Alan Watts: Wozu soll das gut sein?

 

aHat man von einer neuen Weltsicht gesprochen, so folgt unmittelbar darauf die Frage, wozu sie gut sein soll. Denkt man genauer darüber nach, so ist dies erstaunlich, aber es trifft immer zu, wenn man mit Leuten spricht, die im Geiste des Protestantismus erzogen worden sind. Katholiken, Hindus, Buddhisten, Moslems und Taoisten fassen das Erschauen oder die kontemplative Betrachtung als etwas in sich Gutes auf, ist doch das höchste Gut die ewige Glückseligkeit, wo alle Wesen für immer im Schauen und Lieben Gottes aufgehen. Doch diese Möglichkeit macht Protestanten nervös, und in einem ihrer offiziellen Gebete heißt es, dass denjenigen im Himmel „ständiges Wachsen in deiner Liebe und deinen Diensten“ beschieden sein möge, da man ja schließlich den Fortschritt nicht aufhalten kann. Sogar der Himmel muss also eine wachsende Gemeinschaft sein.

Der Grund dafür liegt meiner Ansicht nach darin, dass insbesondere der moderne Protestantismus – in seiner liberalen und auch in seiner progressiven Form – die Religion ist, die am stärksten unter dem Einfluss des Mythos steht, dass die Welt der Objekte und der Mensch  ein von den übrigen Dingen getrenntes Ich sei. Wird der Mensch so begriffen und erfahren, dann ist er natürlich unfähig, Freude und Zufriedenheit zu empfinden, geschweige denn kreative Fähigkeiten zu entwickeln. Da er in die Illusion gestürzt worden ist, er sei ein unabhängig und allein verantwortlich handelndes Wesen, kann er nicht verstehen, warum das, was er tut, niemals dem gerecht wird, was er tun sollte, denn eine Gesellschaft, die ihn als ein isoliertes Wesen definiert hat, kann ihn nicht dazu überreden, so zu handeln, als ob er in Wirklichkeit zu ihr gehörte. Auf diese Weise hat er ständig Schuldgefühle und unternimmt die heroischsten Anstrengungen, um sein Gewissen versöhnlich zu stimmen.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

dIch hab mich ein bisschen einstimmen müssen in meine evangelisch-lutherische Kindheits-und Jugend-Vergangenheit und hab deshalb den Alan Watts in einen Pfarrer-Talar gekleidet, wie er mir von damals her bekannt ist. Als ich die Zeilen von Alan Watts las, fielen mir als Erstes die Diakonissen ein. Und zu ihnen fiel mir ein: Kaltes Wasser und Kernseife, Pflichterfüllung, Arbeit, Arbeit, Arbeit, Herrschen durch Dienen, Gesetzestreue, Härte, Kälte, Humorlosigkeit und totale Asexualität. Daneben erschien mir ein katholisches Krankenhaus fast wie ein gemütlicher Puff. Auf die Katholen bestand da überhaupt ein gewisser Neid. Die durften sündigen, gingen danach zum Beichten, mussten ein paar Rosenkränze beten und waren ihre Sünden wieder los, bereit neue Sünden zu begehen. Und wir armen Schweine mussten uns in unserer Schuld suhlen. Im Windsbacher Knabenchor sangen wir vorzugsweise Bach und unser Chor war berühmt für seinen hellen, klaren Klang. Wir waren Dur, eher hart-männlich, während z.B. die Regensburger Domspatzen Moll waren, eher unscharf, weich und irgendwie weiblich-mystisch. Also irgendwie.


Alan Watts bringt den Protestantismus so auf den Punkt: Der Protestant ist in die Illusion gestürzt worden, er sei ein unabhängig und allein verantwortlich handelndes Wesen. „Sich regen bringt Segen, Leistung, Fortschritt, es ist nie genug, Härte sich selbst gegenüber, streng aber gerecht, … Als mir so mit 18 über Aldous Huxley ein Buch von Meister Eckhart in die Hände kam und fast zeitgleich das Tao Te King, merkte ich wie ausgehungert ich war nach dieser Seite, die, wie es mir schien, mir mein bisheriges Leben lang vorenthalten worden war. Mir tönt es noch in den Ohren, dieses „Morgen. Aufstehen. Runter zum Frühsport!“, wie wir es im Internat jeden Morgen zu hören bekamen. Vormilitärische Ausbildung nannte ich es damals. Nur Yang und kein Yin. Die Muße, das Weiche, Weibliche, Musische, … kamen einfach nicht vor bzw. galten gar als etwas Verächtliches. Ich bin ja in Bayern aufgewachsen, das vorzugsweise  katholisch ist. „Wir Protestanten“ waren so was wie ein Vorposten im Feindesland und mussten daher unsere Art besonders deutlich zum Ausdruck bringen und verteidigen. Man könnte sagen: Es herrschte Krieg. Irgendwie schien der dreißigjährige Krieg noch nicht so ganz vorbei zu sein.

Wird der Krieg je vorbei sein? – Wie sollte das denn möglich sein?

y

Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König.
Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen,
die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien
.

Heraklit

 

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2 Antworten zu Alan Watts: Wozu soll das gut sein?

  1. Ayni schreibt:

    Hallo lieber Nitya,

    „Wird der Krieg je vorbei sein? – Wie sollte das denn möglich sein?“
    Nur mal SO am Rande des vorweihnachtlichen Konsumterrors bemerkt:
    Durch inneren Frieden !
    Ich bin & war nie ein Hippie, jedoch scheint mir nicht nur, sondern ist dieses statement aus der damaligen Zeit mehr als nur zeitlos gültig und absolut erwünschenswert für jeden Menschen:
    „When the power of love overcomes the love of power, the world will know peace.“
    Des weiteren fällt mir auf unerwarterter Weise der *omninöse* Einfall zu oder Zufall ein, daß es einigen Menschen an der Einsicht fehlt, dass Dschihad einen inneren Kampf impliziert.

    Wie auch immer Dem/Ihr/Denen sei<<<>>>ES IST.

    Alles Gute ,Wahre, friedvoll Erhabene & Schöne
    :https://www.youtube.com/watch?v=FqRqPtPqlmE

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    • Nitya schreibt:

      Aaaalso, der Krieg, von dem Heraklit da spricht, ist aus meiner Sicht der „Krieg“ zwischen Ying und Yang, zwischen Tag und Nacht, Sommer und Winter, … Solange es Existenz gibt, wird es diesen „Krieg“ geben.

      Der innere Frieden kann gefunden werden in der Einsicht, dass „der Krieg der Polaritäten“ die Grundlage der Existenz ist. Hat nix mit Hippies zu tun, sondern mit nüchterner Einsicht. Ist aber in all seiner Nüchternheit ungeheuer befreiend.

      Herzlichst
      Nitya

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