Dschuang Dsi: seine Natur nicht der Moral unterordnen

 

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Dass nun einer seine Natur der Moral unterordnet, und ob er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich gut nenne. Dass einer seine Natur dem Geschmackssinn unterordnet, und wenn er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich gut nenne. Dass einer seine Natur den Tönen unterordnet, und wenn er es darin noch so weit brächte, ist nicht das, was ich Hören nenne. Dass einer seine Natur den Farben unterordnet, und wenn er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich Schauen nenne.

Was ich gut nenne, hat mit der Moral nichts zu tun, sondern ist einfach Güte des eigenen Geistes. Was ich gut nenne, hat mit dem Geschmack nichts zu tun, sondern ist einfach das Gewährenlassen der Gefühle des eigenen Lebens. Was ich Hören nenne, hat mit dem Vernehmen der Außenwelt nichts zu tun, sondern ist einfach Vernehmen des eigenen Innern. Was ich Schauen nenne, hat mit dem Sehen der Außenwelt nichts zu tun, sondern ist einfach Sehen des eigenen Wesens.

Wer nicht sich selber sieht, sondern nur die Außenwelt; wer nicht sich selbst besitzt, sondern nur die Außenwelt: der besitzt nur fremden Besitz und nicht seinen eigenen Besitz, der erreicht nur fremden Erfolg und nicht seinen eigenen Erfolg. Wer fremden Erfolg erreicht und nicht seinen eigenen Erfolg, dessen Erfolg ist […]  unwahr und falsch, und ich würde mich seiner schämen angesichts der urewigen Naturordnungen. Darum halte ich mich auf der einen Seite zurück von allem Moralbetrieb und auf der andern Seite von allem zügellosen und unwahren Wandel.

aus: Dschuang Dsi, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

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Kennt ihr den noch? Also der Typ fiel mir wieder ein, als ich Dschuang Dsis Geschichte las. Alexander S. Neill, Freund von Wilhelm Reich und Gründer der genialen Summerhill-Schule sowie Autor u.a. des Buches „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung – das Beispiel Summerhill“. Dschuang Dsi sagt: „Dass nun einer seine Natur der Moral unterordnet, und ob er es noch so weit darin brächte, ist nicht das, was ich gut nenne.“ Das Unterordnen der eigenen Natur, um dieses Thema ging es auch A.S. Neill. Das Wort „antiautoritär“ findet sich zwar in dem genannten Buchtitel, aber wahrscheinlich war das die Idee des Verlags. Neill soll diesen Begriff nicht sonderlich gemocht haben, weil er nur Missverständnisse erzeugen würde. Ich würde sagen, Neills Anliegen war weder das Autoritäre noch das Antiautoritäre, sondern ein Höchstmaß an Freiheit und Intelligenz im Spannungsgefüge zwischen der eigenen Natur des Einzelnen und der eigenen Natur aller Mitmenschen.
rViele sind überrascht, wenn sie Summerhill besuchen, dass diese angeblich antiautoritären Chaoten jede Menge Regeln für sich aufgestellt haben und dass es dort auch Sanktionen bei Regelüberschreitungen gibt. Zoë Neill Readhead, heutige Leiterin der Summerhill-Schule und Tochter von A.S. und Ena May Neill, zitiert ihren Vater: „Mein Vater hat immer gesagt, dass in einem guten Zuhause Eltern und Kinder gleiche Rechte haben. In einem schlechten Zuhause haben die Eltern zu viel Macht – oder die Kinder.“ In diesem Satz stecken schon die Begriffe autoritär und anti-autoritär. Letzteres ist ja auch nichts anders als eine Form des Autoritären. Neill und Dschuang Dsi geht es jedoch um Freiheit und die Verantwortung, die untrennbar zur Freiheit gehört, wenn Freiheit nicht bedeuten soll: „Alle Freiheit für mich und keine für dich.“ Dies wäre ja schon wieder im höchsten Maße autoritär. In Summerhill muss kein Schüler am Unterricht teilnehmen, er darf aber auch nicht seine Mitschüler oder die Ordnung, die sich die Schülerversammlung in Eigenverantwortung gegeben hat, beeinträchtigen.

Das Dschuang Dsi-Zitat schließt mit dem Satz: „Ich halte mich auf der einen Seite zurück von allem Moralbetrieb und auf der andern Seite von allem zügellosen und unwahren Wandel.“ Das könnte auch als Motto für Summerhill gelten.

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12 Antworten zu Dschuang Dsi: seine Natur nicht der Moral unterordnen

  1. teggytiggs schreibt:

    …wenn doch berall Summerhill wäre..

    Gefällt 2 Personen

  2. Alexandra schreibt:

    Auch das lerne ich gerade von und mit meinem Pferd. Das ist so beeindruckend! http://www.saliho.com von Alexandra König.

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  3. Alexandra schreibt:

    Deshalb liebe ich Janusz Korcak so. Die Rechte der Kinder…: das Recht des Kindes auf Achtung, so zu sein wie es ist, auf den eigenen Tod…

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  4. Alexandra schreibt:

    Oh, da erscheint ne falsche Seite…😂😂😂😂

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  5. Alexandra schreibt:

    War doch richtig…😊

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  6. punitozen schreibt:

    Punito – träumt …

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  7. Michael schreibt:

    Was ist denn damit gemeint: seine Natur dem oder dem unterordnet ?
    Wie sähe das denn anhand eines praktischen Beispiels aus?

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  8. Stefan schreibt:

    Diese oben sichtbaren Zeilen vom „südlichen Blütenland“ erinnern mich an das „Hohelied der Liebe“:

    1. Korinther – Kapitel 13
    Das Hohelied der Liebe
    1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. (Matthäus 7.22) (Matthäus 17.20) 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. (Matthäus 6.2)
    4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, 5 sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, (Philipper 2.4) 6 sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit; (Römer 12.9) 7 sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. (Sprüche 10.12) (Matthäus 18.21-22) (Römer 15.1)
    8 Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
    11 Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war. 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich’s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. (4. Mose 12.8) (1. Korinther 8.3) (2. Korinther 5.7)
    13 Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Thessalonicher 1.3) (1. Johannes 4.16)
    (http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/1_korinther/13/)

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