Liä Dsi: im Leben und im Tod


lYang Dschu sprach: Die Alten hatten ein Sprichwort: „Im Leben soll man Mitleid miteinander haben; im Tod soll man voneinander lassen.“

Dieses Wort hat es getroffen. Der Grundsatz des gegenseitigen Mitleids ist nicht eine Sache des bloßen Gefühls: In Zeiten der Überarbeitung verschafft er Erleichterung, dem Hunger verschafft er Sättigung, der Kälte verschafft er Erwärmung, dem Misserfolg, verschafft er Erfolg.

Der Grundsatz, voneinander zu lassen, heißt nicht, dass man nicht um einander trauert; nur braucht man (den Toten) keine Perlen und Edelsteine in den Mund zu geben, keine gestickten Seidengewänder anzuziehen, keine Schlachtopfer darzubringen und keine prächtigen Geräte aufzustellen.

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom Quellenden Urgrund“

t

Ich schlage das Buch von Meister Liä Dsi auf, irgendwo, und stoße auf diesen Text. Haben die Leute früher oft gemacht, mit einem Messer die Bibel geöffnet und mit dem Finger auf eine Stelle gedeutet, bevor man sie gelesen hat: „Was will mir diese Stelle gerade heute sagen?“ Na, Prost Mahlzeit, dachte ich bei diesem Text. Sagt mir erstmal überhaupt nix. Aber Meister Liä Dsi ist ja nicht doof, irgendwas wird er sich dabei schon gedacht haben. Auf den ersten Blick scheinen das ja ganz simple Handlungsanweisungen zu sein, die darauf abzielen sich und anderen das Leben zu erleichtern. Oder steckt da doch mehr dahinter? Hmm, hmm, hmm, …
b„Im Leben soll man Mitleid miteinander haben; im Tod soll man voneinander lassen.“ Liä Dsi beschäftigt sich erst mal mit dem Mitleid. Ich muss gerade an Beerdigungen denken. Da stehen die trauernden Hinterbliebenen am Grab und die Trauergäste defilieren an ihnen vorbei, schütteln ihnen die Hand und murmeln: „Mein Beileid!“ Dann gibt’s vielleicht noch einen Leichenschmaus und das war’s dann – also für die Trauergäste. Die Hinterbliebenen müssen anschließend sehen, wie sie ohne den Verstorbenen über die Runden kommen. Liä Dsi scheint mir zu sagen: „Mitleid sollte sich nicht nur in einem Gefühl, sondern auch im Handeln ausdrücken.“

Den Hinterbliebenen scheint Liä Dsi zu raten, Ihre Trauer zwar zu fühlen, solange dieses Gefühl da ist; es also nicht zu unterdrücken. Andererseits scheint er davor zu warnen, sein Leben fortan einem Trauerkult um den Verstorbenen zu widmen. Da ist jemand gegangen. Das sollte man akzeptieren und ihn gehen lassen. Trauer ist das eine, Festhalten etwas anderes.

Ja, ja, so, so – und das soll’s jetzt gewesen sein? Ich muss gerade an eine Geschichte mit Jesus denken. Jesus wollte mit seinen Jüngern übers Meer fahren, als ihn einer seiner Jünger bittet, vorher noch seinen Vater beerdigen zu dürfen. Jesus soll geantwortet haben: „Folge du mir und lass die Toten ihre Toten begraben!“ Bei Lukas gibt es da noch die Aussage: „Wer die Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, taugt nicht für das Reich Gottes.“ Jesus scheint ja im Gegensatz zu dem taoistischen Weisen ein richtiger Radikalinski gewesen zu sein. Aber geht es nicht in beiden Geschichten um dieselbe Aussage? Das Leben geht weiter oder muss weiter gehen, wird gern gesagt. Also schau nach vorn auf das, „was als Nächstes kommt“: Selbst das, was gerade ist, ist schon vorbei, bevor du es wahrgenommen hast. Das ist nur möglich, wenn das aus einem „Ort“ völliger Bewegungslosigkeit heraus geschieht. Fehlendes Mitleid geschieht aus einem Mangel an Bewusstheit und Kleben an Vergangenem auch. Das fällt mir so zu der Geschichte von Liä Dsi ein. Vielleicht fällt euch ja was ganz Gescheiteres ein.

w

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Liä Dsi: im Leben und im Tod

  1. Georg Alois schreibt:

    „Der Mensch dachte und Gott lachte!

    Gefällt mir

  2. Ayni schreibt:

    Mensch denkt Es lenkt
    fühle Gefühle
    „Im Leben wie im Tod.des Rätsels Lösung heißt…
    :https://www.youtube.com/watch?v=MpOVJWi6ul8&list=PL4rBkRVp7ovWgnm9pCkIivRcXBcjUR-V5

    Ich halte Es da lieber mit Mitgefühl denn Mitleid…gibt ja auch Kulturen, die den Tod als neuES Leben feiern Point out

    Gefällt mir

  3. Elwood schreibt:

    Abschied nehmen….
    Mein Schwiegervater ist letzte Woche Tod in seiner Wohnung aufgefunden worden.
    Ungeklärte Todesursache – LKA-Fall, ein riesen Chaos.

