Jed McKenna: Frag dich selbst. Wer bin ich?


r„Warum“, frage ich Bob, dessen Buch Ramana gewidmet ist, „sind all die Tausenden von Ramanas hingebungsvollen Schülern und Verehrern nicht erwacht? Das klingt doch nach einer ziemlich fairen Frage, oder?“ – „Ich halte es nicht für fair, davon auszugehen …“, setzt er an. – „Kein Grund zur Verteidigung“, sage ich, „ich bin einer Meinung mit Ramana. Ich sage, Selbsterforschung ist der Knüller. Da ziehe ich total am selben Strang.“ – „Aber du sagst auch … was sagst du?“ – „Dass Ramanas Unfähigkeit, erwachte Wesen hervorzubringen, nahezu absolut ist.“ – „Oh gut, das ist schwer zu …“ – „Wo doch seine Erfolgsrate augenscheinlich hundert Prozent betragen sollte. Oder nicht?“ – „Ich weiß nicht, ich nehme an …“ – „Was haben wir also übersehen? Warum geht die Rechnung nicht auf? Was ist es, das wir an der Sache nicht verstehen?“

Ich schiele hinüber zu Bob, währen er an dem Problem herumkaut. Er ist sichtlich aufgewühlt, man darf zu Recht annehmen, dass er soeben einen gewissen Grad an Spiritueller Dissonanz erfährt. Er ist sicher, dass Ramana ein großartiger Mann war, ein großartiger Lehrer, ein Heiliger, ein Weiser, was auch immer er unter all dem versteht. Das ist der innere Glaube. Doch selbst nachdem er über fünfzehn gelöschte Absätze hinweg versucht hat, an Ramanas Erfolgsquote herumzudeuteln, muss er schließlich einräumen, dass sie gelinde gesagt miserabel ist. Das ist die äußere Realität. Schließlich bleibt ihm keine Wahl als das Offensichtliche zu erkennen.

„Sie machen es einfach nicht?“ sagt er und lässt es wie eine Frage klingen. „Wer macht  was nicht?“ – „Ramanas Anhänger, sie machen die Selbsterfahrungsübung einfach nicht.“ – „Ja“, pflichte ich ihm bei. „Wenn wir die Situation korrekt beim Namen nennen – Selbsterforschung führt zum Erwachen, und Ramanas Anhänger erwachen nicht -, dann ist das die einzige Schlussfolgerung, die uns bleibt.“

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“

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Selbsterforschung führt zum Erwachen, Ramanas Anhänger erwachen nicht, die einzige Schlussfolgerung, die uns bleibt, ist, dass Ramanas Anhänger, die Selbsterfahrungsübung einfach nicht machen. Man müsste ergänzen: Oder sie machen die Selbsterfahrungsübung nicht richtig oder die Behauptung, die Selbsterfahrungsübung führe zum Erwachen, ist falsch. Kann man die Selbsterfahrungsübung überhaupt als Übung bezeichnen? Etwas Machbares soll zum Erwachen führen? Noch dazu zwangsläufig? Da bleibt ja immer noch der Macher. Selbst wenn der Macher immer wieder auch den Macher untersucht, und sich auf diese Weise der Abstand zur angestrebten Null verringern sollte, mag dieser Abstand zwar kleiner werden, verschwinden wird er deshalb nicht. Die Hälfte von der Hälfte von der Hälfte … wird eben niemals Null sein. Der Macher ist durch Machen nicht tot zu kriegen.

Vielleicht sollte ja noch eine Frage gestellt werden. Huang-po sagt: „Solange euer Geist der geringsten Denkbewegung unterworfen ist, werdet ihr dem Irrtum unterliegen, „unwissend“ und „erleuchtet“  als gesonderte Zustände zu betrachten.“ Die Frage „Wer bin ich?“ ist zuallererst einmal eine Denkbewegung. Und sie wird gestellt aus der Vorstellung heraus, dass ich unerleucht bin und durch eine Übung Erleuchtung erreichen kann. Mit jeder Durchführung der Übung bestätige ich mir, dass ich (noch) nicht erleuchtet bin. Also fahre ich nach dem Prinzip „mehr von demselben“ fort, mich regelmäßig  zu befragen. Und wenn ich nicht gestorben bin, dann frage ich mich weiter. Und wenn ich gestorben bin, dann auch.

