Heinrich Heine: O Freiheit, du bist ein böser Traum!

 

heinrich-heineOder soll ich nach Amerika, nach diesem ungeheuren Freiheitsgefängnis, wo die unsichtbaren Ketten mich noch schmerzlicher drücken würden als zu Hause die sichtbaren, und wo der widerwärtigste aller Tyrannen, der Pöbel, seine rohe Herrschaft ausübt! Du weißt, wie ich über dieses gottverfluchte Land denke, das ich einst liebte, als ich es nicht kannte … Und doch muß ich es öffentlich loben und preisen, aus Metierpflicht … Ihr lieben deutschen Bauern! geht nach Amerika! dort gibt es weder Fürsten noch Adel, alle Menschen sind dort gleich, gleiche Flegel … mit Ausnahme freilich einiger Millionen, die eine schwarze oder braune Haut haben und wie die Hunde behandelt werden! Die eigentliche Sklaverei, die in den meisten nordamerikanischen Provinzen abgeschafft, empört mich nicht so sehr wie die Brutalität, womit dort die freien Schwarzen und die Mulatten behandelt werden. Wer auch nur im entferntesten Grade von einem Neger stammt, und wenn auch nicht mehr in der Farbe, sondern nur in der Gesichtsbildung eine solche Abstammung verrät, muß die größten Kränkungen erdulden, Kränkungen, die uns in Europa fabelhaft dünken. Dabei machen diese Amerikaner großes Wesen von ihrem Christentum und sind die eifrigsten Kirchengänger. Solche Heuchelei haben sie von den Engländern gelernt, die ihnen übrigens ihre schlechtesten Eigenschaften zurückließen. Der weltliche Nutzen ist ihre eigentliche Religion, und das Geld ist ihr Gott, ihr einziger, allmächtiger Gott. Freilich, manches edle Herz mag dort im stillen die allgemeine Selbstsucht und Ungerechtigkeit bejammern. Will es aber gar dagegen ankämpfen, so harret seiner ein Martyrium, das alle europäischen Begriffe übersteigt.

aus: Heinrich Heine: „Über Ludwig Börne“
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„O Freiheit, du bist ein böser Traum!“ sagt Heinrich Heine und ich glaube, niemand wird ihm ernsthaft widersprechen wollen, außer ein paar vernagelten Anarchisten, die es ja zuhauf gibt. Vernagelte Anarchisten sind natürlich überhaupt keine Anarchisten, sondern in aller Regel Leute, die gern alle Freiheit für sich reklamieren und ihren lieben Menschen nicht das kleinste Fitzelchen Freiheit zugestehen wollen. Heine nennt Amerika das Land, „wo die unsichtbaren Ketten mich noch schmerzlicher drücken würden als zu Hause die sichtbaren, und wo der widerwärtigste aller Tyrannen, der Pöbel, seine rohe Herrschaft ausübt!“ Heine hat damit das ganze Dilemma der Anarchie kurz zusammengefasst. Sollte heut in Deutschland die Anarchie proklamiert werden, dann würde noch am selben Tage, „die Anarchie herrschen“, wie das oben im Video kurz angesprochen wird, und der widerwärtigste aller Tyrannen, der Pöbel, würde seine rohe Herrschaft ausüben.

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Anarchie ist nicht machbar.

„Gott sei Dank!“ ist sie nicht machbar, denn alles Machbare ist der Feind der Anarchie. Das ist natürlich für viele, die sich eine Anarchie herbeisehnen, total frustrierend. Sie würden auf dem Stimmzettel sofort hinter „Anarchie“ ihr Kreuzchen machen, aber so einfach ist Anarchie nicht zu haben. Auch nicht durch Bomben oder Demonstrationen mit geballten Fäusten. An Gandhis Erkenntnis kommt niemand vorbei, der sich Anarchie herbeiwünscht: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Ich muss Anarchie sein, ich muss mich im Fluss des Tao treiben lassen können, mehr noch, ich muss erkennen, dass ich nie etwas anderes war als der Fluss des Tao. Anarchie ist eine offene Hand und keine geballte Faust.

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23 Antworten zu Heinrich Heine: O Freiheit, du bist ein böser Traum!