    Die erste „HinterbLiebene“: seine Frau, halbseitig gelähmt, im Pflegeheim 3.Stock, sediert in einem Zimmer nicht viel größer als eine Besenkammer, viel zu wenig Pflegepersonal, welches diese merkwürdige Kindliche Anrede an Ihre Bewohner richtet, teilweise sehr sehr Respektlos.
    Dafür aber mit 2000€ Eigenanteil im Monat.

    Habe mich am Wochenende durch einen Wust von Akten des Toten durchgekämpft.
    Er war ein gutes Beispiel für das Ego, welches nur für sich denkt.
    Neben seiner Rente hatte er noch zwei Betriebsrenten. Seine Ersparnisse hatte er in drei weitere Renten nur für sich investiert und einen Ehevertrag haben wir gefunden, der den Zugewinnausgleich ausschließt.
    Anscheinend hat er seit dem Schlaganfall seiner Frau auch mit ihrem Ableben gerechnet und die Ersparnisse von ihr auf sein Konto transferiert, sogar die Kontoauszüge darüber verschwinden lassen. Wegen des LKA-Falls zur Zeit nicht ranzukommen.
    Unsere Trauer über den Toten hält sich gerade sehr in Grenzen, sein Wunsch einer Seebestattung kommt uns da entgegen. Obwohl, das kann zu dieser Jahreszeit eine harte Prüfung werden.
    Das Mitgefühl ist jetzt auf die Mutter gerichtet. Gestern haben wir ein neues Pflegeheim für Sie gefunden. Wir konnten es gar nicht glauben, dass es in Deutschland noch Heime gibt, die es schaffen pflegebedürftigen Menschen mit Mitgefühl und Respekt zu begegnen.
    Wir freuen uns richtig für unsere Mutter, sie bekommt jetzt die Chance wieder am Leben teilzuhaben. Und das sogar 500€ günstiger als jenes alte Heim, welches das Wort „Caritas“ mit im Namen trägt und an den Wänden jede Menge Kalendersprüche hängen hat.
    Caritas:(lateinisch für „Hochachtung, Wertschätzung, Wohltätigkeit, Mildtätigkeit, Liebe, göttliche Liebe“) steht für: Karitas, auch Caritas, christliche Nächstenliebe) https://de.wikipedia.org/wiki/Caritas.

    Das Chaos ist zurzeit so groß, dass wir in einen Strudel hinein gezogen werden und alles dem Fluss des Lebens selbst überlassen.

    (Leben ist Tod, Tod ist Leben… Leben wird Tod, Tod wird Leben….. Leben und Tod, lebendiges Nirvana)

    Gefällt mir

  4. fredoo schreibt:

    nicht ganz so dramatisch wie bei herrn elwood zeigt sich auch bei mir der november von seiner typisch dunklen seite … was wäre anderes zu erwarten ?
    der vater meiner beiden beute-söhne ist gerade gestern recht jämmerlich an asbestose/lungenkrebs gestorben … diverse depressionen und tiefe zwistigkeiten durchwabbern die familiensphären … eines der kinder erweist sich überraschend dem alkohol und der spielsucht zugeneigt … 90jährige mütter müssen orientierungslos auf strassen eingesammelt werden und vom kündigen ihrer konten abgehalten werden … was sie nicht daran hindert sämtlichen passanten anklagend die intimsten „finstersten“ familiengeheimnisse zu offenbaren … die liebste zieht sich verschnaufend in ein kloster zurück … meine firma nähert sich dem saison-siede-punkt … der meister fällt , wie immer „passend“ , aus … das auto lässt ungeklärte schwarze dunstschwaden hinter sich … und ich ? 3-wetter-taft ! … die frisur sitzt …
    was für ein geiler november … der seinem namen und ruf jede ehre macht …
    und der recht gemütliche sanfte sommerabende im notwendigen ausgleich verspricht …
    also … euch allen … ein würdiger november
    ich erwarte weder mitleid noch mitgefühl … ich verbitte mir das sogar … möchte ich doch den november so richtig mit schmakkes genießen …
    nicht weil ich masochist wäre , sondern weil ich zustimmend an den spruch des herrn gurdjieff denke : …
    „jedes glück kann der mensch erst als wirkliches glück erleben , nach einen zuvor bereits ebenso wirklich erlebten unglück“ …

    also … erneut … euch allen einen feinen november noch …
    😀

    Gefällt mir

  5. Marianne schreibt:

    Nachdem das Leben in verschiedenen Identitäten (Pseudonymen) in meiner raum-zeitlichen Existenz keine wirkliche Option ist – hier etwas „Vernünftiges“ von Goethe zur gegenwärtigen Novemberstimmung😉 :

    Und so lang du das nicht hast,
    Dieses: Stirb und werde!
    Bist du nur ein trüber Gast
    Auf der dunklen Erde.

    Zum Thema: Mitgefühl mit Toten geht für mich auch nicht – ganz egal, wie sie gestorben sind – mit Sterbenden schon …
    Mitleid ist ein Begriff, den ich immer eher schwierig finde: Geteiltes Leid ist in meiner Wahrnehmung doppeltes und nicht halbes Leid. Erleichterung bringt das eher nicht. Aber das „Mitleid“ im Text kann natürlich auch der Übersetzung geschuldet sein …

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s