Steven Harrison: die Sicherheit eines spirituellen „Jetzt“ aufgeben


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Wirkliche Liebe ist sehr einfach. Sie steht jedem und jederzeit zur Verfügung. Aber diese Verwirklichung der fließenden Stille muss als fließende und dynamische Kraft unser Leben bewegen. Gerade hierin liegt die Herausforderung. Es gilt, die Sicherheit eines spirituellen „Jetzt“ aufzugeben und in das einzutauchen, was als Nächstes kommt.

Bringen wir unsere Erkenntnisse in den Körper, in unsere Beziehungen, und an den Arbeitsplatz. Schauen wir, was geschieht, während wir gegen die Mauern des Geistes rennen. Der Geist ist sehr, sehr widerstandsfähig. Und genau da stirbt unsere Spiritualität. Wirkliche Liebe lebt nicht in den spirituellen Theorien spiritueller Lehrer, die versuchen, in spirituellen Settings mit spirituellen Messdienern etwas über die Liebe zu lehren. In diesen Tempeln der Täuschung wird Spiritualität den Göttern einer relativen Realität geopfert.

Spiritualität lebt dort am kraftvollsten, wo man sie am wenigsten vermutet – im wirklichen Leben des ganz normalen Menschen. Wenn man behütet wird wie ein Kind und sich stets in einer angenehmen, netten Umgebung aufhält, dann fällt es leicht, eine spirituell besondere Person zu sein. Im Grund kannst du jeden nehmen, ihn in einem netten Raum auf ein Kissen setzen, ihm viel Bewunderung zukommen lassen, und er wird vermutlich ein Höchstmaß von Erleuchtung ausdrücken. Aber versetzen wir ihn in ein Haus mit einem Haufen Kinder, unbezahlten Rechnungen und an eine Arbeitsstelle, und beobachten wir dann, wie die Erleuchtung sich verflüchtigt.

Diejenigen von uns, die ein Interesse an der Integration ihrer Einsichten haben, müssen sich dem Leben stellen – dem ganzen Leben. Das ist es, was die Liebe von uns verlangt. Was ist Liebe? Sie ist kein Ding, sondern eine energetische Verbindung ohne Gegensatz. Sie hat nichts damit zu tun, etwas zu bekommen. Zu lieben bedeutet, all meine Konzepte und Ideen aufzugeben – die volle Akzeptanz des Lebens, wie es ist, unbekannt, ungetrennt. Liebe geschieht, während das Leben zu dem wird, was als Nächstes kommt – kurz bevor wir es als „Jetzt“ bezeichnen.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

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Natürlich habe ich mich gefragt, was der Steven unter einem spirituellen „Jetzt“ versteht, und wieso er rät, es zugunsten der Liebe aufzugeben, die geschieht, während das Leben zu dem wird, was als Nächstes kommt – kurz bevor wir es als „Jetzt“ bezeichnen. Die erste Version klingt für  mich so konzeptuell, irgendwie wie eingefroren und sehr, sehr sicher, während die zweite Version vollkommen lebendig eine Überraschung nach der anderen bereit zu halten scheint. In Abwandlung des bekannten Spruchs könnte man sagen: „Leben ist das, was geschieht, während du diesen Augenblick festzuhalten versuchst.“ oder „… während du auf deine Erleuchtung wartest.“

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Steven sagt: „Spiritualität lebt dort am kraftvollsten, wo man sie am wenigsten vermutet – im wirklichen Leben des ganz normalen Menschen.“ Nicht umsonst ist Ikkyû vor seinen Mitbrüdern im Kloster geflüchtet in die Welt jenseits des Klosters, dessen Abt er doch eigentlich war. Er liebte lieber die Frauen, trieb sich bei den Fischern rum oder zog sich ganz in die Einsamkeit der Berge zurück. Auch Steven springt nicht gerade sanft mit den spirituellen Lehrern um, die anderen erzählen, was das Gelbe vom Ei ist, während sie selbst alles tun, um das Leben zu vermeiden. In der Regel ist der Platz „da vorne“ ein ziemlich sicherer Platz.

