Hui-neng: Losgelöst sein von Form und Leere


hDer Geist des Menschen ist nichts Vorstellbares. Er ist ursprünglich äußerste Ruhe und ohne Beziehung zu falschen Ansichten. Dies ist der „große Grund“ (Buddha Wesen). Innen (im Ursprung) und außen (im Wirken) nicht irregeführt sein, bedeutet von beiden nicht gefesselt werden. Außerhalb irregeführt sein, ist ein Haften an der Form. Innerhalb irregeführt sein, ist ein Haften an der Leere. In der Form losgelöst sein von Form und in der Leere losgelöst sein von Leere, das heißt, innen und außen nicht irregeführt sein. Wenn man selbst zu dieser Wahrheit erwacht ist, dann öffnet sich der Geist in einem Gedankenaugenblick, und Buddha erscheint in der Welt. Was öffnet sich im Geist? Die Weisheit des Buddha. Und Buddha bedeutet Erleuchtung.

aus: Hui-neng, „Das Sutra des sechsten Patriarchen“

sOἶδα οὐκ εἰδώς, soll der olle Sokrates gemurmelt haben und das Orakel von Delphi verkündete, dass kein Mensch weiser als Sokrates sei. Sokrates erklärte diese Antwort damit, dass er sich stets bewusst sei, dass er sich nichts wirklich gewiss sei, und genau dies sei die Voraussetzung für die Erlangung von Weisheit. Wenn Sokrates meint, dass er sich nichts wirklich gewiss sei, bedeutet das nichts anderes als das, was Hui-neng mit den Worten ausdrückt:

Innen (im Ursprung) und außen (im Wirken) nicht irregeführt sein, bedeutet, von beiden nicht gefesselt werden. Außerhalb irregeführt sein, ist ein Haften an der Form. Innerhalb irregeführt sein, ist ein Haften an der Leere.

uEs geht also einzig und allein um das Haften. Ein Mensch, der glaubt, irgendetwas zu wissen, haftet an dem Wissensinhalt und er haftet darüber hinaus an seinem Haften – üblicherweise Glauben genannt. Ein Gläubiger ist also ein wandelnder Klebrian. Da gibt es sogar den Ehrentitel „Verteidiger des Glaubens“, den die Päpste gern verliehen haben. Und der Papst selber ist als Nachfolger von Petrus im Besitz der Schlüssel Petri, die ihm totale Macht in dieser und jener Welt garantieren. Der Papst als absoluter Alleskleber.

pDass die anderen Religionen ebenfalls ihre absoluten Alleskleber haben, ist geradezu selbstverständlich. Auch dass die hier so hübsch verknoteten Schlüssel die unteilbare Macht im Himmel und auf Erden symbolisieren, muss niemanden wundern. Der Gottesstaat ist das Ziel aller Religionen. Wir müssen uns also gar nicht über den Islam im Besonderen echauffieren.

Hui-neng versucht allen zu zeigen, wie sie aus der Misere herauskommen: „In der Form losgelöst sein von Form und in der Leere losgelöst sein von Leere, das heißt innen und außen nicht irregeführt sein.“

yyShakti ist nichts anderes als Shiva,
Shiva ist nichts anderes als Shakti.

Form ist nichts anderes als Leere,
und Leere ist nichts anderes als Form.

Woran also könnte sich  jemand festhalten als an seinen Illusionen?

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8 Antworten zu Hui-neng: Losgelöst sein von Form und Leere

  1. alexandra schreibt:

    „Ein Gläubiger ist also ein wandelnder Klebrian“ hahaha, der ist gut! Aber dass alle Religionen einen gottesstaat wollen… Religion geht nur mit Menschen, die ihr anhaften. Das rumsteht viele in unserer Gesellschaft t ( zum Glück) nicht mehr. Den alten kann man es nicht austreiben ( wozu auch?) und den jüngeren glücklicherweise nicht einreden. So erlebe ich es jedenfalls hier auf dem Dorf und in der Schule. Da macht sich eine Religionslehrerin drei Jahre lang die Mühe, den Kindern einen biblischen Gott schmackhaft zu machen – vergebens! Und die Kirche betreibt auch gerade so eine Art – unfreiwillige -Autolyse, also selbstverdauung… interessant ist vielleicht, was da so als Ersatz kommt…

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Alexandra,

      die Ersatzreligion haben wir doch längst in Form des Glaubens, dass Besitz und Konsum glücklich machen. Und nachdem dies nicht nur bei dir auf dem Dorf so sein dürfte, sondern weltweit, haben schon längst einen weltumspannenden Gottesstaat.

