Liä Dsi: Alle Gäste stimmten ihm zu wie ein Echo


o  Der Herr Tiän von Tsi gab in seiner Halle ein großes Festmahl und saß inmitten von tausend Gästen. Als Fisch und Fleisch hereinkamen, betrachtete er sie und sprach seufzend: „Wie gut ist doch der Himmel gegen die Menschen! Er lässt das Korn wachsen und bringt Fische und Vögel hervor zu unserem Gebrauch.“ Alle Gäste stimmten ihm zu wie ein Echo.

Es war aber der zwölfjährige Sohn des Bau dabei. Der machte eine vorlaute Bemerkung und sprach: „Es ist nicht so, wie der Herr sagt. Alle Wesen auf der Welt sind unsere Mitgeschöpfe. Unter diesen Geschöpfen gibt es nicht edlere und geringere. Sie überwältigten einander nur durch ihre Größe, Klugheit und Kraft und essen dann der Reihe nach einander auf. Es ist aber nicht so, dass sie füreinander erzeugt wären. Was der Mensch an essbaren Dingen unter die Hand bekommt, das isst er auf. Aber das ist nicht ursprünglich vom Himmel für die Menschen erzeugt. Schnaken und Mücken beißen uns in die Haut, Wölfe und Tiger fressen unser Fleisch; aber darum hat doch nicht ursprünglich der Himmel den Menschen und sein Fleisch für Schnaken und Mücken, Wölfe und Tiger wachsen lassen.“

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom Quellenden Urgrund“

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„Alle Gäste stimmten ihm zu wie ein Echo.“ Na klar, das haben wir ja schon in der Volksschule gelernt. Bei uns war es nicht der Himmel, sondern der liebe Gott, aber die Behauptung des Lehrers und des Pfarrers war genau dieselbe: Der liebe Gott hat in seiner unendlichen Weisheit für uns alle bestens gesorgt. Der Herr Tiän von Tsi hatte vorzüglich gespeist, machte genüsslich ein Bäuerchen, streichelte liebevoll mit den Händen seine Wampe und ließ einen tiefschürfenden philosophischen Furz vom Stapel. Ein richtiges Biedermeier-Bild, das er da malte und das seinen vollgefressenen Gästen ausnehmend gut gefiel: „Wir sind die Krone der Schöpfung. Und der Himmel hat alle Tiere und Pflanzen hervorgebracht zu unserem Gebrauch.“ Natürlich hat er auch die Sklaven hervorgebracht, die für uns fleißig sein dürfen, damit wir uns nicht die Hände schmutzig machen müssen.

Der Theologe Charles Darwin besaß die Kühnheit, das liebliche Bild vom fürsorglichen, lieben Gott mit seiner Evolutionstheorie kaputt zu machen. Besonders erfolgreich war er damit jedoch nicht. Das liebliche Bild vom fürsorglichen Gott wurde übertragen auf das liebliche Bild vom fürsorglichen Staat. Und weil der Staat wie ein fürsorglicher Vater ist, billigen wir ihm auch das Gewaltmonopol zu (GG 20,2).

gLeider ist der Staat jedoch kein fürsorglicher Vater. Leider – oder Gott sei Dank. Insofern gestehe ich dem Staat auch nicht das geringste Recht auf Gewalt zu. Das Bild da oben zeigt mir einfach eine gewaltbereite Bande von Banditen. Wer A sagt muss auch B sagen, das heißt in diesem Fall, wer dem Staat nicht das Recht auf das Gewaltmonopol zubilligt, muss auch auf seine Fürsorgepflicht verzichten. Und damit wären wir mitten in der Anarchie gelandet. Und das bedeutet, dass jeder für sich selbst sorgen muss. Menschen können sich gegenseitig helfen, das kriegen ja sogar manche Tiere hin. Aber damit muss nicht die geringste Gewalt verbunden sein.

Liä Dsi lässt den zwölfjährigen Jungen sagen: „Was der Mensch an essbaren Dingen unter die Hand bekommt, das isst er auf. Aber das ist nicht ursprünglich vom Himmel für die Menschen erzeugt.“ Liä Dsi leugnet jede Absicht eines Himmels. Wir nennen Gott den lieben Gott, weil wir hoffen, dass er gute Absichten mit uns hat. Hat er aber nicht, auch keine schlechten. Der Schweinehund hat überhaupt keine Absichten. Der kümmert sich einfach nicht um uns und will keine Verantwortung für „seine Kinder“ übernehmen. Der liebe Gott hat nichts zu unserem Gebrauch bestimmt.  Das haben wir uns schon selbst zuzuschreiben. und dann klingt die Sache doch ein bisschen arroganter, wenn ein Mann zum Beispiel zu einer Frau sagt: „Ich habe dich zu meinem Gebrauch bestimmt.“

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2 Antworten zu Liä Dsi: Alle Gäste stimmten ihm zu wie ein Echo

  1. ananda75 schreibt:

    Ich krieg schon Gänsehaut bei „Mein Mann“, „Meine Frau“ 😆

    Dagegen mag ich mag alles, wo „frei“ drin vorkommt – Freier Wille zum Beispiel 😉

    Lieben Gruß in den Samstag Abend ❤

    Gefällt 1 Person

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