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Steven: „Zu lieben bedeutet, all meine Konzepte und Ideen aufzugeben – die volle Akzeptanz des Lebens, wie es ist, unbekannt, ungetrennt. Liebe geschieht, während das Leben zu dem wird, was als Nächstes kommt – kurz bevor wir es als „Jetzt“ bezeichnen.“ Sosan: „Suche nicht nach dem Wahren, sondern enthalte dich nur deiner Überzeugungen.“ Wer alle seine Konzepte und Ideen aufgibt und sich ganz dem Fluss des Lebens hingibt, ist nicht getrennt von Liebe. Wer dazu nicht bereit ist, schneidet sich von der Liebe ab. Das beinhaltet keine Aufforderung, seine Konzepte, Ideen, Vorstellungen aufzugeben. Es macht nur aufmerksam auf die Folgen, die mit einem Festhalten verbunden wären. Aber wer nimmt diese Warnung schon ernst? Steven sagt: „Diejenigen von uns, die ein Interesse an der Integration ihrer Einsichten haben, müssen sich dem Leben stellen – dem ganzen Leben. Das ist es, was die Liebe von uns verlangt.“ Die Liebe verlangt natürlich gar nix. Und das Interesse an der Integration der Einsichten – also das klingt mir schon wieder entschieden zu didaktisch-pädagogisch. Bei einigen Menschen ist einfach so ein Getriebensein da. Sie können sich nicht mit dem begnügen, was ihnen die bürgerliche Gesellschaft da ein Leben lang suggeriert. Sie suchen, sie fragen, sie forschen und experimentieren, fallen immer wieder auf die Schnauze und schließlich landen sie genau da, sich einfach dem unverstellten Leben zu stellen, dem ganzen Leben. Und sie erkennen die Wahrheit des Hinweises von Steven: „Liebe geschieht, während das Leben zu dem wird, was als Nächstes kommt – kurz bevor wir es als ‚Jetzt‘ bezeichnen.“


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3 Antworten zu Steven Harrison: die Sicherheit eines spirituellen „Jetzt“ aufgeben

  1. gnosis schreibt:

    „Aber versetzen wir ihn in ein Haus mit einem Haufen Kinder, unbezahlten Rechnungen und an eine Arbeitsstelle, und beobachten wir dann, wie die Erleuchtung sich verflüchtigt.“

    Also dorthin, wo sich viele ohnehin befinden – und weniger Probleme haben, als wenn man ihnen aufnötigt, allem mit Liebe zu begegnen. Wie es Spiris hinbekommen, auf alle möglichen Konzepte zu spucken, aber die „Liebe“ ausnehmen, sich an etwas hängen, was so offensichtlich maya ist, von dem sie aber blind gemacht wurden und nun alles andere, na, aus Liebe, bekämpfen – das ist schon putzig.

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    • Nitya schreibt:

      Deine Defintion von Liebe scheint mir eine ganz andere zu sein als die, die Steven hier anbietet. Und wie du in diesem Zusammenhang darauf kommst, dass irgendjemand von irgendwelchen ominösen Spiris zur Liebe genötigt wird, ist mir völlig schleierhaft.

      Gefällt 1 Person

  2. ananda75 schreibt:

    Hi Nitya 🙂

    Grad mal bisschen nachgelesen bei dir – War auch schon mit den Sanyassins auf der grünen Wiese🙂 war nett – ich „war“ ja nie, aber einige Jahre lang bestand ein Groß-Teil meines Freunds-/ Bekannten-Kreises aus solchen – als sie noch rot-orange gewandet gingen von den Einheimischen in Spanien, dort, wo ich lebte, übrigens Butanos genannt – nach den orangen Gas-Flaschen😆

    Mir gefällt der Satz
    „Liebe geschieht, während das Leben zu dem wird, was als Nächstes kommt – kurz bevor wir es als ‚Jetzt‘ bezeichnen.“
    https://ananda75.wordpress.com/2016/11/16/das-jetzt-kann-nur-finden/
    und die Liebe – ?
    Liebe ist einfach😉

    Alles Liebe❤
    Ananda

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