Karl Renz: Es gibt kein Entkommen

 

karl-renzEs gibt kein Entkommen.

Wenn du sagst, dass da niemand ist, ist da immer noch einer.  Um „da ist keiner“ zu sagen, muss einer da sein. Wenn du sagst, dass es kein Innen und Außen gibt, dann gibt es immer noch ein Innen und ein Außen, weil es jemanden geben muss, der sagt, dass es kein Innen und Außen gibt. Er ruft allein dadurch ein Innen und Außen hervor, dass er darüber spricht. Es gibt kein Entkommen.

Das ist immer noch Teil dieses Verstehens. Es ist immer noch Unwissenheit. Alles, was du definieren kannst, ist Unwissenheit. Alle Definitionen entspringen einem Definierenden und dieser Definierende ist sowieso ein Lügner. Deshalb ist alles, was der Definierende zu sagen hat, Lüge. Der erste Definierer „Ich“ ist bereits schon Lüge, schließlich ist er eine Imagination. Er ist nicht, was du bist, da du dem Lügner vorausgehst. Aus dieser Lüge geht nur Lüge hervor.

aus: Eight Days in Tiruvannamalai

 
Gestern schrieb ich in einem Kommentar zum Zikr der Sufis: „Scheiß-Aufklärung.“ Warum, weil Aufklärung den Verstand nicht transzendiert und auch gar nicht die Absicht hat, ihn zu transzendieren. Aufklärung kann einen Zustand des Beobachtens und Reflektierens erreichen, aber der Beobachtende und Reflektierende geht dabei nie verloren und soll auch gar nicht verloren gehen. Genau dies geschieht jedoch im Zikr. Die rhythmischen Bewegungen und das rhythmische Anrufen Allahs führen zu einem Überschreiten des Zustands des Beobachtenden und Reflektierenden. Ich hab das mal mit einem Sheikh in einem Hinterzimmer mit einer Freundin ganz ohne Trommeln oder Musik praktiziert. Es war wirklich beeindruckend.

 
„Wenn du sagst, dass da niemand ist … wenn du sagst, dass es kein Innen und Außen gibt, …“ – das ist der reflektierende Verstand. Er macht Aussagen und versucht zu verstehen bzw. zu erklären bzw. zu definieren. Derjenige, der all dies tut, wird dabei, während er dies tut, in keiner Weise in Frage gestellt. Verschwindet er denn, wenn er in Frage gestellt wurde? Wer stellt ihn denn in Frage? Der Infragesteller, der selbst auch wieder nicht in Frage gestellt wird. Und Karl sagt dazu aufmunternd: Es gibt kein Entkommen. „Der erste Definierer ‚Ich‘ ist bereits schon Lüge, schließlich ist er eine Imagination. Er ist nicht, was du bist, da du dem Lügner vorausgehst. Aus dieser Lüge geht nur Lüge hervor.“

Also ich finde das ganz wundervoll, wie der Karl das auf den Punkt bringt. Aber bringt das Verstehen dessen, was er aufzeigt, ein Verschwinden der Imagination und ein Erscheinen dessen, das dem Lügner vorausgeht? Jedes Erscheinen wäre ja schon wieder Imagination. Das, was dem Lügner vorausgeht, geht dem Lügner natürlich nicht voraus, da es jenseits von Raum und Zeit ist. Es ist schon immer allgegenwärtig. Die Sufis haben eine Methode gefunden, das zu sein, was jenseits jedes Lügners ist.

derwisch

 

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3 Antworten zu Karl Renz: Es gibt kein Entkommen

  1. teggytiggs schreibt:

    „Alles, was du definieren kannst, ist Unwissenheit.“ …solche Sätze gefallen mir ja…doch wenn ich es zuende denke, dann komme ich zu dem Schluss, dass ich dieses Denken gleich fallen lassen kann…und ich bin da, wo ich hin will…also in die Wolken gucken…hab einen guten Tag!

    • Nitya schreibt:

      Ist irgendetwas gegen „in die Wolken gucken“ einzuwenden? Ich wüsste nicht was. Auf jeden Fall schade ich niemandem damit. Und ich bin mit mir in Frieden. Und so wird jeder Tag ein guter Tag.

  2. Michael schreibt:

    Schüler: “Was ist der Pfad zur Befreiung?”
    Seng-ts’an: “Wer bindet dich?”
    Schüler: “Niemand bindet mich.”
    Seng-ts’an: “Weshalb möchtest du dann befreit werden?”

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