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13 Antworten zu Jed McKenna: Frag dich selbst. Wer bin ich?

  1. Wolf Schneider schreibt:

    Bingo! Klasse Eintrag, punktgenau!
    Inklusive dem schönen Abschlussbild mit dem weinenden Geier …
    LG
    Sugata

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  2. fredoo schreibt:

    Bei meinen Besuchen bei Ramesh Balsekar stand immer ein Bild von Ramana auf der Kommode …

    Und doch , hat er dessen Aussagen nur seltsam selten zitiert … sehr viel mehr Zitate der Taoisten oder der auch von Herrn Nitya so gern erwähnten Channies … Eines Tages nun wurde Ramesh gefragt :“Ramesh du verehrst Ramana sehr , und er gilt als Größe des Advaita . Advaita lehnt aber doch jede (!) Methode als obsolet ab. Ramana soll aber die self-inquiery ( Selbst-Erforschung ) empfohlen haben ? wie passt das ?“
    Ramesh lächelte und sagte : „Ramana hat 15 Jahre schweigend gesessen , und jede Frage … schweigend … ( bestens) beantwortet. Doch unermüdlich kamen die Menschen und fragten : Meister was kann ich tun ? immer wieder … jahrelang von hunderten , gar tausenden Besuchern , die immer gleiche Frage : Meister , was kann ich tun ? … Meister , was kann ich tun ? … Eines Tages nun … ob aus Langeweile oder Überdruss … antwortete Ramana auf das immer gleiche „Meister , was kann ich tun “ mit der zweitbesten Antwort : “ wer will das denn wissen?“ …
    Ramesh grinste … und sagte … „tja … da hatten sie ihre Methode !“

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  3. Brigitte schreibt:

    Wer Lust auf einen wie ich finde wunderschönen Film hat, hier meine Empfehlung. Ist noch 5 Tage online.

    Immer wieder das Meer

    Gefällt 5 Personen

  4. alexandra schreibt:

    einer der „klarsten“, deutlichsten, Ranjit, hat 50 Jahre geschwiegen. Leider offiziell nur auf englisch erhältlich.

    Gefällt 2 Personen

  5. alexandra schreibt:

    Das war unvollständig. Der 7. Film der 3. Staffel: das Ritual, klasse!

    Gefällt 1 Person

  6. punitozen schreibt:

    Einsichtweitergabe eines “ Erwachten “ – auszugsweise :
    …… Ich merkte, daß alles, was Gott tut, das besteht immer: man kann nichts dazutun noch abtun; und solches tut Gott, daß man sich vor ihm fürchten soll. 15 Was geschieht, das ist zuvor geschehen, und was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen; und Gott sucht wieder auf, was vergangen ist. …..
    ( Prediger 3.Vers 14- 15 )

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  7. Marianne schreibt:

    Für mich macht Selbsterforschung im spirituellen Kontex schon Sinn, aber mit anderer Fragestellung: Wer bin ich nicht? (- für den/die ich mich immer gehalten habe …)
    Ob das ein direkter Weg zur „Erleuchtung“ ist, wage ich zu bezweifeln … 😉
    Es ist allerdings ein Weg des Wacher-Werdens – der Des-Illusionierung- , bzgl. vieler Vorstellungen, die wir sonst einfach für-wahr-halten …

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  8. fredoo schreibt:

    ich sehe derartige „aktionen“ durchaus auch positiv … entweder als durchaus sinnvolle hausputz-aktionen bei der bio-maschine oder als formen des „sich einfach kommod fühlens“ …
    was gibt es schon angenehmeres als in stille erfüllt von dem was ist (was immer da ist ) zu sitzen oder zu liegen … selbst in der extase des orgasmus ist doch das „erfüllende“ der feine frieden danach … ( wenn ich mich recht erinnere 😉 )
    nur wenn derartiges als „zielführend“ oder gar „erweiternd“ angepriesen wird , weckt das meinen kritischen kommentar …

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