Omar Khayyám: Reicht dir ein Weiser Gift, so trink’s getrost

 

khayyam

O starrer Rechtsgelehrter, unsere Arbeit ist besser als deine.
Trotz unserer Trunkenheit sind wir nüchterner als du:
Du trinkst Menschenblut, wir das des Weins,
gib’s zu – wer von uns ist blutdürstiger?

Omar Khayyám

Kürzlich hat Brigitte den Ḫāǧe Šams ad-Dīn Moḥammad Ḥāfeẓ-e Šīrāzī (oder kurz Hafis, das bedeutet „einer, der den ganzen Koran vollständig auswendig kann.“) zur allgemeinen Freude hier reingestellt. Und ich musste unwillkürlich an ein anderes großes persisches Genie denken, an Omar Khayyám. Ich konnte mich eigentlich nie wirklich mit dem Zen anfreunden, obwohl ich es andererseits absolut vollkommen fand. Irgendetwas fehlte mir, etwas das ich schon viel eher bei den Taoisten finden konnte. Noch mehr allerdings wurde ich von den alten Sufis angesprochen: Mansur (857 – 922), Khayyam (1048 – 1131), Attar (1136 – 1220), Rumi (1207 – 1273), Saadi (1210 – 1292) und  Hafiz (1315 – 1390). Lauter persische Sufis, die so misstrauisch von den anständigen Moslems beäugt wurden wie bei uns die Mystiker von den anständigen Christen. Und dabei floss jede Menge Blut, wie sich das gehört.

O

Gestern hat der Josef Holthaus auf Facebook zart angedeutet, dass ihm da was bei meinem Huin-neng Beitrag fehle, nämlich das Anhaften. Ich beherrschte mich schwer, nicht zu versuchen,  ihm mit einem schlauen Advaita-Spruch die Luft aus den Segeln zu nehmen, sondern ging in mir und stellte fest, dass ich ihm eigentlich tief in meinem Herzen vollkommen zustimmte. Sein Einwand und Brigittes Hafiz animierten mich also zu diesem Omar Khayyám.

Khayyám spricht von den strengen Rechtsgelehrten, also so in der Richtung wie die Pharisäer bei den Juden oder der Inquisition bei den Christen oder bei Michael Schmidt-Salomons Religioten aller Länder, die sich hoffentlich nie vereinigen wollen. Khayyám wirft ihnen ihre blutrünstige Grausamkeit vor und er sagt etwas, das auf den ersten Blick widersprüchlich klingt: „Trotz unserer Trunkenheit sind wir nüchterner.“ und dann lobt er geradezu überschwenglich den Wein. Waren die Sufis Alkoholiker und der Khayyám lallt da irgendeinen Blödsinn daher? Der Wein ist natürlich eine Metapher, die auf einen Zustand der Trunkenheit vor Freude verweist, der denjenigen erfasst, den die unermessliche Schönheit des Göttlichen zutiefst berührt. Und das ist genau das, was mir beispielsweise bei diesem geradezu protestantisch-puritanischen, zynischen Weltverächter Kodo Sawaki fehlt, so sehr ich Anderes an ihm auch hochschätze. Ich spüre bei ihm nicht die Liebe zur Welt, zum Sinnlichen, zum Kreativen, zum Weiblichen, zum Gefühlvollen, zum Körperlichen, zur Lust, zur Schönheit. All dies lässt sich bei den alten Sufis finden, nachdem sie ihre asketische Phase überwunden hatten. Die Sufis stehen für mich vor allem für ihre Freude an der Göttlichkeit der Schönheit. Das liebe ich so an Osho, wie sehr er den Duft der Schönheit zelebriert. Nein, mit all diesen vertrockneten Toren, die allgemein als Weise gehandelt wurden, hatte Khayyám sicher nichts am Hut. Er schrieb dazu diese Zeilen:

Lass Weise nur und Edle in dein Haus,
Nimm vor dem Toren meilenweit Reißaus.
Reicht dir ein Weiser Gift, so trink’s getrost,
Reicht Gegengift ein Tor dir, gieß es aus!

