Ikkyû Sôjun: Ganz nahe dem Vergessen …

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In Gedanken wandre ich
Ins Dörfchen Maki,
Zum blinden Mädchen Shin.
Vom Hörensagen kanntest du mich nur
Und liebtest mich. –
Das liegt so weit zurück,
Ganz nahe dem Vergessen –
Umso mehr liebe ich dich jetzt,
Die du dem Mond
An Klarheit gleichst,
Den du betrachtest.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

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Ein Zen-Meister, der denkt! Mehr noch, ein Zen-Meister, der sich seinen Tagträumen überlässt. Darf der das? Oder ist der Kerl ein Scharlatan und kein Zen-Meister? Erinnert euch an Tschuang-tses „Schmetterlingstraum“:

Einst träumte Tschuang-tse, dass er ein Schmetterling wurde, der beschwingt umherflatterte. Er hatte Freude an sich und folgte allen seinen Regungen. Dabei wusste er nicht, dass er Tschuang-tse war. Plötzlich wurde er wach; da war er Tschuang-tse – ganz eindeutig nur dieser. Nun weiß man nicht, ob es Tschuang-tse war, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling geworden, oder ob es ein Schmetterling war, der geträumt hat, er sei Tschuang-tse geworden. Es gibt aber gewiss zwischen Tschuang-tse und einem Schmetterling einen Unterschied. Dies ist damit gemeint, wenn gesagt wird: „Die Wesen unterliegen dem Wandel“

Auch hier ist nicht klar, was ist Traum, was Wirklichkeit, oder ist Wirklichkeit auch nichts anderes als ein Traum? Ähnlich scheint es in den Zeilen Ikkyûs zu sein. Ein alter Mann denkt sich zurück in der Zeit zu dem blinden Mädchen Shin, das ihn so sehr liebte und das auch er mit seiner ganzen Seele geliebt hatte. Die Zeit verschwindet und sie ist wieder ganz da. Und er sieht sie in ihrer ganzen Schönheit, wie sie den Mond betrachtet, dem sie in seiner Klarheit so vollkommen gleicht. Ist sie wirklich da oder ist sie nur in seinem Inneren gegenwärtig. Wir können es nicht wissen, aber macht es einen Unterschied? Die Energie zwischen den Liebenden ist absolut präsent. Ihr erinnert euch vielleicht an den Buchtitel von Edgar: „The real is illusion – the illusion is real.“

„Aber was ist denn nun Fakt?“, mag sich der eine oder andere fast verzweifelt fragen. „An was kann ich mich überhaupt noch halten? Was ist denn letztlich wahr?“ Ich erinnere mich an einen differenzialdiagnostischen Psychotest, den ich mal gemacht habe. In diesem Test tauchten Fragen auf, die u.a. herausfinden sollten, wie es um meine Derealisierung und meine Depersonalisierung stand. Die Testmacher lagen ganz auf der Linie der Zeilen aus Rilkes Gedicht ‚Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort‘: „Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort.“ Dabei ist das nur einer selektiven Wahrnehmung geschuldet, die alles ausblendet, was sie nicht begreift. Das ist Fakt und jenes nicht und jeder, der das nicht bestätigt, ist verdächtig und behandlungsbedürftig. Wie Ikkyû und Tschuang-tse bei so einem Test wohl abgeschnitten hätten?

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Was war denn nun mit diesem Ikkyû los? Ich träume mal so vor mich hin: Ikkyû wird von einer überwältigenden Liebesenergie überflutet. Diese Energie braucht keinen Bezugspunkt, was jedoch einen Bezugspunkt keineswegs ausschließt. Leela, das kosmische Spiel liebt Bezugspunkte. Leela ist geradezu ein Tanz der Bezugspunkte. Shiva und Shakti sind eins und zwei zugleich und so kann der Tanz beginnen. Ikkyû und die blinde Shin, zwei Bezugspunkte. Und in Wahrheit ist da nur Liebe, die sich ausdrücken will.

