Osho: ein Fluss braucht zwei Ufer

 

osho

Obwohl aller Zwist aus dem Einen kommt,
sei selbst mit dem Einen nicht identifiziert.

Seng-ts’an

Macht keine Theorie daraus, mit der ihr euch identifiziert – sonst bekämpft ihr alle, die euch widersprechen. So war es nämlich in Indien. Es gibt eine Schule von Nondualisten – Shankara und seine Schüler. Der streitet ständig und kämpft und liefert Beweise für seine Weltanschauung, dass nur das Eine, das Nichtentzweite existiere. Und wehe dem, der die Existenz der Dualität behauptet! Denn ein Dualist bezweifelt das stur: Wie kann nur das Eine existieren? Das ist unmöglich, denn damit das Eine existieren kann, ist ein Zweites erforderlich. Ein Fluss braucht zwei Ufer, um fließen zu können. Mann und Frau sind nötig, um ein Kind zu zeugen. Leben und Tod sind nötig – als die zwei Ufer, die das Leben im Fluss halten. Nur die Eins wäre zu monoton – wie soll daraus Leben entstehen? Sie setzen also auf die Zwei. Und alle, die behaupten, es gebe nur das Eine, das Nonduale, sagen den Dualisten nach wie vor den Kampf an.

Seng-ts’an zufolge aber darf sich derjenige, der wirklich begriffen hat, dass alles dem Einen entstammt, nicht einmal mit dem identifizieren. Denn sonst ist man immer noch für und gegen irgendwas. Zu sagen: „Ich bin ein Nondualist“, ist Unsinn; denn wie kann man, wenn es nur eines gibt, noch ein Dualist oder Nondualist sein? Und was heißt das Wort „Nondualist“ eigentlich? Wenn es gar keine Dualität gibt, wie kann es dann so etwas wie einen „Nondualismus“ geben? Seid einfach still. Ein wirklicher Nondualist kann keine Meinung haben. Wer sagt: „Daran glaube ich“, lässt durchblicken, dass er nicht ans andere glaubt. Und schon haben wir zwei geschaffen.

Sengts’an zufolge … er ist wirklich ein Nondualist, er sagt:

Obwohl aller Zwist aus dem Einen kommt,
sei selbst mit dem Einen nicht identifiziert.
Wer unbeirrt seinen Weg geht,
den kann nichts in der Welt mehr kränken,
und wen nichts mehr kränken kann,
der bleibt nicht der, der er war.

aus: Osho, „Hsi Hsin Ming – The Book of Nothing“

2017

Also das ist ein Festschmaus für die „spirituellen Insider“! Nicht nur die sog. Nondualisten und die Dualisten führen genussvoll Krieg, sondern auch die sog. Advaitins und die Neoadvaitins. Da brauchen wir uns gar nicht an den Christen und Muslimen aufgeilen. Osho hat das schön auf den Punkt gebracht: „Wer sagt: ‚Daran glaube ich‘, lässt durchblicken, dass er nicht ans andere glaubt. Und schon haben wir zwei geschaffen.“ Und genau von da aus ist auch der schon oft von mir zitierte Satz Seng-ts’ans zu verstehen: „Suche nicht nach der Wahrheit, sondern habe von nichts eine feste Meinung.“ Und auch Nagarjunas Catuṣkoṭi ist nur von daher zu verstehen und nicht als Instrument westlicher Brainstormingstechnik genannt Tetralemma.

Seng-ts’an, der dritte Ch’an-Patriarch, dessen „Hsing Hsin Ming“ eine Quelle reiner Freude ist, und den Osho einen wirklichen Nondualisten nennt, sagt also: „Obwohl aller Zwist aus dem Einen kommt, sei selbst mit dem Einen nicht identifiziert.“ Zum Zwist gehören zwei. Laotse schreibt: „Die Selbstentfaltung des Seins: Aus dem Unergründlichen erquoll das Eine. Aus dem Einen ward das Zweite. Aus dem Zweiten ward das Dritte. Das Dritte erzeugte das Viele.“ Wer nun sagt „es gibt nur das Eine“ hat alles verneint, was Laotse da aufgeführt hat. Und Osho veranschaulicht es so:Damit das Eine existieren kann, ist ein Zweites erforderlich. Ein Fluss braucht zwei Ufer, um fließen zu können. Mann und Frau sind nötig, um ein Kind zu zeugen.“ Wie könnte man das Ganze besser ausdrücken als Nagarjuna mit seinem Catuṣkoṭi: Die nondualistische Lehre ist wahr und nur diese ist wahr. Die nondualistische Lehre ist falsch und nur falsch. Die nondualistische Lehre ist sowohl wahr als auch falsch. Die nondualistische Lehre ist weder wahr noch falsch.

f

Nehmt irgendeine andere angebliche Wahrheit: „Es gibt keinen Handelnden.“ Das ist wahr und nur wahr. Das ist falsch und nur falsch. Das ist sowohl richtig wie falsch. Das ist weder richtig noch falsch. Und nun macht aus dem Catuṣkoṭi um Gottes willen nicht schon wieder eine eigene Wahrheit. Sonst geht es auch der an den Kragen.

„Seid einfach still“, empfiehlt Osho. Und Seng-ts’an sagt: Obwohl aller Zwist aus dem Einen kommt, sei selbst mit dem Einen nicht identifiziert.“ Sei mit gar nichts identifiziert und wenn, dann nur zur Gaudi.  Mach ich mal schnell. Ich bin jetzt ein Tyrannosaurus Rex.

