Hui-neng: jetzt oder nie


hDie Gebote, Versenkung und Weisheit deines Meisters sind für Menschen des Großen Fahrzeuges. Meine Gebote. Versenkung und Weisheit sind für Menschen des Höchsten Fahrzeuges. Die Erleuchtung ist nicht dieselbe (seicht und tief), und auch in der Erleuchtungsweise gibt es schnell und langsam. Was du bis jetzt hier gehört hast, wird nicht dasselbe sein wie bei Sheng-hsiu. Die Lehre, die ich darlege, ist nicht getrennt vom eigenen ursprünglichen Wesen. Wenn eine Lehre getrennt vom ursprünglichen Wesen dargelegt wird, dann ist es eine formale Lehre. So eine Lebensweise lässt einen das eigene ursprüngliche Wesen aus den Augen verlieren. Man muss wissen, dass alle Zehntausend Erscheinungen das Wirken des eigenen Wesens sind. Das ist die Lehre von der Gleichheit von Geboten, Versenkung und Weisheit. Stets das eigene ursprüngliche Wesen schauen bedeutet, dass das eigene Wesen an sich Buddha ist.

Der Geistgrund ohne Irrtümer ist das Gebot des eigenen Wesens. Der Geistgrund ohne Torheit ist die Weisheit des eigenen Wesens. Der Geistgrund ohne Wirrnis ist die Versenkung des eigenen Wesens. Die Gebote, Versenkung und Weisheit deines Meisters sind für Menschen mit geringer Weisheit. Meine Gebote, Versenkung und Weisheit sind für Menschen mit großer Weisheit. Wenn man zum eigenen Wesen erwacht, braucht es keine Worte über Erleuchtung und Nirvana, Befreiung und befreites Begreifen. Weil es kein Ding gibt, das erlangt werden könnte, können die Zehntausend Dinge errichtet werden. Das ist die wahre Sicht des eigenen ursprünglichen Wesens.

aus: Hui-neng, „Das Sutra des sechsten Patriarchen“

Chih-ch’eng war ein Spion des Ch’an-Meisters Sheng-hsiu. Dieser hatte ihn zu Hui-neng geschickt, um herauszufinden, was der für eine Lehre vertrat. Chih-ch’eng hörte Hui-neng nur einmal zu und schon war’s um ihn geschehen. Er offenbarte seinen geheimen Auftrag und blieb bei Hui-neng. Also bitte, hört dem Hui-neng genau zu. Vielleicht erwischt’s euch ja dann auch. Jetzt oder nie. Also, falls es euch nicht schon längst erwischt hat. Dann grinst ihr wahrscheinlich nur vor euch hin.

haiAngeregt zu diesem Beitrag hat mich die Diskussion in deinem Blog, lieber Hagen. Es ging um das Freimaurer-Symbol des Rauen Steins. Als ich die Sichtweisen der Kommentatoren las, überwiegend Freimaurer, erinnerte mich das sehr stark an meine Zeit in einem evangelisch-lutherischen Internat, aber irgendwie musste ich auch an die alten Ch’an-Patriarchen denken. Offiziell gab es, wenn ich richtig informiert bin, sechs chinesische Ch’an-Patriarchen, wobei es den sechsten Patriarchen im Doppelpack gab. Sheng-hsiu repräsentierte im Norden das Ch’an der allmählichen – und Hui-neng im Süden das Ch’an der plötzlichen Erleuchtung. Es gab und gibt ja allerlei Integrationsversuche hinsichtlich der beiden Richtungen, aber letztlich gehen sie zumindest aus meiner Sicht nicht zusammen.

