Heraklit: mit Gebäuden Zwiesprache pflegen

 

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Reinigung von Blutschuld suchen sie vergeblich,
indem sie sich mit Blut besudeln,
wie wenn einer der in Kot getreten,
sich mit Kot abwaschen wollte.
Für wahnsinnig würde ihn doch halten,
wer etwa von den Leuten ihn bei solchem Treiben bemerkte.
Und sie beten auch zu diesen Götterbildern,
wie wenn einer mit Gebäuden Zwiesprache pflegen wollte.
Sie kennen eben die Götter und Heroen nicht
nach ihrem wahren Wesen.

aus: Heraklit, „Fragmente“

zWas macht so einer wie der Heraklit, wenn er bemerkt, dass er von Idioten umgeben ist, die sich gegenseitig Blutrache schwören und sich im Bewusstseins ihres Rechts ständig gegenseitig abmetzeln? Oder mit Verrückten, die vor irgendwelchen Steinen niederknien, sie Götter nennen und sie anbeten? Heraklit war ein Zeitgenosse Buddhas. Hat sich seit damals wirklich irgendetwas grundlegend geändert? Wenn ich das richtig erinnere, verzichtete Heraklit auf die Würde und Bürde eines aristokratischen Amtes und Privilegs zugunsten eines jüngeren Bruders, um ganz seinen ureigenen Weg gehen zu können. Diesen Weg konnte offensichtlich kaum jemand nachvollziehen, weshalb Heraklit auch „der Dunkle von Ephesos“ genannt wurde. Dass er nach wie vor viel von Aristokratie und wenig von Demokratie hielt, scheint dieses Fragment zu belegen: „Die Ephesier sollten sich samt und sonders, Mann für Mann, aufhängen und den Unmündigen ihre Stadt überlassen, sie, die den Hermodoros, ihren besten Mann, weggejagt haben, indem sie sagten: ‚Von uns soll keiner der Beste sein; wenn aber doch, dann anderswo und bei anderen!’“ Und dann noch dies: „Einer ist mir so viel wert wie Zehntausend, wenn er der Beste ist.“ Der Beste aber ist derjenige, der ewigen Ruhm den vergänglichen Dingen vorzieht. „Die Masse aber frisst sich voll wie das Vieh.“ Tut sie heute immer noch und guckt sich „Deutschland sucht den Superstar“ an. Was hätte Heraklit heute getan? Ich vermute, nichts anderes als das, was er auch damals getan hat.

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In dem Vers spricht Heraklit von Blutschuld. Blutrache ist fast die logische Konsequenz der Blutschuld. Schuld sagt: „Du hättest anders handeln müssen.“ Wenn da aber keiner ist, der anders hätte handeln können, dann ist die ganze Blutschuld und Blutrache einfach nur ein Wahn. Aber auch die angeblich Wahnsinnigen hätten natürlich nicht anders denken, fühlen, handeln können. Und diejenigen, die sich einen Papa Zeus gebastelt haben und ihm nun Opfer bringen und hoffen, dass dieser Stein ihre Wünsche erfüllt, sind genauso wahnsinnig wie die Rachedurstigen. Es spielt keine Rolle, ob der Handelnde ein Sterblicher oder ein Unsterblicher ist.

Ein späterer Vorsokratiker, Epiktet, packte diese Erkenntnis in eine praktische Handlungsanweisung für die, die das nicht verstehen konnten. Er sagte: „Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird dir gut gehen.“

Wir wissen nicht viel über Heraklits Biografie. Er soll sich völlig zurückgezogen haben. Der Wahnsinn und die Unbelehrbarkeit „der Vielen“ ließen ihn wohl das Alleinsein der Geselligkeit vorziehen. Er war anscheinend ein typischer Beta. Was Wunder!

beta

 

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3 Antworten zu Heraklit: mit Gebäuden Zwiesprache pflegen

  1. fredoo schreibt:

    der rückzug … ist er nicht viel mehr konsequenz eigener bedeutungslosigkeit , als verzweiflung ob der inharenten dummheit im homosapiens ?
    wie könnte sich diese dummheit je ändern und vor allem warum ?

    was gäbe es denn auch kluges anzubieten , wenn mir doch auch die eigene dummheit immer unabweisbarer erscheint ?
    was bleibt ?
    rückzug ? … na gut , aber halt auch nur dann , wenn er nicht erstrebt wird sondern sich als bereits geschehen zeigt …
    und da wo rückzug ist ?
    auch da ist ohnehin ja nur leben … eben !

    bet a fredoo

    Gefällt 2 Personen

    • Nitya schreibt:

      Na ja, die die eigene Dummheit hindert einen ja nicht unbedingt daran, an der Dummheit der anderen zu verzweifeln, die ja vielleicht immer noch ein bisschen größer zu sein scheint als die eigene. Wenn ich da so an den sehr geschätzten Fredoo und das Flüchtlingsthema denke, war mir doch gelegentlich, als ob ich da leise Verzweiflung bei eben jenem sehr geschätzten Fredoo wahrgenommen hätte. Aber vielleicht irre ich da ja.

      „rückzug ? … na gut , aber halt auch nur dann , wenn er nicht erstrebt wird sondern sich als bereits geschehen zeigt …“ Das kann ich sofort unterschreiben.

      Gefällt mir

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