  1. fredoo schreibt:

    „“Anarchie ist eine offene Hand und keine geballte Faust.““
    oh wie fein gewortet …

    Anarchie ist wache Demut und nicht selbstbesoffene Gewalt …
    wortet es beim Herrn fredoo , gerade nach den Ereignissen der letzten Stunden …

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  2. Nitya schreibt:

    Als ich den Einbrecher dabei ertappt habe, mit dem Brecheisen meine Terassentür aufzuhebeln, hab ich ihn aktiv daran gehindert. das ist die eine Seite

    Dass ich ihn nicht mit Hass und Gewalt verfolgt habe, die andere. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass jemand hofft, sein Leben zu fristen, indem er dort einzubrechen versucht, wo er irgendetwas zu finden hofft, was für ihn irgendwie von Wert sein könnte.

    Verständnis ist die eine Seite, Handeln die andere. Gleichzeitig sehe ich meine Hilflosigkeit, wenn es darum geht, die Ursachen des Dilemmas zu beseitigen.

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  3. punitozen schreibt:

    Anarchie

    Immer geschmäht, verflucht – verstanden nie,
    Bist du das Schreckbild dieser Zeit geworden…
    Auflösung aller Ordnung, rufen sie,
    Seist du und Kampf und nimmerendend Morden.

    O laß sie schrei’n! – Ihnen, die nie begehrt,
    Die Wahrheit hinter einem Wort zu finden,
    Ist auch des Wortes rechter Sinn verwehrt,
    Sie werden Blinde bleiben unter Blinden.

    Du aber, Wort, so klar, so stark, so rein,
    Das alles sagt, wonach ich ruhlos trachte,
    Ich gebe dich der Zukunft! – Sie ist dein,
    Wenn jeder endlich zu sich selbst erwachte.

    Kommt sie im Sonnenblick – Im Sturmgebrüll?
    Ich weiß es nicht… doch sie erscheint auf Erden! –
    „Ich bin ein Anarchist!“ „Warum?“ „Ich will
    Nicht herrschen, aber auch beherrscht nicht werden!“

    John Henry Mackay

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  4. Eno Silla schreibt:

    Ich sagte ihm, ich fühle mich wertlos und sollte vielleicht nach Hause fahren, um wiederzukommen, wenn ich mich stärker fühlte. „Du redest Unsinn“ fuhr er mich an. „Ein Krieger nimmt sein Los auf sich, was es auch sei, und akzeptiert es in äußerster Demut. Er akzeptiert demütig, was er ist, und dies ist ihm kein Anlaß zu bedauern, sondern eine starke Herausforderung.

    Jeder von uns braucht Zeit, um diesen Punkt zu verstehen und ihn voll zu erleben.

    Ich zum Beispiel haßte früher die bloße Erwähnung des Wortes Demut. Ich bin ein Indianer, und wir Indianer sind seit jeher demütig und haben nie etwas anders getan, als den Kopf zu beugen. Ich meinte Demut sei nichts für einen Krieger. Ich irrte mich!

    Heute weiß ich das die Demut eines Kriegers nicht die Demut eines Bettlers ist.

    Der Krieger beugt den Kopf vor niemanden, aber gleichzeitig erlaubt er es keinen anderen, seinen Kopf vor ihm zu beugen.

    Der Bettler hingegen fällt bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf die Knie und leckt jedem, den er für höher erachtet als sich selbst, die Stiefel; zugleich aber erwartet er, daß ein Geringerer als er ihm die Stiefel leckt.

    Deshalb sage ich dir heute auch schon, daß ich nicht verstehe, wie die Meister des Ostens, die Gurus sich fühlen. Ich kenne nur die Demut eines Kriegers, und diese wird mir nie erlauben der Meister eines anderen zu sein.“ Don Juan Matus

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  5. teggytiggs schreibt:

    „„Gott sei Dank!“ ist sie nicht machbar, denn alles Machbare ist der Feind der Anarchie. “ Anarchie ist machbar und wurde schon realisiert, als in Spanien im letzten Jahrhundert die Anarchisten durch eine ordentliche Wahl an die Macht kamen…sie schafften in einigen Gebieten das Geld ab, organisierten die Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung, führten den acht-Stunden-Arbeitstag ein, Kindergärten, Schulungen und Bildung für alle Interessierten…das hier ist eine gute Doku:

