinik in der die Krankenschwester mich total an das amerikanische Trauer-Ritual erinnerte. Jeden Morgen musste ich unter Schmerzen mit meinen Krücken mein Bett verlassen, weil besagte Schwester es für den Tag herrichten wollte. Sie zog das Laken straff, schüttelte das Kopfkissen auf und faltete genau wie die amerikanischen Soldaten die Bettdecke zu einem Dreieck. Wie die Soldaten bewegte sie sich dabei roboterhaft präzise in immer denselben Abläufen. Meinen Einwand, die ganze Prozedur sei doch völlig für die Katz, wischte sie mit verbissener Miene vom Tisch. Ich kam mir vor wie im Irrenhaus. Dasselbe denke ich bei den Soldaten, die lieber für die Interessen der Reichen ins Gras beißen, als ihren Glauben, patriotische Helden zu sein, in Frage zu stellen. Und Mohammed-Karikaturen – also sich über die Rituale des Militärs lustig zu machen ist mindestens genauso schlimm. Die Gläubigen – oder sollte ich lieber sagen die Hypnotisierten oder noch besser die Menschen im Allgemeinen – sind schon eine besondere Kategorie Tier. Mannomann!

mJa mei, das sind halt so G’schichten, und wie es aussieht, werden wir mit ihnen leben müssen. „Wir wollen leben und als die Geschichte unseres Lebens am Leben sein. Warum auch nicht?“

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13 Antworten zu Daniel Herbst: Warum auch nicht?

  1. Georg Alois schreibt:

    „Wir wollen leben und als die Geschichte unseres Lebens am Leben sein. ….“
    und dieses Geschenk „Leben“ in seiner ganzen Fülle genießen. Und es ist ein Unverständnis bei mir, wenn einige Menschen von „Leere“ sprechen und diese als Ziel oder Sinn des Lebens ausgeben. Ich kann halt nur von mir ausgehen. Als die Leere, mein Leben ohne meine Geschichte, erfahren wurde, konnte plötzlich diese unendliche Fülle erfahren werden. ( Mann, sind die Worte steif und unzulänglich) Eigentlich ist es ja das, was hier ständig gesagt wird. Wenn die Vorstellungen wegfallen, dass etwas anders sein soll als es ist, bleibt die Schönheit dieser unendlichen Vielfalt, was wir Leben nennen. Und wie bei allen Mystikern, Lobgesang………. dieser Genuss der Fülle! „…..Warum auch nicht?“

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  2. Alexandra schreibt:

    Bei gläubigen Christen kommt dann noch der (Wunsch)Gedanke hinzu, dass man sich nach dem Tod bei Gott wiedersieht. Das gibt der Geschichte für den Moment noch ne Prise Hoffnung dazu.

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    • Stefan schreibt:

      Ich für meinen Teil mag gut und auch scharf gewürztes Essen ganz gern……

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    • Michael schreibt:

      Ist das so? Das ist doch so ein allgemeiner religiöser Gedanke von den alten Germanen, dem Zoroastrismus über die Christen und Moslems, Hindus (weiss ich nicht so genau), die Buddhisten weiss ich auch nicht so genau, wie das Nirvana denn „aussehen soll“.

      Ja genau, letztendlich alles „Geschichten“ und warum auch nicht, wenn Fülle und Frieden dabei „herauskommen“.

      Schönes Wochenende 🙂

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    • Ingeborg schreibt:

      Ich war mal drei Monate in der Psychatrie.
      Weiß gekleidet und auf der Schlüsselseite,eines morgens stand ich in der Empfangshalle schaute mich um und dachte auf welcher Seite stehe ich und wer gehört jetzt eigentlich zu den so genannten Verrückten?Ich mußte laut loslachen. Nach besagten drei Monaten und bestandener Psychatrie Prüfung durften wir die geheiligten Hallen wieder verlassen.
      Einfach eine kleine ,für mich noch heute Amüsante geschichte.

      Gefällt 2 Personen

      • Nitya schreibt:

        Liebe Ingeborg,
        warst du wirklich amüsiert oder doch eher verzweifelt?

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      • Michael schreibt:

        ich habe mal ein Praktikum in einer halbgeschlossenen Psychiatrieabteilung gemacht in der es keine weiße Kleidung gab …. auch interessant…

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      • Ingeborg schreibt:

        Zweifelnde Momente gab es dort genug,nur dieser gehörte nicht dazu.
        Ich mußte einfach Lachen,hätte auch Handstand machen können.Alle sahen plötzlich so wichtig aus,Patienten und Personal
        verschmolzen irgendwie miteinander.
        Was soll ich sagen was willst du hören? Es war einer dieser Momente die im Grunde unbeschreibbar sind.

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