Jean Klein: Sein – Wissen ohne Objekt

 

jean-klein

Sprache und Worte können unmöglich ausdrücken, was unvorstellbar ist. Worte sind an die egozentrische Empirie ausgeliefert. Sie finden ihren Grund im Bewusstsein, aus dem sie hervorgehen und in das sie zurückkehren. Das Ego hat seinen Ausgangspunkt im mentalen Bild: „Ich bin der Körper.“

Spontanes Denken entzieht sich allem Widerspruch, es hinterlässt keine Samskaras, keine Überreste. Über den entgegengesetzten Polen von schön/hässlich, gut/schlecht, befindet sich ein vereinigendes Bewusstsein, das nicht erfasst und vom Verstand nicht verstanden werden kann, da er jenseits aller Konzepte ist.

Wir kennen die Dinge nicht, wir kennen sie nur als Erscheinungen. Um ein Ding selbst zu kennen, müssen wir weit über seine Erscheinung hinausgehen, die nichts als Name und Form ist. Wir können die Wirklichkeit eines Dings nur sehen, wenn wir diese Wirklichkeit sind: Wissen ohne Objekt.

aus: Jean Klein, „Nichts als Gegenwart“

g

schön/hässlich

„Wir kennen die Dinge nicht, wir kennen sie nur als Erscheinungen“, sagt Jean Klein. Und Erscheinungen, füge ich hinzu, sehen wir üblicherweise nicht als Erscheinungen, sondern als die Wirklichkeit, die wir ununterbrochen bewerten. Da oben sehen wir eine Frau – wir nehmen jedenfalls an, dass es sich um eine Frau handelt. Die Lady scheint eine Geisha zu sein – haben wir jedenfalls irgendwann mal gelernt, dass Geishas so aussehen. Diese Geisha hat anscheinend sehr viel Zeit und Mühe darauf verwandt, um schön zu sein. Wir sehen jetzt also nicht einfach eine Erscheinung, sondern wir glauben, eine schöne (oder hässliche) Geisha zu sehen. Ist es uns überhaupt möglich, zu schauen ohne zu werten?

o

Da muss ich sofort wieder an unser Aktzeichnen von damals denken. Manche nahmen dabei einen Bleistift als optisches Messinstrument in die Hand, damit sie die Proportionen richtig hinbekamen. Die Augen leicht zusammenkniffen hatten sie einen derart kalten Blick, dass jeder Mensch sofort anfangen würde zu frieren, so unpersönlich war dieser Blick. „Die Modelle“ waren es ja gewohnt und entsprechend abgestumpft, aber für weniger abgestumpfte Menschen wäre es richtig beleidigend gewesen, betrachtet zu werden, als sei man ein Möbelstück. Na ja, auch bekleidete Frauen klagen häufig darüber, wie ein Möbelstück betrachtet zu werden, wenn sie sich auf Busen, Beine, Po reduziert fühlen. Aber das ist dann auch alles andere als ein „neutraler“ Blick, um den es da geht. Hier wird gewertet, dass es nur so pfeift.

p

Jean Klein: „Um ein Ding selbst zu kennen, müssen wir weit über seine Erscheinung hinausgehen, die nichts als Name und Form ist. Wir können die Wirklichkeit eines Dings nur sehen, wenn wir diese Wirklichkeit sind: Wissen ohne Objekt.“ Ein Ding, gemeint ist hier wohl in erster Linie ein anderer Mensch. „Das Ego hat seinen Ausgangspunkt im mentalen Bild: „Ich bin der Körper.“ Wer sich selbst auf seinen Körper reduziert, der wird auch seine Mitmenschen auf ihren Körper reduzieren. „Ach ja, das ist die Frau Meier“, sagt der Herr Huber und meint damit ihr Erscheinungsbild. Frau Meier ist Herrn Hubers Seh-Objekt, so wie der Herr Huber das Seh-Objekt der Frau Meier ist. Und wenn es gut geht, kommt es zu etwas, das Kommunikation genannt wird. Selbst das wird heute immer mehr zur Seltenheit, dass wirklich „ordentlich“ kommuniziert wird.  Jean Klein will aber auf etwas ganz anderes hinaus. „Wir können die Wirklichkeit eines Dings nur sehen, wenn wir diese Wirklichkeit sind.“ Herr Huber kann über das Erscheinungsbild der Frau Meier hinausgehen und ihre Wirklichkeit sehen, wenn er selbst diese Wirklichkeit ist. Im selben Moment verliert Frau Meier für Herrn Huber ihre Objekthaftigkeit und er erkennt sie als – sich selbst. „Wissen ohne Objekt“- Keine Ahnung, wer das  jetzt wieder verzapft hat.

Glaubst du, dass ich weiß, was ich tue?
Dass ich auch nur einen Atemzug lang
oder einen halben mir selbst gehöre?

So wie eine Feder weiß, was sie schreibt,
oder der Ball ahnen kann, wo er hinrollen wird.

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi
__________________________

kugel

Die Kugel in einer Kugelbahn
weiß nie,
wo sie bei vielen solcher Weichen
unten rauskommen wird.

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Jean Klein: Sein – Wissen ohne Objekt

  1. Inge schreibt:

    Hallo Nitya – wie sie wohl kommunizieren, die Frau Meier und der Herr Huber, wenn sie sich selbst jeweils im anderen erkennen – hast du eine Ahnung? Kann man eine Ahnung davon haben? Grüsse von Inge

    Gefällt mir

  2. teggytiggs schreibt:

    …Worte haben es schon schwer das Vorstellbare auszudrücken…wie soll es da mit dem Unvorstellbaren sein…

    …schauen ohne zu werten scheint mir ein erstrebenswertes „Kunststück“ zu sein…Übung in Achtsamkeit…

    …die Frage nach der Schönheit ist interessant…mir scheint natürliche Schönheit von Zweckmäßigkeit bestimmt…

    …wahrscheinlich aber weiß die Kugel mehr als wir…vertrauen wir also der Kugel.

    Gefällt mir

  3. Eno Silla schreibt:

    Ich bin
    Wie eine Kugel
    In die Welt geworfen
    Weiß ich nie
    Wo ich rauskomme
    Nur dass ich komme
    Und komme und komme und komme…

    Gefällt 2 Personen

    • Eno Silla schreibt:

      Heute habe ich eine Aufnahme auf meinem Handy gefunden.
      Spätsommer später Nachmittag, ein Jungbussard, der mir schon Tage vorher aufgefallen ist, ruft aus einem Laubwald. Ich konnte ihn in einiger Entfernung aufgeregt hin und her fliegen sehen:

      Gefällt 2 Personen

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s