Steven Harrison: Wie wäre es, absolut still dazustehen …?

 

bDer wahre Nutzen von Beziehungen liegt darin, dass unsere Konditionierungen einfließen und wir sie als Schmerz, Schwierigkeiten, Konflikt und Einschränkung erleben. So wissen wir, dass es etwas gibt, was wir uns anschauen müssen. Der Wert von Beziehungen ist, dass darin all unser vergrabenes Zeug ausgegraben und uns direkt ins Gesicht geschleudert wird. Wie wäre es, absolut still dazustehen in der Beziehung mit dem anderen, egal wie er ist, mit sämtlichen Irritationen, mit all den Dingen, die wirklich weh tun? Dann wäre jede Beziehung vollkommen.

Sagen wir nicht zu anderen: „Das Problem bist du!“, sondern erkennen wir, dass die Beziehung selber eine Verkörperung des Geistes ist. Wir wollen tiefe Meditation und phantastische spirituelle Erfahrungen. Und genau das bekommen wir! Das ganze alltägliche Chaos von Beziehungen lehrt uns, jede Idee von Beziehung vollkommen aufzugeben, sodass sich eine einfache Art von Intelligenz einstellen kann. Wir befinden uns nicht außerhalb der Dinge, die in Beziehungen auftauchen. Wir sind nicht darüber erhaben. Wir können die Metapher nutzen, dass wir in Beziehungen „den Tiger reiten“ lernen. Und manchmal dreht sich der Tiger eben um und beißt uns. Aber auch dieses Bild bewahrt uns nicht davor, verschlungen zu werden.

Intellektuell mag uns das ja alles einleuchten, aber es besteht ein Unterschied zwischen Verstehen und Integration. Es gibt einen Unterschied zwischen der Erfahrung des Miteinander-verbunden-Seins – einer Erleuchtung, die als Erfahrung nicht zu haben ist – und im kreativen Fluss dieser Verbindung zu sein, während wir den Tiger in das hinein reiten, was als Nächstes kommt.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“
tWie wäre es, absolut still dazustehen …? Ich denke an die Geschichte mit Angulimala, in der der Buddha sagt: „Ich stehe fest, Angulimala, fest für immer, denn ich werde weder von Hass noch von Verlangen getrieben. Ohne an etwas zu hängen, empfinde ich grenzenloses Mitgefühl für alle Wesen. Du aber, Angulimala, wirst von Hass und Begehren getrieben, und nicht ein Hauch von Mitgefühl regt sich in dir. Deswegen stehst du niemals still, ich aber stehe fest für immer.“ In diesem Sinn hat der Steven Harrison das wohl gemeint. Wenn beide Partner einer Beziehung so dastehen könnten, wie der Buddha, hinter dem ein mordlüsterner Massenmörder her war, dann hätten wir es mit einer vollkommenen Beziehung zu tun. Langweilig wie in einer sog. gutbürgerlichen Ehe würde es in so einer Beziehung auch nie werden. Das hat doch was!

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Steven sagt: „Wir wollen tiefe Meditation und phantastische spirituelle Erfahrungen. Und genau das bekommen wir! Das ganze alltägliche Chaos von Beziehungen lehrt uns, jede Idee von Beziehung vollkommen aufzugeben, sodass sich eine einfache Art von Intelligenz einstellen kann.“ Nix mehr mit Plattärschen, die es sich auf ihrem Zafu gemütlich machen und meinen, das wär’s jetzt. Jetzt wird der Tiger geritten. „Aber auch dieses Bild bewahrt uns nicht davor, verschlungen zu werden.“ Das schaffen keine sog. „Krieger des Lichts“, das schaffen nur wahre Höllenkrieger, die sich nicht vor Tod und Teufel fürchten. Nur sie wissen: „Wir befinden uns nicht außerhalb der Dinge, die in Beziehungen auftauchen. Wir sind nicht darüber erhaben.“ Von wegen „Zeuge-Sein“! Das suggeriert so ein Bild von einem Spanner, der aus der sicheren Deckung heraus durchs Schlüsselloch der Frau seines Gastgebers beim Ankleiden zuguckt.

sOsho sprach immer von der Meditation auf dem Marktplatz, also dem Platz, auf dem das Leben tobt. Wieder einmal Alexis Sorbas: „Leben heißt, den Gürtel festschnallen und ausschauen nach Schwierigkeit.“ Oder wie Steven das sagt: „Auf dem Tiger in das hineinreiten, was als Nächstes kommt.“ Na ja, da muss man nicht lange ausschauen, das kommt alles ganz von allein auf einen zu, es sei denn, man versteckt sich hinter seinem Schlüsselloch. Die „Spanner“ kriegen dann allerdings ganz andere Schwierigkeiten. Richtige „Probleme“.