Hui-neng sagt zu Chih-ch’eng: „Die Gebote, Versenkung und Weisheit deines Meisters sind für Menschen mit geringer Weisheit. Meine Gebote, Versenkung und Weisheit sind für Menschen mit großer Weisheit.“ Au weia, das klingt ja stark nach „meins ist besser als deins“. Ich musste an meine Schwimmabzeichen denken und daran, dass mir der „Fahrtenschwimmer“ am schwersten gefallen ist. Ich bin nun mal kein Langstreckenläufer oder dergleichen. Im Sportbad Bahn für Bahn zu schwimmen war einfach nicht meins. Ich trieb mich in meiner Jugend viel lieber am Lech herum mit seiner reißenden Strömung und seinen Strudeln. Was ist jetzt besser? Ich kann’s nicht sagen. Ich kann nur sagen: Der Lech war meins und das Sportbad war es nicht. Und ähnlich war es mit der Freimaurerei. Unsere Jugendgruppe, die einfach offen für alles war, war meins, die kontinuierliche Logenarbeit in einem geschlossenen System war es nicht. Und wenn ich an die beiden Ch’an-Richtungen denke, dann jubelt mein Herz bei Hui-neg, während ich bei Sheng-hsiu Beklemmungen kriege. Ich passe in kein Kloster und in keinen Ashram, ich passe in überhaupt keine Organisation. Ich kriege Erstickungsgefühle, wenn ich nur daran denke. Weil ich aber eine friedliche Enneagramm-Neun bin, sag ich nicht, die einen haben recht und die anderen nicht. Jedem das Seine. Aber in meiner schwarzen Seele ist es sonnenklar: Hui-neng sagt einfach, wie es ist.

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6 Antworten zu Hui-neng: jetzt oder nie

  1. alexandra schreibt:

    Lieber Nitya, meine Gedanken dazu am frühen Morgen: schmeiße einen unbehauenen Stein ins Meer und warte ein wenig, dann ist er rund. Ganz von allein. So ein eckiger kubus als Ergebnis vom abschlagen von ecken und Kanten, das gefällt mir gar nicht. Wie in der Architektur. Bin mehr der Hundertwasser-Fan. Liebe Grüße Alexandra

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  2. fredoo schreibt:

    obwohl ich lieber gen norden reise …
    findet der südliche chan schon immer meinen beifall …
    und das gemache der „praxis“ eher meine schmunzelnde ignoranz …
    ich bin wohl einfach zu faul für dieses bemühte getue …
    den göttern sei gedankt für diese faulheit …

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  3. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    zu wissen das Punito ein gewöhnlicher Mensch ist , genügt mir .
    Was über Buddha und Mara hinausgeht ,
    leicht-schwer , leicht-schwer ,
    Erfassen im Augenblick .
    Hummelflug !
    Mu

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  4. alexandra schreibt:

    Habs eben gelesen und es muss hier rein. Weiß nicht warum.
    „Die Menschen sind alle in Nicht-Wissen.
    Sie sagen, sie sind Arzt, Anwalt oder was auch immer.
    Sie murmeln im Traum.

    In Sat-Chit-Ananda wirst du zum Schöpfer der Welt.
    [Sat bedeutet Sein, Chit bedeutet Wissen und Ananda bedeutet Freude,
    andere Worte dafür sind u. a.: Ich bin, Gott, subtiles Ego, die ursprüngliche Illusion]
    ‚Was immer geschieht ist meine Wahl. Alles geschieht auf meinen Befehl.‘

    Erst vergisst du dich selbst, dann steigt Sat-Chit-Ananda auf, nichts weiter.
    Das ist der ursprüngliche Traum.

    Ein Traum ist immer ein Traum.
    Ein König wird zum Bettler und umgekehrt.
    Du bist kein König und kein Bettler.

    Der Schöpfer hat nichts erschaffen.
    ‚Ich bin der Schöpfer von Zero.‘
    Realität ist jenseits davon.
    Dort ist kein Schöpfer, und nichts wird erschaffen.
    Es ist nur ein Gedanke.

    Wissen und Nicht-Wissen sind nur zwei Seiten einer Medaille.
    Die Medaille ist nicht wahr, und taucht nur auf, wenn das Selbst vergessen wurde.
    Es ist aufgetaucht, was soll man tun?“

    [Shri Ranjit Maharaj – aus „Illusion vs. Reality“]

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