Hui-neng: in einem Gedankenaugenblick

 

h

Der Geist des Menschen ist nichts Vorstellbares. Er ist ursprünglich äußerste Ruhe und ohne Beziehung zu falschen Ansichten. Dies ist der „große Grund“ (Buddha-Wesen). Innen (im Ursprung) und außen (im Wirken) nicht irregeführt sein, bedeutet, von beiden nicht gefesselt werden. Außerhalb irregeführt sein, ist ein Haften an der Form. Innen irregeführt sein, ist ein Haften an der Leere. In der Form losgelöst sein von Form und in der Leere losgelöst sein von Leere, das heißt innen und außen nicht irregeführt sein. Wenn man selbst zu dieser Wahrheit erwacht ist, öffnet sich der Geist in einem Gedankenaugenblick, und Buddha erscheint in der Welt. Was öffnet sich im Geist? Die Weisheit des Buddha. Und Buddha bedeutet Erleuchtung.

aus: Hui-neng, „Das Sutra des sechsten Patriarchen“

0

In meiner Jugend habe ich mal ein paar Wochen in der Dekorationsabteilung eines Kaufhauses gearbeitet. Zwischen den Dekorateuren dieses Kaufhauses, genannt „Kaufhaus“ gab es so etwas wie einen Konkurrenzstreit mit den Dekorateuren von Woolworth. Während die Konkurrenz offensichtlich jedes gerade angebotene Produkt in die Schaufenster quetschte, waren die Dekorateure „meines“ Kaufhauses um so etwas wie Schaufenstergestaltung bemüht. Das heißt, sie reduzierten radikal die Menge der ausgestellten Produkte und beschränkten sich auf die Highlights. In unmittelbarer Nähe gab es auch noch einen Juwelier. Der pflegte in seiner Auslage nur eine einzige Kostbarkeit auszustellen. Das, was ich hier von Hui-neng reingestellt habe, ist so eine Kostbarkeit und mehr liegt nicht in der Auslage. Ein einziger geschliffener Diamant. Hätten hier die Woolworth-Dekorateure gewütet, wäre der Diamant sicher von allen Seiten zugemüllt worden und vom Diamanten wäre nichts mehr zu sehen gewesen. Das Ego hat unendlich viele Tricks auf Lager, sich vor seiner Entdeckung als Illusion zu schützen. Ein besonders beliebter Trick ist das Zumüllen. Wer also seiner Ich-Vorstellung auf die Spur kommen will, und das ist auch die Ich-Vorstellung, könnte vielleicht erst einmal versuchen, mit seiner Ich-Vorstellung seine Zumüll-Sucht zu entdecken.

m

Ein Diamant aus der Hand des 6. Ch’an-Patriarchen ist mehr als genug. Wer dieses Geschenk in vollkommener Offenheit entgegennimmt, der erwacht vielleicht zur Wahrheit und sein Geist öffnet sich in einem einzigen Gedankenaugenblick. In diesem Augenblick erscheint Buddha in der Welt, leuchtet das Licht in der Finsternis. Dabei ist Hui-nengs Botschaft so einfach: „Der Geist des Menschen ist nichts Vorstellbares.“ Kein Ding. Weder grobstofflich noch feinststofflich – kein Ding. Nichts also, an dem man sich festhalten könnte. Nichts, von dem man gefesselt sein könnte. Von einer Form kann man gefesselt sein, von der Leere kann man gefesselt sein. Also habe ich sowohl Form wie Lehre zu Objekten gemacht. Und plötzlich stelle ich fest, dass ich süchtig geworden bin. Es spielt keine Rolle, ob ich alkoholsüchtig bin oder machtsüchtig oder sexsüchtig oder sicherheitssüchtig oder erleuchtungssüchtig oder süchtig nach was auch immer. In jedem Fall klammere ich mich an ein Objekt. Der Geist des Menschen ist nichts Vorstellbares, ist kein Objekt. Mit jedem Klammern an ein Objekt mülle ich mein Bewusstsein zu.

Eine Kleinigkeit habe ich anzumerken: Hui-neng sagt im zweiten Satz: „Er [der Geist des Menschen) ist ursprünglich äußerste Ruhe und ohne Beziehung zu falschen Ansichten.“ Erstens ist jede Ansicht vorstellbar und zweitens gibt es keine richtigen Ansichten. Ansichten sind Ansichten und gehören ins Reich der Dinge. Insofern ist gefesselt zu sein von angeblich richtigen Ansichten fast noch schlimmer als gefesselt zu sein von angeblich falschen Ansichten. Ich hätte den Satz also so formuliert: „Der Geist des Menschen ist ursprünglich äußerste Ruhe und ohne Beziehung zu irgendwelchen Ansichten.“ Das ist der Diamant. Die Weisheit des Buddha. Da habt ihr ihn. Mehr ist nicht. Nu macht ma hinne!

