Ramesh Balsekar: Jedes Wesen „wird gelebt“


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Gefangenschaft entsteht nicht durch die Dualität der Subjekt-Objekt-Beziehung, die der notwendige Mechanismus für das universelle Bewusstsein ist, um Phänomenalität wahrzunehmen. Dieses Spiel (lila) der Wechselbeziehung zwischen Menschen, die das Bewusstsein in sich selbst hervorruft, verursacht im mutmaßlichen Individuum Freude und Schmerz.

Das ist allerdings keine Konsequenz, die sich aus dem Mechanismus der Dualität  ergibt, sondern eine, die durch die Wirkungsweise des Dualismus entsteht. Der Dualismus führt dazu, dass sich jeder Einzelne als eine getrennte, autonome Entität begreift, als persönlich Handelnder, als das Subjekt aller anderen Objekte. Das verursacht die Gefangenschaft.

Die grundlegende Tatsache hingegen ist, dass das Noumenon nur Subjekt ist – reine Subjektivität – und alle sind Objekte. Jeder Körper-Mind-Organismus kann nur in Übereinstimmung mit seiner zugrunde liegenden Natur leben, seinem Dharma. Daher lebt kein Wesen sein Leben, jedes Wesen „wird gelebt“.

aus: Ramesh Balsekar, „Zen und Tao im Licht von Advaita“

cRamesh bezeichnet das Spiel (lila) der Wechselbeziehung zwischen Menschen bzw. die Dualität der Subjekt-Objekt-Beziehung als notwendigen Mechanismus für das universelle Bewusstsein, um Phänomenalität wahrnehmen zu können. Man könnte sich hier fragen, warum dieses kosmischkomische Bewusstsein unbedingt diese Wechselbeziehungen kreieren muss. Könnte es sich verdammt nochmal nicht einfach auch den Hintern platt sitzen und Ruhe geben? Uns bliebe auf diese Weise jedenfalls dieses ganze Affentheater erspart. Na ja, wie das mit den Warum-Fragen so ist, man kann auch in diesem Fall nur „Darum!“ sagen. Es scheint das Wesen dieses Bewusstseins zu sein, ununterbrochen Neues zu gebären und Altes sterben zu lassen.

Die Dualität der Wechselbeziehungen zwischen Menschen verursacht Freude und Schmerz im mutmaßlichen Individuum, weil da in aller Regel noch etwas hinzukommt, das über die Dualität hinausgeht: Die potenzielle Fähigkeit von Formen, sich mit sich selbst zu identifizieren. Diese Fähigkeit lässt dann das entstehen, was Dualismus genannt wird. Dazu sagt Ramesh: „Der Dualismus führt dazu, dass sich jeder Einzelne als eine getrennte, autonome Entität begreift, als persönlich Handelnder, als das Subjekt aller anderen Objekte. Das verursacht die Gefangenschaft.“

eJetzt kommt schon wieder eine Warum-Frage: Warum sollte das universelle Bewusstsein daran interessiert sein, scheinbare Wesen, die sich gefangen fühlen, zu kreieren, zu zerstören, neu zu kreieren, zu zerstören, …? Ist das universelle Bewusstsein der große göttliche Alchemist, der alles immer wieder auflöst („solve“) und voneinander trennt, um es dann wieder neu und besser zusammenzufügen  („coagula“)? So’n bisschen wie „Versuch macht kluch“? Wilde Spekulationen. Die Darum-Antwort gefällt mir entschieden besser.

Ramesh glaubt es übrigens auch nicht besser zu wissen. Er endet mit dem viel- oder nichtssagenden Satz: „Daher lebt kein Wesen sein Leben, jedes Wesen „wird gelebt“. Dieses „Daher“ bezieht er auf die vorausgehende Behauptung: „Jeder Körper-Mind-Organismus kann nur in Übereinstimmung mit seiner zugrunde liegenden Natur leben, seinem Dharma.“ Zuerst also eine Behauptung, dann die für ihn daraus folgende Schlussfolgerung. Was man nicht so alles schlussfolgern kann.

Ein Spiegel spiegelt einfach: Scheinbare Wesen, die sich anscheinend gefangen fühlen, tauchen auf und verschwinden wieder, tauchen auf und verschwinden wieder, …

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8 Antworten zu Ramesh Balsekar: Jedes Wesen „wird gelebt“

  1. Georg Alois schreibt:

    „Der Dualismus führt dazu, ……………..Das verursacht die Gefangenschaft.“
    Und was sucht jetzt ein Sucher? Kannst Du mir das sagen, lieber Nitya?
    Wenn ich etwas suche, dann muss ich doch wissen was ich suche, oder?
    Fühlen sich alle Sucher in Gefangenschaft? Und haben sie dann eine Vorstellung davon, wo sie denn hin wollen? Wenn ich denn suche und nicht weiß was ich suche, was soll ich denn finden?

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Georg Alois, guten Morgen und einen hübschen Tag!

