Sa’di: wenn auf beiden Seiten Toren stehn

 

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Zwei Weise werden stets in Frieden bleiben,
Ein Kluger wird sich nie am Toren reiben,
Und wenn der Tor mit finsterm Grolle spricht,
Erheitert sanft der Weise sein Gesicht.
Bei zwei Verständ’gen wird kein Härchen brechen,
Auch nicht, wo sanfter Mann und Starrkopf sprechen;
Doch wenn auf beiden Seiten Toren stehn,
Muß auch die Kette selbst in Stücken gehn.

aus: Sa’di, Moṣleḥ oʾd-Din, „Rosengarten“

Also mal wieder ein Schwank aus meinem Leben, damit ihr ohne den geringsten Zweifel wisst, mit was für einem Toren ihr es zu tun habt. Kürzlich hatten wir auch in Hamburg das gefürchtete Blitzeis. Da ich seit meinem durch Schneeschippen hervorgerufenen Herzinfarkt vorsichtshalber nicht mehr zur Schneeschaufel greife, lasse ich schippen. Der vor Jahren bestellte Winterdienst war so unzuverlässig, dass ich ihm kündigte und für das nächste Jahr einen anderen Winterdienst beauftragte, der seine Arbeit ganz ordentlich machte. Dieses Jahr hatte ich aber noch nichts von ihm gesehen und auch noch keine Rechnung erhalten. Also rief ich da an und fragte nach, ob ich überhaupt noch auf ihrer Kundenliste stünde. Es meldete sich ein junges Mädchen, das von nichts was wusste. Dann aber hörte ich aus dem Hintergrund ein donnergrollendes Organ: „Sie haben gekündigt!“ Ich dachte, ich spinne. Ich kündige doch nicht und hol mir den nächsten Infarkt! Und jetzt bekommt ihr eine bühnenreife Inszenierung der Aussage von Sa’di: „Doch wenn auf beiden Seiten Toren stehn, muß auch die Kette selbst in Stücken gehn.“

w

Ich: „Ich habe nicht gekündigt!“
Sie: „Sie haben gekündigt!“

Ich: „Ich habe nicht gekündigt!“
Sie: „Sie haben gekündigt!“

Ich: „Ich habe nicht gekündigt!“
Sie: „Sie haben gekündigt!“

Ich: „Ich habe nicht gekündigt!“
Sie: „Sie haben gekündigt!“

Ich: „Ich habe nicht gekündigt!“
Sie: „Sie haben gekündigt!“

Nach dem letzten Schlagabtausch schmetterte der Cerberus den Hörer auf die Gabel, gibt’s ja heute auch nicht mehr, und ich stand mit hochrotem Kopf kurz vor dem nächsten Schlaganfall. Also setzte ich mich an meinen Rechner und schrieb der Lady, mit was sie in einem Schadensfall alles zu rechnen habe, falls sie kein Kündigungsschreiben vorlegen könne.
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„Zwei Weise werden stets in Frieden bleiben.“ Die Rettung nahte in Gestalt einer weisen Frau, die sich mal eben in die Höhle des Cerberus, eigentlich ja einer Cerbera, begeben wollte. Zu meiner Überraschung kam sie unversehrt wieder zurück und strahlte über alle vier Backen. Die angebliche Cerbera hätte sich als eine ausgesprochen freundliche Frau entpuppt, die etwas verwirrt über meine Mail gewesen sei und gerade dabei war, mir freundlich ihr fehlendes Verständnis mitzuteilen. Die beiden weisen Damen waren sich sehr schnell einig, dass das Ganze auf einem Missverständnis beruhen musste und die Ex-Cerbera versicherte, dass ich noch auf ihrer Kundenliste stehen würde und ich mir keine Sorgen machen müsste. Hach, fiel mir da ein Stein vom Herzen und ich bedauerte zutiefst meine Torheit.

