Huang-po: keiner Lehre folgen

 

huinengHuineng zerreißt seine Heiligen Schriften

Wer auf dem Wege voranschreiten will, muss zuerst die Schlacken fortwerfen, die er durch die verschiedenartigsten Studien angesammelt hat. Vor allem müssen das Suchen nach irgendetwas Objektivem und jegliches Anhaften aufgegeben werden. Wenn die Schüler auch tiefste Lehren vernehmen, so müssen sie sich doch so verhalten, als hätte ein leichter Wind ihre Ohren gestreichelt, als wäre ein Stoßwind in Blitzesschnelle an ihnen vorbeigebraust. Auf keinen Fall dürfen sie den Versuch machen, solchen Lehren zu folgen. Wer diesen Unterweisungen entsprechend handelt, dringt in die Tiefe ein.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

f

(Vorsichtshalber: Das soll keine Propaganda für Bücherverbrennungen sein, die ja übrigens nicht die Nazis erfunden haben. Heinrich Heines fast schon geflügelter Satz „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, stammt aus seiner Tragödie „Almansor“. Der Muslim Hassan wendet sich damit gegen die Verbrennung des Korans auf Befehl des inquisitorischen Kardinals Mateo Ximenes de Cisneros. HUANG-PO GEHT ES UM ETWAS VÖLLIG ANDERES.)

bWenn ich mich recht erinnere, bat Jiddu Krishnamurti seine Zuhörer, sich keine Notizen zu machen. Ich vermute, er wollte damit genau das verhindern, was auch Huang-po verhindern wollte: Dass die Zuhörer sich irgendwelche Worte merken und sie dann umzusetzen versuchen. Heute haben die Leute Mikrophone, Filmkameras, Bücher, Videos und ich weiß nicht was, also alles was des „Sucher“ genannten Sammler-Herz begehrt und schleppen es in ihren Hamsterbau. Da hamse wat, Herjemine! Nix hamse. Schlimmer als nix. Schlacken. Und damit stopfen sie sich dann voll, bis sie platzen.

Wenn einer krank ist, wird ihm vermutlich jeder Naturheilarzt oder Heilpraktiker sagen: Erst müssen die altern Schlacken und Gifte, erst muss der ganze alte Dreck raus. Und dann darf dieses ganze Gift nicht mehr neu aufgenommen werden. Bevor das nicht passiert ist, brauchen wir gar nicht mit einer Therapie zu beginnen bzw. eigentlich ist das schon fast die ganze Therapie.

c

Cato der Ältere soll jede seiner Reden im römischen Senat mit dem Satz beendet haben: „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.“ (Der muss so’ne Art Hillary Clinton gewesen sein.) Auf gut Deutsch: „Übrigens meine ich, Karthago muss zerstört werden.“ Ich würde am liebsten jeden Beitrag mit Seng-ts’ans Satz beenden: „Vergiss die Wahrheit und glaub bloß nicht deinen komischen Meinungen!“ Meinungen – das sind die Schlacken, die als Erstes fortgeworfen werden müssen. Wir müssen das Suchen nach irgendetwas Objektivem und jegliches Anhaften aufgegeben, sagt der Huang-po und das ist dasselbe in Grün. „Die Wahrheit“ ist etwas Objektives und auch alle Meinungen. Weg mit dem Plunder! Weg mit den Büchern und Videos, die dir irgendeine Wahrheit verkaufen wollen! Es sei denn …

Ich find das ja richtig süß, wie der Huang-po das ausdrückt: „Wenn die Schüler auch tiefste Lehren vernehmen, so müssen sie sich doch so verhalten, als hätte ein leichter Wind ihre Ohren gestreichelt, als wäre ein Stoßwind in Blitzesschnelle an ihnen vorbeigebraust.“ Lässt sich ja manchmal kaum vermeiden, dass man Zeuge „tiefster Lehren“ wird. Haung-po sagt dir ganz sanft, wie du damit umgehen könntest, damit du dir nicht schon wieder neue Schlacken reinziehst. Ganz dringlich im Ton wird er allerdings, wenn er sagt: „Auf keinen Fall dürft ihr den Versuch machen, solchen Lehren zu folgen.“ Folge weder den Lehren noch den Lehrern! Oder wie es der Buddha gesagt haben soll: „Sei dir selbst ein Licht, das dich erleuchtet!“

Also, ceterum censeo: „Vergiss ‚die Wahrheit‘ und glaub bloß nicht deinen komischen Meinungen!“

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12 Antworten zu Huang-po: keiner Lehre folgen

  1. Alexandra schreibt:

    Jaaaaaa! Aber ich habe das Gefühl, das „Imperium“, (ego oder was auch immer) schlägt voll zurück. Es bombardiert mich mit überflüssigem Zeugs, da werde ich noch wahnsinnig. Ich weiß gar nicht, war das schon immer so Und ich habe es nicht bemerkt oder wird es wirklich schlimmer. Wie ein Kobold , der im Kopf herumtanzt. ( hat schon einen Namen: Fridolin, der Gedankenkobold)

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    • Nitya schreibt:

      Wahrscheinlich hast du mit Fridolin schon länger eine heimliche Affäre, liebe Alexandra. Ich würde ihn einfach zu einer Tasse Tee einladen, wenn er wieder auftaucht, und zu der Affäre stehen. Am besten du stellst ihn auch deinem Mann vor und ihr habt einen flotten Dreier oder, wahrscheinlicher, einen flotten Vierer.

