Kabîr: Ich bin der Sklave dieser Laune der Suche

 

 k

Oh, mein Freund!
Schau nach Ihm aus während Du lebst,
erkenne während Du lebst,
verstehe während Du lebst:
um im Leben die erlösende Befreiung zu ertragen.

Wenn Deine Bindungen nicht gebrochen werden,
während Du lebst,
welche Aussicht auf eine erlösende Befreiung
hast Du im Tode?

Es ist nur ein leerer Traum,
dass die Seele sich mit Ihm vereinigen wird,
weil sie dem Körper entkommen ist:
Wenn Er jetzt gefunden werden kann,
dann kann Er auch dann gefunden werden.
Wenn nicht, dann gehen wir fort,
um in der Stadt des Todes zu wohnen.

Wenn Du die Vereinigung jetzt hast,
dann hast Du sie auch danach.
Bade in der Wahrheit,
wisse den wahren Lehrer,
habe Vertrauen in den wahren Namen!

Kabîr sagt: Es ist die Laune der Suche, welche hilft;
Ich bin der Sklave dieser Laune der Suche.

aus: Kabîr, „Die Lieder des Kabir

Kabîr versucht in diesem Vers auf das Trügerische der Hoffnung hinzuweisen, dass die Seele sich nach dem Tod wieder in Ihm auflösen würde, dass der Tropfen wieder zum Meer würde. Er sagt: „Es ist nur ein leerer Traum, dass die Seele sich mit Ihm vereinigen wird, weil sie dem Körper entkommen ist.“ Wenn ich das richtig sehe, geht Kabîr mit dieser Aussage scheinbar von einer individuellen Seele aus, die solange inkarnieren wird, wie sie sich nicht während einer Inkarnation mit Ihm vereinigt hat.

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Es mag für den einen oder anderen etwas Pädagogisches haben. So etwas wie das Drohen mit einer Strafe: „Wenn du nicht …, dann gibt’s Saures!“ Er mahnt scheinbar zur Eile. „Schieb’s nicht auf die Zeit nach dem Tod, da wird gar nichts mehr passieren.“ Wenigstens droht er nicht damit, dass wir im nächsten Leben als Regenwurm wiedergeboren werden. Aber nein, ich denke nicht, dass Kabîr es so verstanden haben wissen wollte.

Ich kann ihn eher als Freund sehen. „Oh, mein Freund!“ sagte er ja auch und „erkenne während Du lebst, verstehe während Du lebst: um im Leben die erlösende Befreiung zu ertragen.“ Das hört sich für mich nicht nach einer Drohung an, sondern als der liebevolle Rat eines Freundes, der dabei helfen will, unnötiges Elend zu vermeiden. Kabîr sagt: „Wenn Deine Bindungen nicht gebrochen werden, während Du lebst, welche Aussicht auf eine erlösende Befreiung hast Du im Tode?“ Das scheint alles zu sein, worum es ihm geht: Brich alle Bindungen! Lass alle Anhaftungen los! Also auch den Glauben an Reinkarnation oder such dir was raus, zum Beispiel im Recht zu sein oder dass du der bist, wer du zu sein meinst, oder dass die Merkel doof ist … das fiele mir jetzt verdammt schwer, kann ich euch sagen.

„Wenn Du die Vereinigung jetzt hast, dann hast Du sie auch danach. Bade in der Wahrheit, wisse den wahren Lehrer, habe Vertrauen in den wahren Namen!“ Soviel ich weiß hatte Nisargadatta nur ein sehr kurzes Treffen mit Sri Siddharameshwar Maharaj. Dieser soll ihm empfohlen haben, so oft wie möglich bewusst „ich bin“ zu fühlen. Und er soll hinzugefügt haben: „Glaub mir, du bist eins mit der göttlichen Wirklichkeit! Nimm dies als die absolute Wahrheit an. Deine Freude und dein Leid sind göttlich, alles kommt von Gott. Erinnere dich jederzeit: Du bist Gott, dein Wille geschehe!“ Und Nisargadatta öffnete sich vollkommen für diese Worte und ihrem Sinn und vertraute dem, der sie sagte und machte ihn dadurch zu seinem Guru. Auch nach Jahrhunderten kann jemand zum Guru gemacht werden, einfach dadurch, dass man ihm vertraut. Vertrauen ist nicht Bindung, ist nicht Anhaftung, füge ich vorsichtshalber hinzu. Vertrauen ist vollkommene Öffnung. Bindung und Anhaftung verschließen alle Türen.