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      • alexandra schreibt:

        Leber Nitya, da hast du wohl leider Recht. Nur läuft das heute so subtil. Früher wusste man – oder heute bei den islamisten- wer nicht hören will (gehorchen) dem gebührt die Hölle und evtl. schon hier und jetzt Qualen. Heute kauft man den Teufel im sack. Unsere Gier treibt uns zum mamon, die Bequemlichkeit machts möglich, dass wir optimal überwacht werden. Wahnsinn!

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      • Eno Silla schreibt:

        Liebe Alexandra,
        die heutige weltumspannende Religion des Materialismus ist nicht so subtil, wie du meinst. Wer heute nicht hören, gehorchen will, hier bei uns, der muss um seinen Arbeitsplatz bangen und das man ihn abschneidet von der Droge Geld, wenn er seinen Arbeitsplatz schon verloren hat, dann nimmt man ihm auch noch sein Existenzminimum, ganz gleich, was das Grundgesetz dazu sagt, wenn er denn nicht gehorcht und kriecht und buckelt und bereit ist jeden Unsinn mitzumachen, wies die Obrigkeit fordert…

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      • Nitya schreibt:

        Na ja, lieber Eno, jeder schreibt halt von da aus, wo er gerade sein Dasein fristet. Ich war ja mal Beamter und hab mir damals herzlich wenig Gedanken darüber gemacht, was das bedeutet. Mein Vater war schon Beamter, ich kannte es gar nicht anders. Irgendwann wurde mit der Preis, den ich für meine Privilegien zu bezahlen hatte, immer bewusster und immer unerträglicher und ich schmiss alles hin. In dem Moment wurde mir schlagartig klar, welche Privilegien ich da in den Wind geschossen hatte. Seit 35 Jahren lauf ich nun unprivilegiert, aber auch weitgehend verschont von diesen mafiösen Sanktionen des Staates durch die Gegend. Insofern bin ich eigentlich doppelt privilegiert. Ich hab Glück gehabt und eine Nische gefunden. Es hätte auch ganz anders kommen können. Ich kann nicht sagen, was ich tun würde, wenn ich der staatlichen Willkür in dem Maße ausgesetzt wäre wie ein Arbeitsloser oder vielleicht sogar ein Obdachloser. Möglicherweise würde ich eine neue RAF gründen oder mich an die Heliumflaschen in meinem Keller erinnern.

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    • alexandra schreibt:

      Lieber Eno,
      mit subtil meine ich eher folgendes: hat man früher jemanden gefragt: Woran glaubst du? War die Antwort eindeutig. Sagte man „an Gott“, war alles im Lot, sagte man etwas anderes, war man ein Ketzer und fällig für die Hölle. Fragt man heute jemanden, woran er glaubt, sagt er höchstens an gar nicht (oder sonstmwas) aber mit Sicherheit nicht: ich glaube an Macht, Besitztum und Geld!

      Lieber Nitya,
      ich stehe auch gerade als Beamtin ein bisschen zwischen zwei Stühlen. Manches an der Schule macht mir noch Freude, bei vielem aber wehrt sich mein Inneres immer mehr. Und ich habe auch eine Idee und stecke ein bisschen in den Startlöchern für Neues. Aber im Moment gibt es noch zu viel, was mich vernünftig und brav sein lässt. Naja, mal sehn. Das Leben wird mich schon dahin boxen, wo es mich hin haben will. Bin mal gespannt.

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  2. Inge schreibt:

    selbst wenn ich mir während des Festhaltens nicht bewusst bin, dass ich festhalte – es kommt die Lücke, in der diese Worte Patz finden: „In der Form losgelöst sein von Form und in der Leere losgelöst sein von Leere, das heißt innen und außen nicht irregeführt sein.“ Sehr schön, danke!!!

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