Aber irgendwie ließ es mir keine Ruhe. Wir konnte es sein, dass aus dieser schrecklichen Cerbera plötzlich eine liebenswürdige Weise geworden war? Mir fiel ein, ich könnte die Telefonnummer verwechselt haben. Vielleicht hatte ich ja tatsächlich den Winterdienst angerufen, dem ich vor Jahren gekündigt hatte. Ich guckte also auf der Fritzbox nach und tatsächlich, ich hatte die alte Firma angerufen und die Cerbera war also so was von im Recht! Oh Schande, Schande, Schande – Asche auf mein Haupt!

Was bin ich doch für ein Tor! Nix von weise, aber schon gleich gar nix!

g

(… und ich hab mich so was von im Recht gefühlt!)

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14 Antworten zu Sa’di: wenn auf beiden Seiten Toren stehn

  1. Elwood schreibt:

    Danke für diese Geschichte lieber Nitya, kommt mir nur allzu bekannt vor – schmunzel…
    Mittlerweile geh ich immer öfters davon aus, das meine Meinung sich als völliger Irrtum entpuppen kann. Gerade vor ein paar Stunden kam mir der Kellner vom Restaurant auf der Straße nachgelaufen und wedelte mit der Rechnung. Ich dachte ich hätte ihm ein gutes Trinkgeld mit unter dem Rechnungschein gelegt, aber stattdesseausn habe ich nur die Nettosumme gelesen und zuwenig bezahlt. Nah halb so wild. Aber wenn’s um ernstere Dinge geht, wie bei z.B. Dir um die Gesundheit, da wird mir meine Meinung auch sehr wichtig und schießt schon öfters übers Ziel hinaus. Dann sach ich immer zu mir selbst „ja,ja alle doof außer ich!“, bitte um Verzeihung falls ich jemanden etwas unterstellt habe und schmunzel über die Fehlbarkeit.

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    • Nitya schreibt:

      03:13 – mein Güte, du scheinst ja auch so’n seniler Bettflüchtling zu sein, lieber Elwood. Ich mach’s jetzt immer so, dass ich meine Beiträge um 00:01 reinstellen LASSE. Dann kann ich sie schreiben, wenn mir danach ist und nicht zwingend am frühen Morgen. Schlaf sei wichtig, hab ich mir sagen lassen und mein Serotinspiegel sei im Keller.

      Jemand hat mal gesagt: „Immer wennn du glaubst im Recht zu sein, bist du nicht im Recht.“ Er meinte damit, dieses dusselige Gefühl „ich bin im Recht!“ Das kann einen total verblöden. Das Blut steigt in den Kopf, man klettert auf den Misthaufen und kräht nur Unsinn in die Welt. Also, er wollte sagen: Auch wenn du tatsächlich im Recht wärest, bist du nicht im Recht. Und wo er Recht hat, hat er Recht.

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  2. Ayni schreibt:

    ES scheint mir nicht nur, sondern Es ist bei sehr präziser Wahrnehmung des sogenannten >Selbst?!< wohl unabdingbar so, daß wir immer genau Das vor die Nase gesetzt bekommen, was wir verlernen sollen…….echt rEcht haben wollen oder in desselbigen sein Sein zu erleben ist demnach für das Ich überlebenswichtig, was bei einigen Menschen sogar zum Märtyrertod führen kann, hmmmm.
    Ich spiele & assoziIrre ja gerne gerne mit Worten und mir fällt soeben dieses französiche " tout droit" zu, was als Peripheriespitze dbzgl. noch ein Sahnehäubchen oben drauf setzt.
    Es hat & ist unphänomaler Art & weiser Weise HALLt alles seinen Grund im Sinne " à la raison"
    ……Leben halt.
    Wünsche einen schönen Sonnentag

    Gefällt 1 Person

  3. Pieter schreibt:

    Danke Nitya, es ist außerordentlich beruhigend zu lesen, auch anderen geht es so .
    Ständig versuche ich mit mehr oder weniger Erfolg nichts mehr zu behaupten.
    Mit Betonung auf weniger 🙂