Kabîr sagt: „Es ist die Laune der Suche, welche hilft; ich bin der Sklave dieser Laune der Suche.“ So spricht kein Pädagoge. So spricht niemand, der an die Existenz einer individuellen Entität glaubt, die irgendetwas erreichen kann. Ich bin ein Sklave der Laune, kann auch so beschrieben werden: Niemand kann wissen, warum etwas ist, wie es ist. Gnade haben es manche genannt oder am Grabe von Gottes unerforschlichem Ratschluss gesprochen.
d

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13 Antworten zu Kabîr: Ich bin der Sklave dieser Laune der Suche

  1. fredoo schreibt:

    da war AHA … na gut … ich weiß jetzt um das EIGENTLICHE …
    bin befreit ? … doch wohl nur befreit von Spekulationen was und wie ES denn sei …
    doch bin ich befreit von den Stürmen und Windstillen des Lebens ?
    um keinen Deut … nur auch da befreit von Spekulation wie es denn sein könnte …

    war es das wert ? …
    welch törichte Frage … hab ich denn irgendetwas von Bedeutung dazu getan ? …
    außer zu spekulieren …. und … hatte das Bedeutung ? … außer für den Spekulanten … ?

    was bleibt ? … tja … nur demut … in das erscheinende Leben hinein …
    hätte ich ja irgendwie vorher auch schon haben können … 😉 … oder ? …
    ist das nur einem schlichten Gemüt möglich und dem verkopften fredoo unmöglich ohne eine Gewaltkur a la „AHA“ ?

    ich jedenfalls kann da auch jetzt keine Aufforderungen mehr aussprechen ,
    seien sie an eine persönliche Seele gerichtet oder an einen Freund …
    was für ein Gewinn könnte da be-deutbar sein ? … außer Demut …

    Gefällt 4 Personen

  2. fredoo schreibt:

    Was ich bei dieser Gelegenheit doch mal bemerken möchte , angesichts dieser diversen Anweisungen dieser diversen Ollen …
    Zumeist hatten diese ja , wie explizit die Patriarchen des Chan , eine berufliche Situation , wo sie als Äbte oder ähnliches mit einer Gruppe von Suchern konfrontiert waren , denen sie also nur dadurch „Gutes“ tun konnten , indem sie ihnen ordentlich den „erwartungsvollen Kopf waschen“ mussten …
    Das heißt , sehr viel mehr als echte Hinweise , oder gar Hilfen , zu einem Erreichen , von was auch immer , an einen Mitmenschen , war ihr Tun am beruflich notwendigen Mäßigen der Erwartungen einer Gruppe orientiert . Auch und gerade der Herr Buddha , so es ihn denn überhaupt historisch gab , steckte in diesem Dilemma , und konnte sich unter tausenden Kopfwasch-Aspiranten unter „seinen“ Mönchen höchstens eines einzigen „wissenden Lächels“ im Gegenüber erfreuen .
    ( Wenn da nicht irgendwie doch der von mir oft erwähnte Trick des Hereinlegens durch Forzieren in Richtung Kollaps im Hintergrund am wirken war und heut noch ist ) .
    Vordergründig sehen wir da durch die Jahrhunderte hindurch diverseste „Lehrer“ die allesamt ihren Schülern zu verklickern versuchen , dass es da nix erreichend zu lernen gibt , sondern nur zu ertragen .
    Man darf schon bemerken , dass dies reichlich seltsam ist .
    Die Formulierung des Herrn Kabir an seine „Freunde“ ist da schon eine eher bemerkenswert „gelungene“ … auch wenn sich seine weiteren Worte wieder merkwürdig vertraut mit einer Vorstellung von etwas Wertvollem , zu Erreichendem , sich zu Entledigendem dekorieren …

    Verdammt noch mal , steck ich da jetzt in ner Winterdepression , oder zeigt sich da das Altern in seiner dunklen Seite , ich kann da einfach nix wirklich erstrebenswerteres oder wertvolleres finden , als das , was da ist , in dem , was da so oder so oder so ähnlich oder ganz anders „Leben“ spielt , egal ob das bei mir , oder bei einem Freund … gerade eben … „Leben“ spielt …

    So wie dem Nitya ja der Satz „Hege keine Vorstellungen , sondern vermeide Meinungen“ wertvoll ist , ist es mir die mich wahrhaft immer wieder erleichternde Bemerkung der ollen Freunde des Dao … „hinterlasse keine Spuren“ …
    Nix scheint mir entlasstender , damit weiser oder klüger je ausgesprochen zu sein …
    Wenn es denn eines Spruches unbedingt mal bedürfte …

    Gefällt 2 Personen

  3. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,

    ..Kabîr sagt: „Es ist die Laune der Suche, welche hilft; ich bin der Sklave dieser Laune der
    Suche.“ ……

    Punito sagt : “ Ich bin der Sklave jener Laune , um deren Nicht- Existenz

    Nun kann ich ja , vollkommen fehl gehen , mit meinen Worten .
    Macht nix , das was drin lebt – lebt ewig – auch nach mir noch fort . 🙂
    Herzliche Grüße
    Punito

    Gefällt 3 Personen

  4. Nitya schreibt:

    Werter Herr Fredoo,

    ich bin ja schon ein bisschen älter als du, darf also des Alters dunkle Seite mehr bedauern als du, mir ist bloß so gar nicht danach. Wenn ich dir alle meine Alterbeschwerlichkeiten auflisten würde, würdest du vermutlich noch mehr in eine Altersdepression versinken. Da Komische ist nur, ich kann da bei mir kein Bedauern und keine Depression ausmachen. Kabir:

    Wenn Du die Vereinigung jetzt hast,
    dann hast Du sie auch danach.
    Bade in der Wahrheit,
    wisse den wahren Lehrer,
    habe Vertrauen in den wahren Namen!