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23 Antworten zu Steven Harrison: Wie wäre es, absolut still dazustehen …?

  1. Ayni schreibt:

    Chapeau~bas ! & Guten Morgen,

    “ Von wegen „Zeuge-Sein“!
    Zeuge-Sein ist Zeug~Sein.
    Mein ALLtägliches Danke für Dein SO!SEIN!, lieber Nitya.

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  2. Georg Alois schreibt:

    Heidinei, lieber Nitya………. da haste mit dieser Geschichte bei mir aber voll ins Schwarze getroffen. Jo Baby, das sagt sich so leicht…….. und wenn sich dann der Partner als absoluter Voll-Messie entpuppt…….. Auch meine geliebte Byron Katie labert da so locker vor sich hin, dass zu einer einer guten Beziehung nur einer gehört, der den anderen so sein lässt, wie er nun mal ist. Und dass man keinen Guru suchen muss, denn man hat ihn schon gefunden, in seinem Lebenspartner.
    Ich würde da mal sagen, dass die alle keine Ahnung haben, von was sie reden! (soll ein Witz sein)
    Nee, da ist schon was dran…….., das verschlägt einem die Sprache…….., und dann bleibt nur Stille! Was soll man denn sonst machen, um nicht verrückt zu werden?

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    • Nitya schreibt:

      Du hast völlig recht, wenn du das lockere Gelabere von deiner geliebten Byron Katie erwähnst. Du kannst den anderen nicht sein lassen, wie er ist, solange du vorher dich nicht hast sein lassen, wie du bist. Wenn du das hinkriegst, wirst du ein tiefes Mitgefühl für deinen geliebten Voll-Messie empfinden und alles dafür tun, dass er so sein darf, wie er gerade ist.

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  3. ananda75 schreibt:

    mein Tiger bewahrt mich vielleicht nicht vor’m verschlungen werden,
    aber manchmal muss man halt verschlungen werden
    … also, ich geh ohne meinen Tiger jedenfalls nirgendwo hin😉

    einen wunder-vollen Tag dir,
    denn die können halt eben nur geschehen, wenn wir sie, es – er, sie, es, egal – geschehen lassen

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  4. Marianne schreibt:

    Sagen wir nicht zu anderen: „Das Problem bist du!“, sondern erkennen wir, dass die Beziehung selber eine Verkörperung des Geistes ist.

    Wenn es um Probleme in Beziehungen geht, scheint mir das keine hinreichende Handlungsanweisung zu sein. Den „Tiger reiten lernen“ bedeutet für mich in diesem Zusammenhang anzuerkennen, dass in persönlichen Beziehungen eigene Verletzungsmuster ausagiert werden, die sich nur durch bewusste Heilarbeit wandeln können …
    „Nicht-Reaktivität“ ist da ein wichtiges Stichwort für mich – was für alle Beteiligten am Beziehungsgeschehen gilt – kurz gesagt: Aufhören, den/die andere(n) als „Täter“ zu behandeln …

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Marianne, der von dir zitierte Satz ist überhaupt keine Handlungsanweisung und schon gar keine hinreichende. Hinter einer hinreichenden Handlungsanweisung steht immer eine hübsche Theorie, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

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      • Marianne schreibt:

        Lieber Nitya,

        wenn es um persönliche Beziehungen geht, brauche ich ein „Sprachspiel“, das der raum-zeitlichen menschlichen Existenz eine gewisse Wirklichkeit zugesteht – andere Konzepte als Advaita.
        Und ja, dieses Sprachspiel beinhaltet gewisse Handlungsanweisungen.
        Die Handlungsanweisung der „Nicht-Reaktivität“ bedeutet, eigene Verletzungsmuster nicht auszuagieren, wenn sie „getriggert“ sind, sondern in diesen Momenten innezuhalten, den inneren Beobachter einschalten, schwierige Gefühle aushalten, spüren … Es ist also eher eine Anweisung, in bestimmten Situationen, auf gewohntes, re-aktives Handeln bewusst zu verzichten. (Wenn ich das nicht tue, setzen sich Verletzungsmuster in der Regel immer weiter fort …) Dadurch öffnen sich neue Räume, jenseits geprägter und eingefleischter Verletzungsmuster. Manchmal braucht es darüber hinaus bewusste Heilarbeit, um diese Räume dann auch nachnaltig erschließen zu können.
        Letzendlich geht es da immer um Herzoffenheit in Beziehungen: Lieben und lassen können, sich selbst und die anderen.
        Und … es geht auch um Würdigung und Respektieren der Lebensräume des anderen und der eigenen – um das Anerkennen von Grenzen. Ich würde mir zum Beispiel von einem Messi maximal die halbe gemeinsame Wohnung zumüllen lassen und auf ein eigenes Haushaltskonto bestehen, wo der/die keinen Zugriff für eigene Kaufrausch-Bedürfnisse hat.
        Praktisch hatte ich solche Vorgehensweisen für mich schon lange als gangbare Wege gefunden, bevor ich den Konzepten der buddhistischen Psychologie begegnet bin: Dort gibt es auch Theorien dazu.

        Mit herzlichem Gruß
        Marianne

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      • Nitya schreibt:

        Liebe Marianne,

        hier zwei Typen, die sich einfach nicht an meine Kommunikationsregeln halten wollten. Liz Tayler und Richard Burton in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

        s

        Ich bin halt kein Buddhist, und dann noch Primärtherapeut – na ja, man sagt ja, Primärtherapie verblödet. Was bleibt denn unterm Strich als „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“. Die beiden Typen da oben sollen sich sehr geliebt haben. Langweilig war’s den beiden mit einiger Sicherheit nicht.

        Irgendwie bist du schrecklich vernünftig. („Das war jetzt eine Du-Botschaft! Nitya, formulier das gefälligst um!“ – Nitya: „Keinen Bock!)

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      • Marianne schreibt:

        Irgendwie bist du schrecklich vernünftig. („Das war jetzt eine Du-Botschaft! Nitya, formulier das gefälligst um!“ – Nitya: „Keinen Bock!)

        Scheint irgendwie das Rollenspiel zu sein, das hier für mich nahe liegend ist… 😉
        Ich fürchte, da müsste ich mir ein Pseudonym zulegen, um daran noch etwas zu ändern …

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      • Nitya schreibt:

        Liebe Marianne,

        du könntest dich Graf von Kleckersdorf nennen, ich hätte genau dasselbe auf deinen Kommentar geantwortet.

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    • Brigitte schreibt:

      [..]dass in persönlichen Beziehungen eigene Verletzungsmuster ausagiert werden, die sich nur durch bewusste Heilarbeit wandeln können[…]

      Liebe Marianne, … leichter gesagt als getan, wenn der „Täter-/Opfer-Mechanismus aktiviert ist und dieser mitsamt dem ganzen Ich-Gefüge nicht bewusst wahrgenommen wird.

      „Nicht-Reaktivität“ und Aufhören, den/die andere(n) als „Täter“ zu behandeln …“ ist gar nicht möglich, wenn die grundlegende Bereitschaft fehlt, diesen Dingen auf den Grund zu gehen und die eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen. Diese alten Denk- und Verhaltensmuster sind so zementiert, dass auf dieser Ebene nach meiner Erfahrung so gut wie kein Durchkommen möglich ist.

      „die sich nur durch bewusste Heilarbeit wandeln können“ – Wie machst du das ganz konkret auf der Beziehungsebene?

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      • Nitya schreibt:

        Als ich noch jung und dumm war, war ich sehr überzeugt davon, dass man mit vernünftigen Kommunikationsregeln ein ordentliches Familienleben hinbekommen könnte.Also schrieb ich die besten mit großen Buchstaben auf ein Papier und klebte es auf den Kühlschrank. Das führte dann dazu, dass mich mein Ältester mit großer Begeisterung darauf hinwies, wenn ich selbst eine Regel nicht beachtet hatte. Ansonsten war der Effekt gleich Null.