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Pieter,

      es wäre gelogen, wenn ich verschweigen würde, dass mir die Anbrüllerei nicht auch Spaß gemacht hätte. Wut kann ein richtig geiles Gefühl sein. Man fühlt sich wie ein Vulkan, wie ein Feuergott. 🙂

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  4. Alexandra schreibt:

    Lieber Nitya, da ist wohl mal die Wut der neun hervorgebrochen… kenn ich natürlich auch, wenn auch weniger, wenn es ums Rechthaben geht. (Kriege zu oft gezeigt, dass ich nicht recht habe und habe mich schon daran gewöhnt. Das macht das Leben, insbesondere in der Schule beträchtlich leichter). Aber wehe, wenn ich mich mal aufrege… dann ist es ratsam, einen Sicherheitsabstand einzunehmen! Mein Papa war auch eine neun wie sie im Buche steht und meistens die Ruhe selbst. Aber wenn ich mal übertrieb und den Bogen überspannt hatte, dann… reichte meistens ein Blick und ein donnerndes Wort … aber meistens regen wir uns auch schnell wieder ab, oder? Ich weiß hinterher manchmal gar nicht mehr, warum ich mich so aufgeregt habe… einen schönen, unaufgeregten Sonntag wünsche ich dir!

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Alexandra,

      die NEUN steht im Zentrum der Wut-Zeichen. Das sollte bei all ihrer angeblichen oder tatsächlichen Friedfertigkkeit nicht übersehen werden. Vielleicht ist ja ihre ganze Friedfertigkeit nichts anderes als unterdrückte Wut. Vielleicht müsste man ihr den heißen Tipp geben: Mut zur Wut?

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      • Alexandra schreibt:

        Ich merke, dass ich bei anderen Sachen wütend werde, als früher. Und traue mich zum Glück immer mehr, da deutlich meine Meinung zu sagen, wo ich es für nötig befinde. Weniger Angst, jemanden vor den Kopf zu stoßen, nicht mehr gemocht zu werden ist da. Finde ich sehr befreiend. 😎

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  5. Brigitte schreibt:

    Lieber Nitya, fein das, wenn pure Wut so richtig alle Kanäle durchpustet und für einen Moment das Hirn lahmlegt und die „mentale Verstopfung“ beseitigt. Die darunterliegende Kraft ist gewaltig und hinterher bin ich immer ganz erstaunt, dass nix Schlimmeres passiert ist. Ich glaub der Kodo wars, der gesagt hat, »Wir unterscheiden uns nur in dem, woran wir festhalten – „Was du für richtig hältst, halte ich für falsch. Was ich für richtig halte, hältst du für falsch. Sind wir nicht beide sehr gewöhnliche Menschen?“« – Da ist schon was dran;)

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  6. punitozen schreibt:

    “ Lassen Sie`s raus ! “ 🙂

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  7. Michael schreibt:

    Hallo Nitya,
    Danke für deine ehrliche Geschichte – wie im richtigen Leben. 🙂

    Manchmal dauert es etwas länger, dass „man“ sein (innerstes?) Wesen im Anderen erkennt (der hat ja in deinem Beispiel auch schließlich angefangen 🙂 🙂 „aber hörte ich aus dem Hintergrund ein donnergrollendes Organ“ ) – ist nicht immer angenehm, wenn ich es nicht erkenne. Diese Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht. Bei dir ging das doch ziemlich schnell mit der Erkenntnis.

    Aber irgendwann „scheint dann doch immer wieder das Licht in der Finsternis“.

    Ich „musste“ mich erst letzte Wich beruflich bei jemanden entschuldigen, den ich zu hart und wahrscheinlich auch ungerecht angegangen war. Danach wurde ich ruhiger und weicher…..

    Na ja, und das ich noch einmal deutsche „Schnulzen“ gut finden würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen 😉 – aber jetzt ist es gut so.

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  8. kopfundgestalt schreibt:

    Eine unglaubliche Geschichte! Danke fürs Mitteilen 🙂

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