Jed McKenna: ein Niemand in der Verkleidung eines Jemands

 

hDieser fehlende Draht zwischen mir und normalen Menschen wird fortwährend auf vielfältige Weise sichtbar, und jedes Mal lässt es sich auf die Tatsache zurückführen, dass ich ein Niemand in der fadenscheinigen Verkleidung eines Jemands bin. Um mich überall zeigen zu können, um eine Schnittstelle zu finden, muss ich mich selbst verkörpern. Ich fühle mich dabei gar nicht wohl, und ich kann es auch nicht sehr gut. Meine Verkleidung ist nicht überzeugend, der Schwindel ist leicht zu durchschauen. Die Leute wissen nicht, was ihnen da auffällt, aber sie wissen, dass etwas nicht stimmt. Irgendwie spüren sie, auch wenn sie es nicht begreifen, dass ich ein Blender bin. Irgendwie ironisch das Ganze, finde ich.

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“

vCharlie Chaplin in der Rolle des Monsieur Verdoux, sieht aus wie ein Heiratsschwindler, ist auch einer, und ansonsten ist er der berüchtigte Frauenmörder von Paris. Was das mit Jed McKenna zu tun hat? Nun, Charlie Chaplin spielt den Monsieur Verdoux, der wiederum den Heiratsschwindler spielt. Charlie Chaplin weiß, dass er spielt, Monsieur Verdoux weiß, dass er spielt, und Jed McKenna weiß es auch. Jed McKenna ist vermutlich weder ein Heiratsschwindler noch ein Massenmörder, fühlt sich aber vielleicht ein bisschen wie sie.

„Ich fühle mich dabei gar nicht wohl“ schreibt er, „und ich kann es auch nicht sehr gut. Meine Verkleidung ist nicht überzeugend, der Schwindel ist leicht zu durchschauen. Die Leute wissen nicht, was ihnen da auffällt, aber sie wissen, dass etwas nicht stimmt. Irgendwie spüren sie, auch wenn sie es nicht begreifen, dass ich ein Blender bin.“

jWelche Rolle spielt er den nun der Jed McKenna? Nun, er weiß dass er ein „Niemand in der fadenscheinigen Verkleidung eines Jemands“ ist. Und er meint: „Irgendwie ironisch das Ganze, finde ich.“ Wieso ironisch? Der ganze Unterschied zwischen dem sog. Jed McKenna und den meisten seiner sog. Mitmenschen ist einerseits der, dass es gar keinen gibt, da jeder von ihnen ein Niemand in der fadenscheinigen Verkleidung eines Jemands ist, andererseits gibt es eben doch einen Unterschied, nämlich den, dass es zur Verkleidung der „Mitmenschen“ gehört, dass sie vergessen haben, dass sie nur „Mitmenschen“ spielen. Weil es das so gut veranschaulicht, hier zum x-ten Male die Geschichte der Schauspieler des „Living Theater“:

mWenn wir nach ›Paradise now‹ verhaftet wurden, haben wir zu den Polizisten gesagt: „Du spielst den Officer und ich die Verhaftete.“ Die Polizisten antworteten immer dasselbe: „Look Lady, I’m not in your play“. Aber sie ließen nicht nach, die Schauspieler des Living Theater, sondern lobten die Bullen auch dann noch, wenn sie wütend waren, für ihren guten Akt eines wütenden Bullen. Schauspiel und Leben interferieren und vermischen sich. Diese Interferenzen und Spiegelungen sind es ja auch, was ‚Die Kinder des Olymp‘ so großartig macht. Judith Malina ist sich bewusst, wie willkürlich und beliebig diese Grenzsetzungen sind, und wie komisch die Interferenzen sein können.

Quelle: Süddeutsche Zeitung

Jed McKenna sagt: „Um mich überall zeigen zu können, um eine Schnittstelle zu finden, muss ich mich selbst verkörpern.“ Jetzt bekommt ihr vielleicht eine Ahnung, wie sich so’n Guru fühlen muss oder ihr wisst es vielleicht schon längst, und warum die Typen, wenn sie nicht völlig beknackt sind, ständig so blöde grinsen müssen. Das Ganze ist einfach nur urkomisch!

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14 Antworten zu Jed McKenna: ein Niemand in der Verkleidung eines Jemands

  1. fredoo schreibt:

    … und zugleich ist es (wie bei allem komischen) auch todtraurig … denn es erweist die absolute Einsamkeit des „Niemand“ …

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    • Nitya schreibt:

      Spannende Frage, werter Herr Fredoo.

      Wer ist da todtraurig?

      Der werte Herr Niemand oder der werte Herr Jemand?

      Ich könnte natürlich genauso fragen:

      Wer findet das urkomisch?

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      • fredoo schreibt:

        nun ja … wenn es denn eine antwort gäbe , die diese frage beantworten könnte … der herr „jemand“ ist ja weiterhin auch als herr fredoo aktiv … das dumnme nur ist , dass ihm die ausschließlichkeit und wahrhaftigkeit seiner selbst abhanden gekommen ist … es ist also sein schicksal fürderhin in einer art „als ob“ zuz leben … und in diesem „als ob“ wird es ordentlich traurig für ihn , denn es fehlt ihm fürderhin der trost der illuasion …

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      • Nitya schreibt:

        Hat der arme Herr Freoo so gar nix als Gegenwert für den schmerzlichen Verlust der tröstlichen Illusion gekriegt?