Omar Khayyám

Aber bevor jetzt der liebe Josef Holthaus einen freudestrahlenden Jodler vom Stapel lässt, muss ich ihm doch noch ein wenig die Suppe (ver?)salzen. Auch Khayyams Zustand der Trunkenheit der Freude über die unermessliche Schönheit des Göttlichen basiert auf diesem Wissen, das beileibe kein Bücherwissen ist. Er schreibt:

O ihr Unwissenden, die körperliche Form ist nichts,
und dieses Himmelsgewölbe der neun Sphären ist nichts:
Sei getrost, denn in der Wohnung von Kommen und Vergehen
sind wir einem Hauch verbunden,
und auch der ist nichts.

Omar Khayyám

 

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15 Antworten zu Omar Khayyám: Reicht dir ein Weiser Gift, so trink’s getrost

  1. Ayni schreibt:

    Werter Nitya,
    Du hast mir mal wieder wie auch schon des öfteren einen durchdringenden Tagesanfang beschert…….ES schneit ! wuWEIssssssssssssssschnee

    Dir eine InTuItiven Tag

    :https://de.pinterest.com/pin/258745941066894190/
    :https://www.youtube.com/watch?v=kmq4xb0_cbU

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  2. Brigitte schreibt:

    Lieber Nitya, mit Omar Khayyam hast du mir eine Riesenfreude gemacht. Jubel!

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  3. Elwood schreibt:

    „Und das ist genau das, was mir beispielsweise bei diesem geradezu protestantisch-puritanischen, zynischen Weltverächter Kodo Sawaki fehlt, so sehr ich Anderes an ihm auch hochschätze.“

    Eine Rose ist eine Rose
    Eine Gänseblume eine Gänseblume
    Uchiyama Kôshô Rôshi

    Ein Affe,
    Ein Affe ohne Schwanz,
    Erscheint vor der Menge.
    Allendhalben spottet man
    Des sonderbaren Meisters –
    Er fuchtelt mit dem Stock,
    Er schreit
    Und schickt die Leute fort,
    Einen nach dem anderen.
    Ich kenne solche Praxis nicht –
    Im Freudenahaus
    Erlebt man Zen
    Bei Tanz und Singen.

    Ikkyū Sōjun

    … tausendmal köstlicher
    ist Herz bei Herz
    als Blume bei Blume.
    ❤❤
    Hafis (Ḥāfeẓ)

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    • Nitya schreibt:

      Sagst auch noch was von Elwood dazu?

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      • Elwood schreibt:

        Ich erforsche meine protestantisch-puritanische Konditionierung und erschnuppere schüchtern wie das Eichhörnchen diesen Herzgeist, wenn er denn erscheint und die Perle NICHTS durchs Kastel rollt….
        Plapper ich mal so planlos in Beliebigkeit…

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    • becky schreibt:

      Interessant, daß es im persischen immer um nackte Frauen geht, aber wo sind da die nackischen Männer? Ist ja in anderen Kulturen auch so, wie z.B. in Deutschland.
      Wird davon ausgegangen, daß Frauen keine Ekstase erleben, da bei Männern die ja schnell sichtbar ist?
      Auf anderen Ebenen ist Nacktheit ja die Norm.

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      • Nitya schreibt:

        Schreib einfach zum Ausgleich ein Gedicht über nackische Männer und stell’s ins Netz. Dann haste deinen Ausgleich.

        Aber möglicherweise haste dich auch einfach im Blog geirrt.

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  4. fredoo schreibt:

