Osho: Mal erscheint die Wahrheit als Vogel, mal als Baum, …

 

osho

Wer die Wirklichkeit der Existenz leugnet,
der verfehlt ihre Wirklichkeit … – und damit die Wahrheit.
Wer behauptet, die Existenz sei leer,
der leugnet ihre Wirklichkeit – desgleichen.

aus: Seng-ts’an, „Hsin Hsin Ming“

Philosophie kann sehr listig sein. Haltet euch meinetwegen selbst zum Narren und redet euch ein, die Welt sei unwirklich. Aber warum müsst ihr das anderen beweisen und sie auch davon überzeugen? Wenn ihr das wisst, braucht ihr keine anderen überzeugen und ihnen Beweise und Argumente zu liefern, braucht ihr auch keine Philosophie. Das alles braucht ihr nur, wenn ihr es nicht wisst. Alle philosophischen Erkenntnismethoden dienen nur dazu, wirklich zu scheinen.

Es geht nicht um Beweise für die Unwirklichkeit der Welt. Dieses Sutra besagt: Wer die Wirklichkeit der Existenz leugnet, der verfehlt die Wirklichkeit … Und ihre Wirklichkeit ist das Göttliche, ihre Wirklichkeit ist das Wahre. Wer die Wirklichkeit dieses Baumes hier leugnet, der hat das Göttliche darin, die Wahrheit in dem Baum geleugnet. Der Baum ist nur eine Gegebenheit; alles Gegebene ist aber nur die Außenseite der Wahrheit. Der Vogel ist auch eine Gegebenheit, aber seine Wahrheit ist dieselbe. Mal erscheint die Wahrheit als Vogel, mal als Baum, mal als Stein, mal als Mensch – in lauter verschiedenen Formen. Fakten sind Fakten, aber in jeder von ihnen steckt, wenn man etwas tiefer geht, die Wahrheit. Wer die Wirklichkeit der Existenz leugnet, der hat das Formlose in ihr verleugnet.

aus: Osho, „Hsin Hsin Ming – The Book of Nothing“

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Der letzte Satz in dem Zitat ist der entscheidende: „Wer die Wirklichkeit der Existenz leugnet, der hat das Formlose in ihr verleugnet.“ Das Formlose in der Form und die Form sind untrennbar eins. Und doch wurden und werden beide immer wieder getrennt dargestellt. In Shankaras „Das Kleinod der Unterscheidung“ geht es genau darum, Form und Formlosigkeit zu unterscheiden, damit sie nicht ständig vermischt werden. Buddhas „Form ist Formlosigkeit, Formlosigkeit ist Form“ will auf die Einheit dieses nur konzeptuell Getrennten aufmerksam machen. Als Heinz Butz sein „Spüren Sie’s?“ flüsterte, gab es nur noch Zeitlosigkeit, und Form und Formlosigkeit waren nicht voneinander zu trennen. In dem Moment, in dem ich das einem anderen erzähle und gar noch erwarte, dass er das für die Wahrheit hält, bricht der Wahnsinn aus. Entweder glaubt mir der andere nicht, dann verschließt er sich vielleicht für diese Möglichkeit, oder er glaubt mir, dann ist wirklich alles zu spät. Lieber nicht glauben als glauben, das ist wenigstens das kleinere Übel, denn der Glaube lässt mich glauben, ich hätte es jetzt – das, was niemals zu haben ist.

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Seng-ts’an sagt: „Wer die Wirklichkeit der Existenz leugnet, der verfehlt ihre Wirklichkeit … – und damit die Wahrheit. Wer behauptet, die Existenz sei leer, der leugnet ihre Wirklichkeit – desgleichen.“ Das Hsin Hsin Ming ist weder ein Lehrbuch noch eine Bibel. Und Seng-ts’san wäre der Letzte gewesen, der gewollt hätte, dass man ihm glaubt. Seng-ts’an will einfach aufmerksam machen auf etwas, was sich ihm offenbart hat. Was du mit diesem Hinweis machst, ist ganz allein deine Sache und die wiederum ist nicht deine Sache, sondern das, was geschieht. Also bleibt dir nichts anderes übrig als zu schauen, was mit dir geschieht, während du diese überlieferten Zeilen liest. Und pass gut auf. Osho sagt: „Philosophie kann sehr listig sein.“ Im Rationalisieren sind wir alle Großmeister. Und im Predigen auch. Und dann soll uns der andere unsere Rationalisierungen auch noch bestätigen und glauben. Auf diese Weise können wir unsere eigenen Rationalisierungen noch besser glauben und uns bleibt jeder Zweifel erspart.

Osho sagt: „Mal erscheint die Wahrheit als Vogel, mal als Baum, mal als Stein, mal als Mensch – in lauter verschiedenen Formen.“ Ist das nicht fein? Sie erscheint sogar in deinen Rationalisierungen. Und darin, dass du Tomaten auf den Augen hast und das alles nicht wahrhaben willst.
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3 Antworten zu Osho: Mal erscheint die Wahrheit als Vogel, mal als Baum, …

  1. teggytiggs schreibt:

    …gut…aber wie ist es mit der Zeit?

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