    „Enthalte dich deiner Meinungen“ bzw. „hinterlasse keine Spuren“ verraten nicht, warum man das besser bleiben lassen sollte. Ich vermeide so gut ich kann so ein Wort, wie es Kabir ausspricht: „Vereinigung“. So wie es Shankara richtig formuliert, macht es einfach keinen Sinn:

    Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos,
    da sie nur Vorstellungen erzeugen;
    alle Worte sind dem Befreiten nutzlos,
    da er sie nicht benötigt.

    Das bedeutet jedoch nicht, dass das , was nicht ausgesprochen werden sollte, nicht wirklich wäre. Die ollen Dao-Freunde und der olle Seng-ts’an haben sich mehr auf der Machensebene bewegt: Enthalte dich, hinterlasse nicht. Das ist eher so eine psychotherapeutische Hygieneempfehlung. Und derjenige, der scheinbar in der Lage ist, sie umzusetzen, wird zweifellos davon profitieren. Aber es ist nicht das, was Kabir da leichtsinnigerweise anspricht.

    Wir könnten uns jetzt darüber steiten, warum Mahakashyapa lächelte – falls es die Heinis je gab. Ich gehe von dem aus, was geschah als Heinz Butz „Spüren Sie’s?“ flüsterte. Er hat nie gesagt, was man da spüren „sollte“. Aber ich kann ja nur von meinem Erleben ausgehen. Und ich kann sagen: Ja, es ist gut, sich seiner Meinungen zu enthalten und keine Spuren zu hinterlassen. Aber das ist nicht nicht das – ich nenn’s jetzt einfach das Namenlose. Das, was nicht gesagt werden kann, nicht mitgeteilt werden kann, das nicht machbar ist. Und einen Weg dahin kenne ich nicht. Insofern ist „Demut“ an dieser Stelle eine wahrscheinlich sehr hilfreiche Haltung.

    Gefällt 4 Personen

    • fredoo schreibt:

      ach … wie so fein … mal wieder … die Worte des Eichhörnchen-Freundes … 😀

      Es ist mir auch deutlich … ohne auch jemals eine allgemeine Bedeutung des AHA zu behaupten , ist es mir dies ( zugegebenermaßen ) das Bedeutenste in meinem persönlichen Leben . Denn da … hat es seine tiefen Spuren hinterlassen …
      und mich seit dem wohkltuend motiviert , „keine Spuren zu hinterlassen“ .. 😉

      Und doch … ist es mir in all den Jahren danach , manchmal amüsiert , manchmal schmerzhaft , bewusst geworden , welchen Bärendienst ich da Freunden oder einfach nur Mitmenschen erweisen kann , davon dann doch zu berichten … und wohl damit nur gutes Beispiel von Vergeblichkeit zu geben …
      Und doch … ist es dann einfach wohltuend „wärmend“ , sich ab und an in einer Gemeinschaft von „Mitbetroffenen“ zu wissen , denen diese vergeblichen und stets misslingenden Versuch des Berichtes vom Unwörterbaren aus eigenen Vegeblichkeiten bestens vertraut sind .

      fein , das es diesen Ort hier gibt … und danke ….

      Gefällt 2 Personen

  5. Brigitte schreibt:

    Also – in Wirklichkeit ist dieses Menschsein nichts
    Besonderes.

    Was auch immer wir sein mögen,
    es handelt sich nur um den Bereich
    der äußeren Erscheinungen.
    Wenn wir diesen Schein hinwegnehmen und das
    Transzendente sehen,
    dann werden wir sehen,
    dass nichts vorhanden ist.

    Es gibt einfach nur universelle Merkmale.
    Geburt am Anfang,
    Wandel in der Mitte
    Und das Vergehen am Ende.

    Das ist schon alles.

    Wenn wir sehen,
    dass es sich mit allen Dingen so verhält,
    dann entstehen keine Probleme.

    Wenn wir das verstehen,
    dann haben wir Zufriedenheit und Frieden.

    Ajahn Chah aus „Unsere wirkliche Heimat“

    Gefällt 3 Personen

    • punitozen schreibt:

      In meiner Lebensspanne , liebe Brigitte , gibt es nichts anderes
      als die Form der Menschwerdung zu erleben , um zu begreifen ,
      Einfache Kost dieses Leben schmeckt , aaahh !
      “ Und was ist mit Krankheit , Armut , sowie der Sterblichkeit ? “
      sagen die Einen .
      An dieser Stelle schweige ich und halte nach “ der Ahnen Sitte “
      nur einen Finger “ in die Höhe . 🙂
      Sei herzlichst gegrüßt

      Gefällt 2 Personen

  6. Pingback: Kabir | Radikale Erleuchtung

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