      Deine Fragen kann ich nicht beantworten. Da musst du schon einen echten Sucher fragen. Ich such eigentlich nur noch, wo meine Brille wieder abgeblieben ist. Aber ich versuch trotzdem als ignoranter Nichtsucher eine Antwort:

      Da gibt es eine völlig unpersönliche Sucbewegung. Eigentlich ohne zu wissen, was da gesucht werden soll. Manchmal bastelt sich der Verstand eine Vorstellung vom angeblich Gesuchten.In Wirklicheit hat er keine Ahnung. Das sieht dann vielleicht so aus:

      Georg Alois fühlt sich allein. Und er erinnert sich an Gott, der in seiner unendlichen Weisheit mal gesagt hat: „Ich will ihm eine Gefährtin schaffen.“ Die soll’s da also irgendwo in der weiten Welt geben. Georg Alois macht sich also auf die Socken und sucht seine Gefährtin. Jede Frau, die hm über den Weg läuft, fragt er: „Sag mal, bist du’s?“ Abe sie sind es nicht. Gleichgültig, ob sie die Frage mit Ja oder mit Nein beantwortet haben, sie sind es verdammte Scheiße einfach nicht. Irgendwann reicht’s dem Georg Alois und er wird spirituell und sucht die Gesuchte nun in sich selbst. Und tatsächlich: Da issie! Halleluja! Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er auch noch heute. 🙂

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  2. Eno Silla schreibt:

    Und was suchen diese Leute:

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  3. fredoo schreibt:

    Suche ?
    Wer sucht ?
    Was wird gesucht ?
    Wird überhaupt gesucht ?
    Oder aber wird eine gewisse Veränderung im KörperMindOrganismus von der Erinnerungsfunktion dieses Organismuas nur als „seine Suche“ interpretiert ?
    Ist „Suche“ also aus ihrer Such+FindQualität heraus verursachend , bewirkend ?
    Oder aber ist die Vikabel „ich Suche“ nicht eher der verzweifelte Versuch eines sichtlich irritierten Organismus sich gewisse Veränderung zu erklären ( und in Erinnerung abzuspeichern ) ?
    Wie funktioniert normalerweise Erinnerung ?
    Werden da nicht aus Ereignissen , flüchtig , sich permanent verändern , künstlich stabile , abgrenzbare GeschichtsObjekte geformt ?
    Und warum das ?
    Könnte es sein , dass das Hirn dem Ereignisfluss in seiner imensen „Daten“fülle gar nicht gewachsen ist , und es aus notwendiger „Energieeinsparung“ hilfsweise diese Objekte erschafft ?

    Könnte es dann wiederum sein , wenn dieser „ObjektivierungsMechanismus“ im Hirn erschlafft oder aber ab und an ins Stockern gerät , warum auch immer , dass dann „Suche“ beginnt ?
    Könnte damit „Suche“ gar nicht so sehr eine Suche nach noch Unbekanntem sein , sondern viel eher eine Suche nach Reparaturmöglichkeiten zu diesem offenbar „schwächelnden“ Objektivierungsmechanismus ?

    Soviele Fragen … und ( den Göttern sei es gedankt ) keine Antworten …

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  4. Brigitte schreibt:

    Ich bin gerade am Ausmisten und dabei ist mir mein altes Tagebuch in die Hände gefallen. Es sind nur ganz wenige Eintragungen darin, die von Schmerz, Verzweiflung, Todessehnsucht und Hoffnungslosigkeit erzählen. Am 4.5.83 steht geschrieben: „Ich bin mir selbst so fremd. Ich kann mich nicht finden. Wo bin ich? Was bin ich? Wer bin ich? Wer war ich einmal und wer bin ich jetzt? Ich finde keine Antwort.“

    Dies, was frei ist
    Dies, was frei ist, ist keine Entität;
    Das, was gefangen ist, ist nicht das was du bist;
    Dies was nicht bedingt ist, ist leer;
    Das was bedingt ist, bist nicht du.

    Jede Art von scheinbarem Fortschritt,
    bei dem du selbst mit von Partie bist,
    führt dich nur im Kreis herum.

    Alles in Allem genommen:
    Ist Gefangensein einzig die Vorstellung vom „Ich“,
    Ist Befreiung die Befreiung von der Idee von Befreiung.
    Und überhaupt: Gibt es da einen, der gefangen sein,
    Einen der befreit werden könnte?

    Was immer du auch sein magst, du wirst gelebt.

    Du sitzt in einem Zug.
    Beende den Versuch, dein Gepäck selbst zu tragen!
    Es reist so oder so zusammen mit dir.

    Jedes Ding ist ich, und ich bin kein Ding.

    Was ist zu tun?

    Packe deine Koffer,
    Geh ohne sie zum Bahnhof.
    Steig in den Zug
    Und laß dein Ich zurück.

    Dies genau:
    Die einzige Übung – ein einziges Mal.

    (Wei Wu Wei, Das Offenbare Geheimnis)

    Gefällt 6 Personen

  5. ananda75 schreibt:

    Ich muss nichts suchen, es reicht, mich zurecht zu finden in dem was ich finde.
    (Ananda-Weisheit)
    Das hilft mir, also, wenn ich etwas einmal aufgeschrieben hab, funktioniert das oft wie so’n friendly reminder – Ich krieg das inzwischen ganz gut mit, wenn ich mal wieder „am suchen“ bin, lass es dann wieder sein und prompt geht’s mir besser 🙂
    Und das passt mir auch grad sehr gut zu dem, was er oben sagt:
    „Es lebt mich“ stieß mir zuerst auf als „Es schreibt mich“ – das tut das wirklich 🙂
    Außer ich will unbedingt was schreiben … 😉
    Aber meist will ich eigentlich gar nix schreiben, in meinem Blog z.B., und dann schreibt es mich doch was 😆
    UND
    das ist mir nämlich so tröstlich – wenn ich mal Trost brauche, dann sag ich mir:
    Wenn es mich schreibt, dann wird es mich auch leben 🙂

    Alles Liebe ❤

    Gefällt 1 Person

  6. teggytiggs schreibt:

    …verstehe ich mich als Subjekt aller anderen Objekte, dann bin ich gleichzeitig Objekt für alle Objekte, die sich als Subjekt begreifen…wir hängen also alle zusammen in einem Netz, das uns hält und miteinander verbindet…ich kann nicht entkommen…aber, ich kann es ein bisschen schaukeln lassen…oder?

    Gefällt 2 Personen

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