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  2. Georg Alois schreibt:

    „….. und warum die Typen, wenn sie nicht völlig beknackt sind, ständig so blöde grinsen müssen. Das Ganze ist einfach nur urkomisch!“
    Nitya, Du bist einfach Klasse!
    und ich Hinterweltler hatte noch nichts gehört vom „Living Theater“. Super Idee! Muss ich gleich meiner Freundin erzählen, sie ist auch Schauspielerin und nimmt das Leben leider viel zu ernst.

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  3. Brigitte schreibt:

    Das Foto mit der Maske Jemand ist so geil 🙂 sagt mehr als tausend Worte!

    Bevor wir losstürmen,
    sollten wir nochmal
    um den Block gehen,
    die Masken abnehmen,
    und schauen,
    was wirklich ist.

    Gefällt 2 Personen

    • punitozen schreibt:

      ..Ist nicht alles eine Halluzination? Und nur weil wir diese Halluzination nicht als Halluzination erkennen, treiben wir herum durch Leben und Tod.
      ( Kodo Sawaki )

      Ein schönes Wochenende wünscht Jemand-Niemand
      Punito

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  4. Elwood schreibt:

    komisch, todtraurig, einsam und….
    erleichternd ….
    die Besonderheit des Meisters, das Streben nach eigener Besonderheit…
    durch relative Vergänglichkeit der Macht enthoben…
    die Unvollkommenheit in Vollkommenheit verwandelt….
    seiner Grenzen bewußt….
    sich selbst ein Witz…
    Jemand…Niemand..
    von nix ne Ahnung….

    MACHT nix…relativ….

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  5. Wolf Schneider schreibt:

    Klasse!!!!! Danke für diesen Eintrag, inklusive allem: Charlie Chaplin, Jed McKenna, the Living Theatre und Die Kinder des Olymp (das war 20 Jahre lang mein Lieblingsfilm). Bin ein Fan von allen und allem, was du da genannt hast: das Spielen (Schiller: »Der Mensch ist erst dann ganz Mensch, wenn er spielt«), der Humor. 🌹🌹🌹
    Und ein miniminimaler Einwand: Warum fühlt sich McKenna in dem nicht wohl? Ist doch schade, oder? Aber sehr verständlich. Charlie Chaplin hat sich als Spieler wohl gefühlt, scheint mir, auch in seiner Alltagsidentität. Anscheinend. So gut kenne ich ihn ja nicht, und auch Jed McKenna nicht, dessen Unwohlsein auch ein Spiel sein kann – und vermutlich ist.
    Grüße (von La Palma)
    Sugata

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Sugata von La Palma,

      du gehst ja heute richtig auf Eiern! „Und ein miniminimaler Einwand“, den du dann gleich wieder selbst relativierst. Ist dieser Nitya so’n schrecklicher Jemand, dass du dich so vorsichtig ausdrücken musst? Ich werde mal ein erstes Wort mit ihm reden müssen. Die Hand kann ich sowieso nicht für ihn ins Feuer legen.

      Du fragst: „Warum fühlt sich McKenna in dem nicht wohl?“ Warum schade? Jed McKenna ist immer noch’n Mensch. Damit meine ich, er hat sich ja nicht in Luft aufgelöst, sondern ist gesegnet mit allen Tugenden und Untugenden eines Menschen. Fredoo hat ja heute schon gesagt: „… und zugleich ist es (wie bei allem komischen) auch todtraurig … denn es erweist die absolute Einsamkeit des ‚Niemand …“ Ich würde sagen, „Niemand“ kennt keine Einsamkeit, aber der Mensch namens McKenna kennt sie. Er ist ein Jemand UND Niemand. In der Welt UND nicht von der Welt. Da gab’s doch mal bei Homer den Kyklopen Polyphem, demgegenüber sich Odysseus „Niemand“ nannte. Odysseus war natürlich nicht Niemand und kannte daher die Einsamkeit. Niemand oder no-thing kennt keine Einsamkeit und ist bestimmt nicht wohl oder unwohl. Aber wenn du dich etwa in die Rolle des Monsieur Verdoux hineinversetzt, dann kannst du wahrscheinlich nachfühlen, wie einsam der sich gefühlt hat. Jeder, der anderen etwas vorspielt oder vortäischt, kennt diese Einsamkeit. Bei allem Applaus auch eine Schauspielerlerin wie die große Judith Malina oder ein Schauspieler wie der große Charlie Chaplin.

      Die Person Jesus, ganz Mensch, der anscheinend von dem, was nicht Welt ist, wusste, scheint auch ziemlich einsam gewesen zu sein mit diesem Wissen. Jesus, ganz Gott, … dazu halt ich jetzt lieber mein Maul.

      Lass es dir gut gehen auf deiner Insel bei wunervollen 10°C! Da kann man ja fast schon baden.

      Herzlichst
      Nitya

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