    …Anarchie ist weder Chaos noch Gewalt noch Unverstand…Anarchie wird seit Jahrzehnten mies gemacht, WEIL sie wahrscheinlich die einzige Bewegung sein könnte, die den heutigen Machthabern gefährlich werden könnte…- der erste, den die Nazis ermordeten, war Erich Mühsam, ein Anarchist -…allerdings müssen Menschen sich darauf vorbereiten, wieder die Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, dass das möglich ist, haben die Spanier schon bewiesen…immer wenn etwas stark verunglimpft wird, scheint mir etwas Gutes dran zu sein…

    Gefällt 2 Personen

    • Nitya schreibt:

      Nicht jeder, der sich Anarchist nennt, ist ein Anarchist. Schon jede Hinzufügung,wie sie beispielsweise im Begriff Anarchosyndikalismus zu finden ist, hat den Boden des Anarchismus verlassen. Anarchie ist keine politische Idee, sondern gelebtes Leben. Mackay hat das auf den Punkt gebracht mit dem Satz: „„Ich bin ein Anarchist!“ „Warum?“ „Ich will nicht herrschen, aber auch beherrscht nicht werden!“ Jede Partei herrscht. Auch jede sog. anarchistische Partei.

      Gandhi hat seine Vision so ausgedrückt: Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, dass es sich von selbst regeln wird, sind keine Repräsentanten mehr nötig. Wir werden dann eine aufgeklärte Anarchie haben. In einem solchen Staat wird jeder sein eigener Herrscher sein. Jeder wird sich dann so regieren, dass er seinen Nachbarn nie im Wege steht. Im idealen Staat wird also keine politische Macht vorhanden sein, weil überhaupt kein Staat mehr besteht.“

      Davon war die „anarchistische“ Revolution in Spanien weit entfernt. Jede Revolution hat nichts mit Anarchie zu tun. Wir haben da offensichtlich ein anderes Verständnis von Anarchie. Im 19. Jahrhundert entstand etwas, was kollektivistischer Anarchismus gennannt wurde, zum Beispiel in Spanien, und der individualistische Anarchismus. Kollektivistischer Anarchismus ist für mich überhaupt kein Anarchismus. Für mich ist Anarchie immer nur etwas, das durch den Einzelnen gelebt werden kann.

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      • teggytiggs schreibt:

        (ich muss die Antwort auf später verschieben…heute und morgen sind Reisetage…Vielen Dank erst mal für den Stoff zum Nachdenken…)

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      • teggytiggs schreibt:

        …die Spanier versuchten, innerhalb ihres Systems eine Idee durchzusetzen, die diesem System entgegen steht…das ist an sich unlogisch und kann nicht funktionieren, insofern stimmt, was Du sagst, man kann Anarchie nicht „machen“…man kann aber den anarchischen Gedanken weitertragen und Menschen dazu animieren, wieder die volle Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, die Voraussetzung dafür, dass Anarchie funktioniert…

        „Im idealen Staat wird also keine politische Macht vorhanden sein, weil überhaupt kein Staat mehr besteht.“…ich denke, innerhalb einer Gruppe von Menschen, die zusammenlebt, wird sich eine gewisse Hierarchie von selbst herausbilden, indem jeder die Aufgaben übernimmt, die er einfach am besten kann…also keine verordnete Ordnung, sondern eine gewachsene…in diesem Sinne wird es auch jemanden geben, der durch seine nützlichen Dienste an den anderen mehr respektiert wird als andere und der in Notsituationen beispielsweise eher um Rat gefragt wird…und insofern mehr zu sagen hat als andre…und das halte ich auch für gesund…jedes Zusammenleben von Wesen unterliegt einer Ordnung, ich meine hier eine gesunde Ordnung, die allen Beteiligten dient…heute sind die Menschen fast alle gestört ebenso wie ihre Lebensform und somit gar nicht in der Lage, sich in einem gesunden System wohl zu fühlen…

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      • Nitya schreibt:

        Liebe teggytiggs,
        guck mal, wie lange schon Prediger aller Richtungen versuchen, irgendwelche Gedanken weiterzutragen und die Menschen zu was auch immer zu animieren. Jesus erzählte mal etwas von der Mühsal dieses Geschäfts: „Der Sämann ging hinaus, seinen Samen zu säen; und indem er säte, fiel einiges an den Weg, und es wurde zertreten, und die Vögel des Himmels fraßen es auf. Und anderes fiel auf den Felsen; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und indem die Dornen mit aufwuchsen, erstickten sie es. Und anderes fiel in die gute Erde und ging auf und brachte hundertfache Frucht. Als er dies sagte, rief er aus: Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Lukas 8:4-8) Wer Ohren hat, – aber wer hat schon Ohren! Das Beste ist es immer noch, zu leben, was man predigen möchte, und auf das Predigen zu verzichten.

