Leo Hartong: zwecklos

 

b

Frage: Wenn das alles keine andere Absicht oder Bedeutung hat, als es zu erfahren, dann wird die zwecklose und absichtslose Existenz von einer gewissen Verzweiflung begleitet.

Leo: Wenn man darüber nachdenkt, scheint diese Zwecklosigkeit oft Freude zu entsprechen. Tanzen „führt“ nirgendwohin. Wir hören Musik nicht, um ans Ende des Liedes zu gelangen, wir riechen nicht an einer Rose, um uns selbst zu verbessern. Wolken nachzuschauen, einen Vogel aufsteigen zu sehen, Wellen, die die Reflexionen der Sonne auf dem Meer einfangen und Millionen Sterne, die über die Weite des Himmels verstreut sind. Die reine IST-heit von ALLDEM scheint keinen Zweck hinter dem, WAS IST zu fordern oder zu brauchen.

aus: Leo Hartong, „Betrachtungen vom Spielfeldrand“

w

Wildgänse
haben nicht die Absicht,
sich im Wasser zu spiegeln.
Das Wasser
ist sich ihres Spiegelbildes
nicht bewusst.

Kürzlich wies Alan Watts auf diesen interessanten Punkt hin: „Hat man von einer neuen Weltsicht gesprochen, so folgt unmittelbar darauf die Frage, wozu sie gut sein soll. Denkt man genauer darüber nach, so ist dies erstaunlich, aber es trifft immer zu, wenn man mit Leuten spricht, die im Geiste des Protestantismus erzogen worden sind.“ Ich bin im Geiste des Protestantismus erzogen worden und mir war genau dieser Geist schon immer zuwider. Mein Vater war nicht lutherisch wie ich, sondern reformiert. Verseucht mit diesem Krämergeist sind beide Richtungen. Ein Lieblingsausdruck meines Vaters war der Begriff „brotlose Kunst“, womit er mir beipuhlen wollte, dass sich mit dem, was mir gefiel, nichts verdienen ließe. Ich interessierte mich natürlich von Kindesbeinen an ausschließlich für die brotlose Künste. Alles andere langweilte mich einfach und den Krämergeist der Erwachsenen fand ich bloß abstoßend. Allmorgendlich gab es zum Frühstück Vatis Morgenpredigt: „Ihr müsst reich heiraten!“ Hat er ja schließlich auch gemacht und sein Vater auch. Sie selbst waren dann die wandelnden Ergebnisse, dieser Geschäftspolitik: Arme Schweine, obwohl sie selbst es auch noch zu etwas gebracht hatten. Karriere und der ganze Mist – was sollte ich damit? In diesem Sinn bin ich nie erwachsen geworden und habe auch nicht die Absicht, auf meine alten Tage noch erwachsen zu werden. Komischerweise bin ich immer noch nicht verhungert. Das hat jetzt nicht das Geringste mit Spiritualität oder etwas Heiligem oder so’nem Quatsch zu tun. Wahrscheinlich wollte ich einfach nie erwachsen werden und „Verantwortung übernehmen“. Deswegen schlug bei mir auch der Laotse wie eine Bombe ein, als ich ihn das erste Mal in die Finger kriegte.

n

Im Tarot ist die erste Karte der großen Arkana der Narr. Üblicherweise wird sie so  gedeutet, dass wir uns fröhlich auf den Weg machen sollten, gleichzeitig aber auch die Augen aufhalten müssen, damit wir nicht abstürzen. Für mich hatte das immer einen negativen Touch und ich erinnerte mich an eine Geschichte aus dem Struwwelpeter des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann namens Hanns Guck-in-die-Luft, der ja tatsächlich ins Wasser plumpste, weil er nicht auf den Weg achtete.

h

Für mich ist die erste Tarot-Karte gleichzeitig auch die letzte: Shunryu Suzuki: „Zen-Weg – Anfänger-Weg“. Das, was warnend als drohender Abgrund beschrieben wird, ist nichts anderes als das Verschwinden im Namenlosen. Wenn ich das richtig sehe, hält der Narr im Rider-Deck mit ein bisschen Phantasie Buddhas Blume in der Hand. Er ist dort angekommen, wo er schon immer war. Und der Abgrund ist er selbst.

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8 Antworten zu Leo Hartong: zwecklos

  1. becky schreibt:

    Die Erkenntnis ist jeder, so seh ich das. Hilflosigkeit ist evtl. ne Achetypeüberstülpunkg. (Sternzeichen).
    In meiner Famliie, kenn nur die Oma-Seite (Väter gabs bei mir nicht) gabs nen Onkel der malte.
    Ne bunte Familie durch Onkels und Tanten.
    Und genauso bunt sehe ich alles.
    Deswegen kann ich genauso „bunt“ auch wieder alles weitergehen wie gebabt – immer im Licht, jederzeit alles verändern zu können, als Selbstermächtigte.

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  2. becky schreibt:

    Einen Abgrund gibt es übrigens nicht, nur Selbstvertraun.
    Archetyp bedeutet nicht sich für andere zu opfern.
    Archetyp bedeutet nur, wie jemand mit einer Situation umgehgt, sind angeborene Fähigkeiten.

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  3. Nitya schreibt:

    Ich bin der Abgrund,
    den es aus deiner Sicht nicht gibt.

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  4. Alexandra schreibt:

    Der Narr guckt übrigens nicht auf den Weg sondern fröhlich nach oben während er an der wirklich wackeligen Kante des Abgrunds steht. Der Narr ist ein ganzer Narr und nicht nur ein halber. Nichts mit fröhlich auf den Weg machen aber trotzdem auf den Weg achten! Der Abgrund ist ihm sicher.

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