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6 Antworten zu Ikkyû Sôjun: Ganz nahe dem Vergessen …

  1. alexandra schreibt:

    Erinnert mich an den Voyager-Film Das Holosyndrom. Der Doktor, eigentlich nur ein Hologramm, ist plötzlich real und alle anderen sind Holofiguren. Oder doch nicht? Schmetterling oder Mensch? Wie schön, sich ab und zu mal völlig „sinnlosen“ Tagträumen hinzugeben. Und warum auch nicht. Sind sie nicht genau so „real“ oder irreal wie Gedanken, Erinnerungen etc….? Und dann wieder: Staunen darüber, was jetzt grad ist. Was sich real anfühlt. Was bleibt. Ohne Worte…

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    • Georg Alois schreibt:

      Lieber Nitya, gestern hast Du doch so treffend geschrieben: „Die da oben“ waren (sind) nur die gerisseneren Egomanen als „die da unten“.
      Was labert dieser Mausfeld da? „Wieso lassen die Massen das mit sich machen?“ Oben und unten, die sind doch alle gleich, das sind doch nur Egomanen! Die Massen, die Armen, die da unten, sind doch nicht die guten!!! Den Kapitalismus, das Geld- und Wirtschaftssystem wie es jetzt ist, stellt doch niemand in Frage! Da sind doch nur ganz wenige Menschen, die sich z.B. ein „Umlauf-gesichertes Geldsystem“ vorstellen können. Die anderen träumen doch nur vom Lottogewinn oder sonst ner Möglichkeit auch reich zu werden.
      Wir sind jetzt hier beim Diskutieren und Labern, und tun mal so, als wenn der Mensch nen freien Willen hätte. Ich habe mir den Mund fusselig geredet, bei meinen Freunden und Bekannten, ich wollte denen nur unser jetziges System mal klar machen, das auf ewigem Wachstum basiert. Die haben sich die Ohren zugehalten! Ich habe das, glaube ich, schon mal hier geschrieben. Mittlerweile rollen sich mir die Fußnägel auf, wenn ich hören muss, „die da unten“ oder die arme Massen. Vollidioten, überall wo man hin guckt! Mit ein paar Mausklicks kann sich doch heutzutage ein jeder im Internet schlau machen. Vor 40 Jahren saß ich in den Bibliotheken und habe mir über die Fernleihe Bücher kommen lassen. Es gab schon immer die Möglichkeiten, sich über Alternativen schlau zu machen. Laber, laber, laber…………. und Gott oder nenn es die Existenz, lachte!

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Georag Alois,

        du schreibst: „Vollidioten, überall wo man hin guckt! Mit ein paar Mausklicks kann sich doch heutzutage ein jeder im Internet schlau machen. Vor 40 Jahren saß ich in den Bibliotheken und habe mir über die Fernleihe Bücher kommen lassen. Es gab schon immer die Möglichkeiten, sich über Alternativen schlau zu machen.“

        Theoretisch ja. Praktisch haben die „Gerisseneren da oben“ alles getan, damit „die da unten“ dumm werden und unfähig, sich zu wehren. Es ist nicht dein Verdienst, das du etwas sehen kannst, was andere nicht sehen können. Du zahlst allerdings einen hohen Preis dafür: Verachtung für die „Vollidioten“! Tut dir nicht gut, sag ich mal.

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  2. Marianne schreibt:

    Viele sprechen von ihrer bedingungslosen Liebe zu einem anderen Menschen. Aber in Wahrheit gibt es diese bedingungslose Liebe nicht. Bedingungslose Liebe ist die Erfahrung des „Seins“, und es gibt für sie kein „Ich“ und keinen „Anderen“.

    Du kannst niemanden bedingungslos lieben. Du kannst nur bedingungslose Liebe sein. Es ist keine dualistische Emotion. Es ist ein Gefühl des Einsseins mit allem, was existiert.

    Stephen Levine

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