0

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Hui-neng: in einem Gedankenaugenblick

  1. Marianne schreibt:

    Kann ein solcher Diamant wirklich „zugemüllt“ werden?
    Kann er gefunden werden, wenn er schon immer da war und immer da sein wird?
    Kann sich der Geist dafür öffnen, wenn er doch selbst der Diamant ist?

    Die ganze Paradoxie jeglicher Suchen oder Erleuchtungsvorstellungen werden in diesen paar Sätzen deutlich.

    Schöner Text! Danke dafür.

    Gefällt 2 Personen

    • Nitya schreibt:

      Zu 1. Nimm’s mal wörtlich. Ein Diamant ist ein Ding. Jedes Ding kann zugemüllt werden. Der von Hui-neng angesprochene Diamant ist natürlich Kein-Ding. Und du hast recht, Kein-Ding kann nicht von Dingen zugemüllt werden. Aber: Kein-Ding kann bei all den Dingen im Alltagsbewusstsein übersehen werden.

      Zu 2. Die Brille auf der Stirn, die gesucht wird, kann gefunden werden. Und sie war auch schon vorher da. Es wurde einfach vergessen, dass man sie auf die Stirn hochgeschoben hat. Nun ist die Brille wieder ein Ding und die Frage ist berechtigt, ob das auf ein Nicht-Ding übertragen werden kann. Ich würde sagen: Ja. auch das Nicht-Ding, das ich bin, kann völlig in Vergessenheit geraten sein. Deswegen machen die sog. Meister nichts anderes, als an die Brille bzw. das Nicht-Ding zu erinnern.

      Zu 3. Da müsste wohl zwischen Geist und GEIST unterschieden werden bzw. zwischen identifiziertem und nicht-identifiziertem Bewusstein. Geist kann bis zu einem gewissen Grad erkennen, dass er sich auf dem Holzweg befindet und dadurch durchlässiger werden. GEIST muss sich nicht öffnen, da er schon immer das ist, was Bodhidharma „Offene Weite, nichts von heilig“ nannte. Wie der Geist zu GEIST werden kann, bleibt das große Geheimnis.

      Und jetzt zitiere ich den Eno:

      „Und doch immer daneben. Immer sind es nur Worte.
      Gut so! So endet der Spass nie.“

      Nun habe ich auch noch einen kleinen Haufen gemacht. 🙂

      Gefällt 3 Personen

  2. fredoo schreibt:

    ich kenne (persönlich) nur eine „Masche“ wie sich das „EIGENTLICHE“ offenbart …
    von anderen „Maschen“ habe ich nur dem Hörensagen nach vernommen …
    ( und bezweifele immer noch , ob sie denn genau so stattgefunden haben )

    es scheint mir nur über eine Art Stolpern zu funktionieren …
    eine Art Zündaussetzer in der alltäglichen Projektionsroutine …

    Im Moment des morgendlichen Aufwachens beginnt unabwendbar diese Routine …
    ein Bild folgt dem nächsten , einander sehr ähnlich , doch von Bild zu Bild leicht verschieden , entsteht so , ähnlich dem Daumenkino , die „ich erlebe mein Leben – Geschichte“ …
    hinter dieser Geschichte verbirgt sich durch die Sucht der Faszination bestens verborgen , das weiße Papier des Daumenkinos , etwas was ich heute mal wieder das EIGENTLICHE nenne …
    Doch … auch wenn ich das „weiß“ … es mir durch schlaue Worte eines Hui-Neng oder eines Horst Schlemmer intellektuell unwiderlegbar erscheint … ändert das nix an der Macht der Faszination …

    Letztlich besteht diese Macht lebenslang … Es gibt also wahrscheinlich keine Möglichkeit diese Faszination direkt zu entmachten ( außer durch elegantes Harakiri ) …
    Was nun aber doch … irgendwie „funktioniert“ … ist das „Bemerken des Zundaussetzers“ , der kurze Hickser im Projektionsalltag … der Moment , wo der MOMENT hinter jedem (!) Moment deutlich wird … und ein merkwürdiges Phänomen beginnt … was eigentlich erst das Befreiende an dieser merkwürdigen „Befreiung“ bewirkt … denn … obwohl die ganz normale Bild-an-Bild-Faszinations-Routine alsbald wieder beginnen wird , bleibt dieser MOMENT hinter den MOMENTEN künftig unvergessbar und unbezweifelbar … seltsam das (zumindest für mich anfangs , bis ich auch das „verstehen“ konnte ) … das Befreiende ist also nicht der MOMENT selbst , der einfach nur die Natur der Wirklichkeit offenbart und alsbald wieder -zugemüllt- wird durch Bild an Bild an Bild … das Befreiende ist stattdessen die fürderhin vorhandene Unvergessbarkeit und Unbezweifelbarkeit dieses MOMENTES der leeren Brillianz … (deswegen gefällt mir auch das heutige Bild vom Bi