    ich gehöre ja auch zu den eher nüchternen … andererseits war mir die holde Weiblichkeit enorm zugetan … und merkwürdig , je lustvoller da das Erlebte war … und davon gab es in den Hippyzeiten und danach auch reichliches … um so unwichtiger ( im sinne von vergänglich ) wurde mir das Extatische … die Drogen , wo ich als Jungspund großer Fan von Lsd und Mescal war und auch noch diverse Hexensälbchen ausprobiert hatte … zeigten mir in einem besonderen Ereignis ihre Fragwürdigkeit ( ich erschien beim letzten Mescaltrip in „Gottes Tronsaal“ und musste mich in dieser Herrlichkeit als mieser Trixer vor mir selber „outen“ , der sich mit 20 DM heimlich und unverdient Zugang erschlichen hatte ) … und … und … und …
    Letztlich erwies sich stets das stille sanfte , auch dem turbulenten Dramatischen unterliegend , als das zu meiner „Eigenart“ passende …
    selbst heute wird mir bei „Liebes“vokabeln und Attitüden seltsam „mulmig“ ( so wie ich bis heute im Kino bei Kussszenen wegschauen muss ) … und das Extatische ist mir schwerlich unterscheidbar vom Aufgesetzten und ist mir für mich (!) seltsam „zuviel“ …
    Jedoch der Zauber des Nüchternen … diese stille Freude der Schlichtheit … war mir die größte Entdeckung … und auch echte Bereicherung , nachdem mir da völlig unvermutet dieses AHA zugemutet wurde …
    zugegeben etwas bewusst untertreibend ( um dem oft Überschwänglichen in der Erwartungen von Mitlesern den gebotenen Widerstand zu leisten ) habe ich eher Vokabeln wie „banal“ , „schlicht“ oder „still“ benutzt , als mich auch in Etüden der Verherrlichung des EIGENTLICHEN zu begeben …
    das es da immer um dieses EIGENTLICHE ging , auch bei den extatischen Worten eines Rumi , war mir stets unleugbar klar … und doch , werde ich da eher von einem anderen „Duft“ betört … diese unsagbaren Tiefe im still banalen … dieser „wärmenden“ Unmittelbarkeit … die … einfach … so … da ist , wie sie halt da ist … und in diesem … einfach … steckt für mich eine erhabene Unendlichkeit , die für mich sogar noch intensiver als Extase ist … da Extase ja immer „mich“ ergreift ( auch wenn „ich“ da verschmelzen mag ) … so ist mir das Staunende irgendwie „würdiger“ … wer wäre da auch da , dieses schlicht in sich stimmige durch hochemotionale Worte aufzublasen ? … und damit ( zumindest für mich ) dieser wundervollen stimmigen Schlichtheit im DA SEIN zu entreißen ? …
    nix falsch an Worten der Extase … und nix falsch am stillen staunende DA …
    Es äußert sich … so … oder so … stets der , der aus spezieller Eigenart startend , ins Unaussprechliche geworfen , wieder in diese Eigenart zurückgeschickt wird , und nur in dieser gebettet , von dieser „Reise“ berichten kann ………………
    Oder aber , wie ich bemerken konnte , halten ohnehin erstaunlich viele lieber den Mund über diese „Reise“ …

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    • Nitya schreibt:

      „so wie ich bis heute im Kino bei Kussszenen wegschauen muss“ – ich nehme mal an, werter Herr Fred, der mit zwei Nullen, dass dieses Wegschauen der vorgetäuschten Nähe geschuldet ist,die du da erlebst.

      Ansonsten, ob du nun staunst oder jubelst – beides ist Ausdruck des Unmanifestierten. Du kennst sicher die Aussage Rumis: „Wo die Liebe erwacht, stirbt das Ich, der dunkle Despot.“ Dieses Sterben des dunklen Despoten ist derart befreiend, dass es eben je nach Charakter staunend oder jubelnd erlebt wird. Gleichzeitig offnet sich im manifestierten Bereich eine alles einschließende Weite, die weit entfernt ist von jeder Moral. Was ich noch anmerken darf: Nüchternheit und Ekstase schließen sich um Gottes willen nicht aus. Omar Khayyam bringt es wunderbar auf den Punkt: „O starrer Rechtsgelehrter, unsere Arbeit ist besser als deine. Trotz unserer Trunkenheit sind wir nüchterner als du:“ Wobei ich jetzt nicht gesagt haben will, dass du ein starrer Rechtsgelehrter bist. So habe ich dich jedenfall noch nie erlebt.

      Gefällt 2 Personen

  5. punitozen schreibt:

    Ich bin wie ein Chamäleon: Wenn ich im Zug sitze, mache ich ein grimmiges Gesicht, damit mich die Kinder nicht beim Nickerchen stören. Ihr könnt euch vorstellen, was die für ein überraschtes Gesicht machen, wenn ich ihnen dann beim Aussteigen freundlich zulache und sage: „Ich wünsch euch noch eine schöne Reise!“
    Kodo Sawaki

    Nun , ja lieber Nitya ,
    Kodo ist auf dem ersten Blick weniger lyrisch als die von dir Erwähnten .
    Berühren seine Worte das Herz – weißte was , ach Quatsch , ZEN hat keine Liebe ;
    ES führt dahin , ohne Worte und , und und….!
    Herzlichen Gruß
    Punito
    P.S. Noch `ne Liebesschnulze gefällig ? Bitte sehr , bitte gleich , kommt sofort ! 🙂

    Gefällt 2 Personen

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