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      • Alexandra schreibt:

        Ach so heimlich ist die Affäre nicht, lieber Nitya. Und Tee trinken wir schon jeden Tag zusammen (mindestens zu viert). Aber irgendwie scheint es, als würde das Gequatsche mich am fühlen hindern wollen… Nun ja, so wird halt gesehen oder gefühlt, was da nicht so gefühlt werden will. Siehst du´s, so geht das in meinem Hirn! Wie ein durcheinandergeratenes Wollknäuel. Also, eine Affäre würde ich mir ja anders vorstellen… Den Fridolin muss ich wohl eher dulden, mit ihm zurechtkommen, ob ich will oder nicht… ihn akzeptieren. Aber manchmal würde ich ihn gern auch an die Wand schmeißen wie die Prinzessin den Frosch.

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      • Nitya schreibt:

        Ooch, liebe Alexandra, so’ne Affäre ist auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Aber sonst fällt mir nur der Rumi ein. Kennst du bestimmt. Ist besser, als Fridolin an die Wand zu pfeffern.

        Das Gasthaus

        Jeden Morgen ein neuer Gast.

        Eine Freude, ein Kummer, eine Gemeinheit,
        ein kurzer Moment der Achtsamkeit kommt
        als ein unerwarteter Besucher.

        Heisse sie alle willkommen und bewirte sie!
        Selbst wenn sie eine Schar von Sorgen sind,
        die mit Gewalt aus deinem Haus
        die Möbel fegt,
        auch dann, behandle jeden Gast würdig.
        Es mag sein, dass er dich ausräumt
        für ganz neue Wonnen.

        Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
        begegne ihnen lächelnd an der Tür
        und lade sie ein.

        Sei dankbar für jeden, wer es auch sei,
        denn ein ein jeder ist geschickt
        als ein Führer aus einer anderen Welt.

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      • Alexandra schreibt:

        Der rumi ist toll, danke. Mit dem Frosch an die wand, das überlege ich mir noch. Es gibt ja auch die Version, wo die Prinzessin den Frosch küsst. Aber das finde ich auch nicht so attraktiv. Aber das Märchen hat was. Besonders das Ende mit dem eisernen Heinrich. So fühlt es sich nämlich gerade an. Mit eisernen Ringen versehen.

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      • Nitya schreibt:

        Na ja, das Märchen endet mit dem Auseinanderkrachender der eisernenRinge. Also: Lass Krachen, Kumpeline!

        Irgendwie musste ich bei den Ringen an Wilhelm Reichs ringförmigen Muskelpanzer denken. Reich hielt allerdings mehr vom Wegschmelzen. Das hört sich entschieden sanfter an. Aber Heinrichs Ringe krachten ja ganz von allein auseinader, nachdem er sich so doll gefreut hatte. Also, freu dich gefälligst, liebe Alexandra. Richtig doll, versteht sich!

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    • Brigitte schreibt:

      ja ja, da können schon mal alle Sicherungen durchbrennen, wenn der kleine Kobold anfängt wie wild ums Feuer zu tanzen … ach wie schön, dass keiner weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß … tanz einfach mit, das Imperium ist auf Sand gebaut … und heiter geht’s weiter 🙂

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  2. Eno Silla schreibt:

    Keiner Lehre folgen?
    Ist das nicht eine Meinung?
    Wenn ich ein Fahrrad reparieren möchte, dann sollte ich der Lehre des Fahrradreparierens durchaus folgen, ansonsten wird es vielleicht nichts mit der Fahrradreparatur.
    Ist es nicht auch eine Lehre, keiner Lehre zu folgen?
    „Wenn die Schüler auch tiefste Lehren vernehmen, so müssen sie sich doch so verhalten, als hätte ein leichter Wind ihre Ohren gestreichelt, als wäre ein Stoßwind in Blitzesschnelle an ihnen vorbeigebraust.“
    Handelt es sich dabei nicht um eine so tiefe Lehre, die sofort wieder vergessen werden sollte?
    Man sollte sie alle im Klo hinunterspülen, diese ganzen HuangPos und Oshos und Seng-ts’ans!
    Und was dann?
    Ewige Stille?
    Nix mehr los?
    Ach nöööö, muss auch nicht sein 😉 !
    Diese Reibung mit all dem Unsinn ist doch wie das Salz in der (Ur)Suppe!

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    • fredoo schreibt:

      nun ja … ein problem mit lehren besteht ja nur wenn man von ihnen unterstützung , förderung , erweiterung und ähnliches erwartet …
      wenn jedoch deutlich wird , dass es eher um subversion , reinlegen und ablenken geht , bekommt der „nutzen“ von lehren eine überraschende weitere komponente …
      wer dies erkennt oder erstmals nur ahnt und mangelns alternative dennoch noch immer nach belehrung sucht , kultiviert zumindest mut … und so eine art gottvertrauen …

      eines bemerkens wert … meint der herr fredoo

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    • punitozen schreibt:

      …Keiner Lehre folgen?
      Ist das nicht eine Meinung?
      Nee lieber Eno – das ist `ne freundliche Warnung , weil`s der “ Sache “ um Leben und Tod geht ! 🙂 .
      Ich wünsche dir ein gutes Neues Jahr
      Punito

      Gefällt 1 Person

  3. Brigitte schreibt:

    Leute, das neue Jahr ist grad mal 3 Tage alt und schon voll mit altem Gerümpel. Schmeiß es raus und es kommt wie ein Bumerang zurück. Die Rumpelkammer des Seins, hahaha, Galgenhumor;)

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  4. Brigitte schreibt:

    grad entdeckt;) Grüße aus Mumbai von Ronny.

    Gefällt 2 Personen

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