        Das Einzige, was hilft, ist Bewusstheit. Und die kann mich nicht über Handlungsanweisungen erzeugen. Handlungsanweisungen sind allesamt für den Müll. Sag ich heute.

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      • ananda75 schreibt:

        Handlungs-Anweisungen funktionieren nicht
        können nicht funktionieren
        Mensch-Maschine
        Klasse Vorstellung: Ich sag mir einfach, was ich tun soll und dann mach ich das

        Mir ist auch ganz egal, was wer welche Theorien darüber erfunden hat
        Ich-Mich jedenfalls, Ichse-Michse🙂 habe vor geraumer Zeit schon die „Erleuchtung“ gehabt, alles in Zukunfts-Form gefasste aus meinem Tagebuch zu verbannen – ich will, ich werde, ich muss – das ist wirklich und tatsächlich alles Müll
        Überflüssig, belastend, kontra-produktiv
        Bewusstheit – Ja
        Achtsamkeit
        und dann
        einfach machen – besser noch
        Einfach Sein.
        Mir-mich ist aber durchaus klar, dass viele Menschen nicht verstehen, was ich meine.
        Das sind dann auch die, die mir immer noch „Ordnung im Kopf“ verordnen wollen 😆

        Sorry, Leute – geeeeeeeeeeeeeeht nicht 🙂

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      • ananda75 schreibt:

        Ich glaube, die Heil-Arbeit sollte jeder besser an sich tun – oder auch tun lassen
        Sich entscheiden, Verantwortung zu übernehmen für sich selbst
        Das reicht
        Das Leben serviert dir dann alles, was du brauchst – An dir ist es, zu gehen oder nicht, den Tiger zu reiten, oder nicht
        Die „Ebenen“, Beziehungen und einfach alles, was dir begegnet, sind Hilfen, sind Requisiten und Rollen und anderes Spiel-Zeug in dem großen Spiel, in dem du mitspielen kannst oder nicht
        Da ist Täter/ Opfer – im Ganzen – wenn du bereit bist, dich nicht in Details zu verwickeln – das Gegenteil von ent-wickeln, gell😉

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      • Marianne schreibt:

        „die sich nur durch bewusste Heilarbeit wandeln können“ – Wie machst du das ganz konkret auf der Beziehungsebene?

        Liebe Brigitte,
        ich versuche das so zu händeln, wie ich das oben beschrieben habe: Innehalten, so lange, wie ich gefühlsmäßig getriggert bin … wenn die schwierigen Gefühle andauern, irgendwelche Heilrituale/Heilmeditationen anwenden …
        Heißt allerdings nicht, dass es mir immer gelingt, vor allem wenn es ums „Eingemachte“ geht!
        Liebe Grüße❤
        Marianne

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      • Brigitte schreibt:

        Heißt allerdings nicht, dass es mir immer gelingt, vor allem wenn es ums „Eingemachte“ geht!

        ja, so im eigenen Feuer zu stehen kann schon ganz schön heftig und intensiv sein. Da können die Flammen schon mal hoch auflodern und länger züngeln. Man weiß halt nie, was grad dran ist und wie oft es noch vorbeikommt und „Hallo, hier bin ich wieder“ ruft. Geschweige denn, welches Echo folgt. Keine Kontrolle, zumindest bei mir .

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      • ananda75 schreibt:

        Kontrolle heilt nicht und Kontrolle transformiert nicht
        Kontrolle kann nur im Griff halten
        Das ist anstrengend, funktioniert immer nur für eine Weile und schlägt irgendwann wieder nach hinten aus – weil es nichts ändert, immer wieder das Gleiche kommt hoch, sobald wir es nicht mehr „im Griff“ haben

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      • Marianne schreibt:

        Da geht es nicht um Kontrolle, sondern um Zentrierung …
        Aussteigen aus leidvollen Strukturen ist nach meiner Erfahrung möglich, nicht immer gleich und schon gar nicht immer leicht – aber es ist grundsätzlich möglich.

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  5. Ayni schreibt:

    „Das Einzige, was hilft, ist Bewusstheit. Und die kann mich nicht über Handlungsanweisungen erzeugen. Handlungsanweisungen sind allesamt für den Müll.“

    Frage mich ob Dein „mich“ ein bewußter Schreibfehler ist ?!
    …oder kEin Ich !?
    So oder so & sowieso

    Same sane InSane

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