        Was die Hierarchie betrifft, so ist ihre ursprüngliche Bedeutung längst aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden. Ich vermeide jetzt mal den so belasteten Begriff „Herrschaft“ und benütze lieber den Begriff „Rangordnung“. Eine Hierarchie wäre dann wohl etwas mehr als eine naturgegebene Rangordnung, wie wir sie beispielsweise bei den Tieren finden, die in sozialen Verbänden leben. Das wäre dann wohl so etwas wie eine Aristokratie, in der „die Besten“, die Fähigsten, die Potentesten die Führung innehaben zu Nutz und Frommen der Gemeinschaft. Die Besten, Fähigsten, Potentesten findet man jedoch auch im negativen Bereich. Das sind dann die abgefeimtesten Schurken, die nur ihr eigenes Wohl im Auge haben und möglicherweise sogar auf Kosten und zu Lasten der Gemeinschaft leben wollen. Den Letztgenannten scheint da wohl irgendein Gen abhandengekommen zu sein oder es handelt sich um ein Gen, das in der menschlichen Evolution noch erworben werden muss. Ich habe jedenfalls keine Ahnung, wie Anarchie vermittelbar gemacht werden könnte. Es scheint zu sein wie mit dem sog. Erwachen: Es geschieht, wenn es geschieht.

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    • Nitya schreibt:

      „Anarchie ist machbar und wurde schon realisiert, als in Spanien im letzten Jahrhundert die Anarchisten durch eine ordentliche Wahl an die Macht kamen.“

      Liebe teggytiggs,

      allein diese eine Satz verrät, dass es sich um etwas handelte, was nicht Anarchie war. Anarchie kann nicht gemacht werden, sagte ich und füge hinzu, auch nicht realisiert. Anarchie hat überhaupt nichts mit Politik zu tun und schon gar nicht mit Wahlen, in denen danach die Mehrheit über die Minderheit herrscht. Anarchie ist eine geistige Haltung. Wenn du schreibst, dass die Anarchisten an die Macht kamen, hast du bereits deutlich gemacht, worum es tatsächlich ging. Ein politisches System sollte durch ein anders ersetzt werden. Dieses andere System schlägt früher oder später zurück und das Ergebnis ist vorhersagbar. „Anarchie“ kann auf die Dauer nicht gegen seinen Schatten gewinnen. Da waren auf der einen Seite die alten Kräfte mit Franco, da wetzten bereits die moskauhörigen Kommunisten die Messer, bereit selbst die Macht zu übernehmen, und da gab es jede Menge Splitterguppen, die sich nicht grün waren. Aus einer gewissen Sicht war es toll, was „die Anarchisten“ in Spanien erreicht hatten und welche Ziele sie verfolgten. Aber es war nun mal eine kollektivistische Bewegung bzw. Partei. Hierzu hab ich schon mal was geschrieben. https://satyamnitya.wordpress.com/2013/09/06/simone-weil-nie-wieder-partei/

      Eine anarchistische Partei ist ein Widerspruch in sich. Das wäre so etwas wie eine Erleuchtungs-Partei. Aber auch da ist man ja schon mit Erleuchtungs-Kongressen auf gutem Wege. Ich halte es da ganz mit Max Stirners „Was soll nicht alles meine Sache sein!“

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  6. Eno Silla schreibt:

    Ich
    Eno Silla
    Schwöre
    Mit hinter dem Rücken
    Gekreuzten Fingern
    Ich
    Schwöre
    Mich niemals zu beugen
    Vor nichts und niemandem
    Nichtmal vor mir selbst
    Schwöre ich
    Nichts
    Als das zu sein
    Das
    Ich
    Bin
    Danke für die Aufmerksamkeit
    Ich kann sowieso
    Nicht anders

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  7. Eno Silla schreibt:

    Oh Freiheit, Geliebte, Du bist ein schöner Traum!

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