 
Hat doch was, gell! Fühlt sich jedenfalls saustark an. Und jetzt bin ich mal der kleine Wilhelm. Ooch, isser nich süüß, der Kleene!? Und natürlich spielt das kleine Ferkel wieder mit seinem Pimmel! Also nee!

wWenn euch mal im neuen Jahr langweilig sein sollte – vielleicht habt ihr ja Lust. Identifiziert euch mit allem, was euch gerade einfällt: Mit einem Regenwurm, mit einem Teppichklopfer, mit einem Flüchtling, mit einer Atombombe, mit dem Mond, mit einem Grashalm, … und wer ganz mutig ist, auch mal mit Mutti Merkel. Wer sich mit allem spielerisch identifizieren kann, wird sich immer weniger mit was auch immer ernsthaft identifizieren. In diesem Sinn wünsch ich uns allen ein vergnügliches 2017.

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Osho: ein Fluss braucht zwei Ufer

  1. Georg Alois schreibt:

    Da haste mich mal wieder sprachlos gemacht…….,
    besser kann man es nicht sagen.
    Und diesem, Deinem Sinn, kann ich mich nur anschließen:
    uns allen ein vergnügliches 2017

    Gefällt mir

  2. Marianne schreibt:

    Das sind ja richtig „vernünftige“ und „seriöse“ Aussagen, die du da von Osho zitiert hast, lieber Nitya, kann ich nur zustimmen! 😉
    Und:Auch ein Neujahrsgruß von mir aus den bayrischen Rauhnächten:

    Gefällt mir

  3. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    weder dafür noch dagegen ,wünsche ich Dir von Herzen , ein kunterbuntes
    Jahr 2017 .
    Vielen Dank für Deine mannigfaltigen Gedanken und Nachdenkanregungen , die Du ins
    Netz stellst . In diesem Jahr hast Du mich angeregt Herrn Reich nochmals wieder aus der
    Bücherkiste hervorzukramen . Für mich sind seine Überlegungen zeitlos -aktuell .
    Herzliche Grüße
    Punito

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Lieber Punito, wie schön: Wilhelm Reich. Da freut mich sehr, dass du ihn mal wieder ausgepackt hast.

      Wilhelm Reich und sein Kumpel Alexander S. Neill – das waren für mich stets erhellende Weggefährten. Ja, wie du sagst, zeitlos aktuell.

      Ich hoffe, es geht dir, mal abgesehen von Einatmen und Ausatmen und „jeder Tag ein guter Tag“, einigermaßen gut und du freust dich deines Lebens!

      Auf ein neues, also. Täterätäää

      Gefällt mir

  4. Alexandra schreibt:

    Ich bin grad so verwirrt, ich finde keine Worte. Oder ich müsste tausend machen, ohne dass ich wirklich etwas sagen könnte. Aber ich wünsche euch allen ein gutes neues Jahr!

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Doch hoffentlich nicht wegen meines Geschreibsels?
      Liebe Alexandra,
      du nimmst jetzt einen Zettel und schreibst dir das ganze krause Zeug auf.
      Dann verbrennst du den Zettel, ohne ihn nochmal durchgelesen zu haben.
      Du wirst sehen, danach geht’s dir.
      Ganz bestimmt!

      Gefällt mir

  5. Inge schreibt:

    Lieber Wilhelm alias Nitya,
    komme wie oft zu spät und verstehe nur Bahnhof. Zu erstens: danke für die Leuchtraketen!
    zu zweitens: „Obwohl aller Zwist aus dem Einen kommt, sei selbst mit dem Einen nicht identifiziert“
    wie ist denn Identifizierung mit dem Einen möglich? Egal – verstehe ja sowieso nur Bah…
    Herzlichste Grüsse von Inge

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Ooch, liebe Inge, das ist ganz einfach. Du fragst also: „Wie ist denn Identifizierung mit dem Einen möglich?“ Wenn aus dem Einen ein Objekt gemacht wird, über das geredet werden kann, kann man sich auch ganz locker mit „dem Einen“ identifizieren. Dieses „Eine“ ist dann allerdings nichts als eine Vorstellung.

      Herzlichst
      Nitya

      Gefällt mir

  6. teggytiggs schreibt:

    „…habe von nichts eine feste Meinung“ …kommt mir sehr entgegen, wo sich meine Meinung doch immerzu ändert und gut zu einem meiner Lieblingszitate passt: „Alles was du weißt ist falsch.“ (R.A.Wilson)…

    …aber haben wir da überhaupt ein neues Jahr? …plötzlich unsicher…

    Gefällt 1 Person

    • Nitya schreibt:

      Mir ist auch immer ganz zweierlei, wenn mir jemand ein gutes, neues Jahr wünscht. Ohne die Böllerei hätte ich gar nichts gemerkt.

      Ja, haben wir überhaupt ein neues Jahr? Wer so zu fragen anfängt, kann meist nicht mehr damit aufhören, stellt alles in Frage, vor allem jede angebliche Selbstverständlichkeit, wird immer unsicherer, … bis er sich genau in dieser Unsicheheit zuhause fühlt und jede angebliche Gewissheit verabscheut.

      Gefällt 1 Person

      • teggytiggs schreibt:

        …das trifft es gerade ziemlich gut, langsam scheine ich mich aufzulösen, so fühle ich mich, nur in der Natur fühle ich mich aufgehoben und gut, die Menschen hier in den Dörfern irritieren mich und ich sie wahrscheinlich auch…dann suchen meine Gedanken nach neuen Verankerungen und wollen plötzlich was wie Zugehörigkeit, wo das doch noch nie wirklich funktioniert hat…völlig zwiegespalten mitunter…und dann fliehe ich wieder in den Wald…es geht mir gut, aber dass ich mich in solcher Unsicherheit zuhause fühle, kann ich nicht sagen…

        Gefällt 1 Person

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s