    Doch zurück , zu dem ,was (nach meiner Kenntnis) , diesen „Zündaussetzer“ auslösen kann … wohl nix , was Methode des Handelns ist … dies haben ja schon all die schlauen Ollen verkündet … doch ( ! ) … und hier lohnt sich der genauere Blick … wiederum nicht als eine Methode des Nicht-Handelns … sondern als ein letztlich recht „tricky Schubser in das Scheitern“ … als ein Potenzieren der Verzweiflung … als einen Klimax der Vergeglichkeit … als eine raffinierte SelbstFalle … (deshalb gefällt mir das Bild des Stolperns) … halt als – was auch immer – den Kollaps der Vorausprojektion dann endlich mal stattfinden lässt ….
    Doch … auch hier noch immer keine Gewissheit … ob dies alles … so … veranlassend (!) ist , oder aber ob es letztlich nicht nur eine Dekoration (als ob – veranlassend) eines völlig automatischen Prozesses der manchmal bei Mancheinem stattfindenden Akuten-Ent-Faszination ist … ich vermag es auch nicht zu sagen …
    Aber egal … glaub ein jeder was er zu glauben beliebt … wenn es denn der möglichen Akuten- Ent-Faszination dienlich ist ( egal ob veranlassend oder nur dekorativ begleitend ) … ist es gar fein ..

    Gefällt 4 Personen

  3. becky schreibt:

    Ich weiß nicht, obs reinpaßt zum Thema, zeigt aber die Mechanismen auf. Ist von Castaneda`Traumbuch, da erklärt D.J.Malus:

    “ All dies,
    was wir wahrnehmen, ist Energie. Aber weil wir Energie nicht unmittelbar
    wahrnehmen können, konditionieren wir unsere Wahrnehmung
    in der Weise, daß sie sich einer Form anpasst. Diese Form
    ist der soziale Teil der Wahrnehmung, den du abtrennen mußt.«
    »Warum sollte ich ihn abtrennen?«
    »Weil er den Umfang dessen, was wir wahrnehmen können, willkürlich
    einschränkt und uns glauben macht, daß die Form, in die
    wir unsere Wahrnehmungen pressen, das einzige sei, was es gibt.
    Wenn der Mensch heute überleben will, davon bin ich überzeugt,
    wird er die soziale Grundlage seiner Wahrnehmung verändern
    müssen.«
    »W as ist d ie soziale G rundlage der W ahrnehm ung, D on Juan?«
    »Die physische G ewissheit, daß d ie W elt aus konkreten O bjekten
    besteht. D ies b ezeichne ich a ls soz ia le G rundlage, w eil a lle in
    dieser G esellschaft uns zwingen w ollen, d ie W elt so w ahrzunehmen,
    w ie w ir sie eb en k ennen.« »W ie aber sollten wir die W elt
    wahrnehmen?« »Alles ist E nergie. D as ganze U niversum ist
    Energie. D ie soziale G rundlage unserer W ahrnehmung sollte d ie
    physische Gewissheit sein, d aß e s n ichts a ndres g ibt a ls E ne rgie . “

    🙂

    Gefällt 3 Personen

  4. Nitya schreibt:

    In unmittelbarer Nähe gab es auch noch einen Juwelier. Der pflegte in seiner Auslage nur eine einzige Kostbarkeit auszustellen. Das, was ich hier von Hui-neng reingestellt habe, ist so eine Kostbarkeit und mehr liegt nicht in der Auslage. Ein einziger geschliffener Diamant. Hätten hier die Woolworth-Dekorateure gewütet, wäre der Diamant sicher von allen Seiten zugemüllt worden und vom Diamanten wäre nichts mehr zu sehen gewesen. Das Ego hat unendlich viele Tricks auf Lager, sich vor seiner Entdeckung als Illusion zu schützen. Ein besonders beliebter Trick ist das Zumüllen. Wer also seiner Ich-Vorstellung auf die Spur kommen will, und das ist auch die Ich-Vorstellung, könnte vielleicht erst einmal versuchen, mit seiner Ich-Vorstellung seine Zumüll-Sucht zu entdecken.

    Gefällt 3 Personen

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s