Ikkyû Sôjun: Welch süßer Friede

 


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In die Einsamkeit
Der Berge und Seen
Fliehen sie,
Die weltlichem Tun entsagen,
Und bleiben gefangen
Im Streben nach Ehre und Macht.

Mein mönchisches Laken
Deckt Nacht für Nacht
Uns Liebende zu –
Flüsternde Zärtlichkeit
Beglückende Anmut –
Welch süßer Friede.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

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Zwei Pferde mögen sich und haben das Bedürfnis, sich nah zu sein und sie folgen einfach diesem Bedürfnis. Ich weiß nicht, wer Ikkyûs Geliebte damals war, als er das Gedicht schrieb, vermutlich war es seine schöne blinde Shin. Die Begegnung der beiden war so schlicht und einfach wie die Begegnung der beiden Pferde auf dem Bild. Kein Ziel, keine Absicht, keine Moral, keine Regeln, kein Rumgemache, einfach nur mit dem anderen sein. Welch süßer Friede, schreibt Ikkyû.

Der erste Teil des Gedichtes beschäftigt sich mit Menschen, die in die Einsamkeit der Seen und Berge fliehen und allem weltlichen Tun entsagen. Was ist ihr Motiv dafür, dass sie freiwillig diese Beschwerlichkeiten auf sich nehmen? Ohne Motiv wird das wohl kaum jemand veranstalten. Das gilt ja als sehr heilig, was die Heinis da treiben, und darum scheint es ihnen wohl auch zu gehen, wenn Ikkyû sagt: „Und bleiben gefangen im Streben nach Ehre und Macht.“ Das  war ja auch das Motiv, das sie hertrieb. Was tut man nicht alles für Ehre und Macht.

Ikkyû und seine Shin sind so unschuldig wie Tiere; die Möchtegern-Eremiten sind wie Menschen, völlig versaut, könnte man sagen. Ein Leben lang rennen sie hinter irgendeiner Idee her. Macht, Geld, Sex, Selbstverbesserung oder was es auch sein mag. Zur Primärtherapie hat Osho, der alte Halunke, mal gesagt: „Primärtherapie …… und morgen bist du wieder der/die Alte.“ Und natürlich hatte er recht, sag ich mal so. Wer mit einem fetten Ego eine Therapie beginnt, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit mit einem mindestens ebenso fetten Ego wieder aus ihr herauskommen – es sei denn, es ist inzwischen etwas Unvorhergesehenes passiert. Genauso wird es diesen Erleuchtungsanwärtern in der Einsamkeit der Berge und Seen gegangen sein. Die ganze Selbstverbesserei ist nichts als eitel und Haschen nach Wind, wie es schon Kohelet wusste.

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Jesus soll gesagt haben: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch.“ Und: „Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Aber, wie ich kürzlich schon den Tauler zitierte, es sieht düster bei den Menschen aus: „Wahrlich, wir sind und wollen und wollten stets etwas sein, immer einer vor dem anderen. In diesem Streben sind alle Menschen so befangen und gebunden, dass niemand sich lassen will.“ Ikkyû war wie ein Tier, wie ein Kind – unschuldig und weise.
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5 Antworten zu Ikkyû Sôjun: Welch süßer Friede

  1. Georg Alois schreibt:

    Wer flieht denn da? Wer strebt nach Ehre und Macht?
    Die beste Antwort hast Du (mir) gegeben, lieber Nitya, am 3.11.
    Blöd ist nur, dass eigentlich nach dieser Aussage gar nichts mehr weiter gelabert werden kann……..
    Du hast da verdammt gute Worte gefunden, zur exakt rechten Zeit…….., ist schon alles sehr komisch, magisch, verrückt……….

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