Wei Wu Wei: Butter bei die Fische

 

wDie bekannte Aussage, jedes Objekt sei leer (k’ung im Chinesischen, sunya im Sanskrit), dass kein Objekt eine eigene Beschaffenheit oder Selbstnatur besitzt, impliziert, dass ihm objektive Existenz fehlt. Das bedeutet, dass alles, was es ist, in seinem Wahrgenommen-Werden besteht, dass es in sich nichts ist außer dem, was in der Wahrnehmung erscheint. Dies wusste man seit frühester Zeit, es entspricht den esoterischen Aspekten aller großen Religionen, und im Buddhismus, der Vedanta und im Sufismus ist es fundamental.

Jedem, der diese Lehren studiert, muss das geläufig sein, doch im täglichen Leben – und darum geht es – wird es meist nur ansatzweise verwirklicht.

Was impliziert es, wenn wir es in Bezug auf uns selbst anwenden? Es impliziert nicht nur, es ist eine klare Aussage, dass es keine tatsächliche Wesenheit irgendwo in unserem Raum-Zeit-Universum geben kann, dass wir selbst in keiner Weise eigenständig existieren und es niemals könnten. Auch dies ist ein oft genanntes Axiom, doch es hat kaum faktische Konsequenzen.

Wenn wir das ernst nehmen, dann sehen wir, dass ein Lebewesen in der Raum-Zeit nichts anderes ist als eine Abbildung im Geist, in keiner Weise eine eigenständige Existenz innehaben kann, sondern vom ‚Subjekt‘ jeder Wahrnehmung nur als Erscheinung gesehen und erkannt wird, wobei jedes solches ‚Subjekt‘ ebenfalls ein Objekt ist, das mittels anderer scheinbar wahrgenommener Sinneseindrücke gesehen und erkannt wird.

Das bedeutet, dass eine einzelne Wahrnehmungsquelle (ein ‚Ich‘) vielfältige Sinneseindrücke (‚andere‘) wahrnimmt, wobei jeder einzelne dieser Sinneseindrücke eine Wesenheit ergibt, die wiederum alle anderen Teile wahrnimmt und erkennt, und keines der Teile hat irgendeine Art personaler oder eigenständiger Existenz.

Darüber gibt es überhaupt keinen Zweifel. Vermutlich haben es alle Weisen jeder bedeutenden Religion erkannt und kundgetan, jeder auf seine Art. Wenn wir sie verstanden haben, müssen wir uns ihre Erkenntnisse zu eigen machen, und diese Wahrheit, dass es keine andere Interpretation der Tatsachen geben kann, akzeptieren.

Jeder von ‚uns‘ ist nur das und kann nur das sein, was wahrgenommen und durch Vorstellung als Wesen interpretiert wird. Wir selbst, wir sind nichts, als etwas Eigenständiges gibt es uns schlichtweg nicht, als autonome Wesenheiten existieren wir überhaupt nicht. Es sind nicht ‚wir, die wir uns gegenseitig oder selbst wahrnehmen‘ oder erkennen, denn es existiert kein ‚Wir‘. Wir und andere wahrnehmen, erfassen und interpretieren uns gegenseitig, jeder sich so abbildender und vermeintlich ‚Anderer‘ ist ‚wir selbst‘.

aus Wei Wu Wei, „Nachrufe: 60. Der Buddha lehrte …“

oSchafe und Oberschaf

Über Aussagen wie diese wird ja gerne einfach hinweg gelesen. Zu anstrengend, zu schwierig, zu kompliziert, wird nur noch übertroffen von Fredo, der doch auch, wen wundert’s, den Wei Wu Wei und den Balsekar sehr schätzt. Ich bin ja eine ziemlich faule Socke, kann euch aber versichern, es lohnt sich, sich da durchzukämpfen. Das schmiert die eingerosteten Hirnwindungen und kann den Blick öffnen für mancherlei Axiome, die gar keine sind. Auch in Wei Wu Weis Text taucht der Begriff „Axiom“ auf, der bitteschön nur zu einem verleiten sollte, das als Axiom Bezeichnete zu hinterfragen. Wie Fredo kürzlich zart andeutete, ist der Austausch anerkannter Lehrmeinungen nur etwas, was Bewusstheit tötet und einen sanft in den Schlaf wiegt.

Wei Wu Wei sagt: „Die bekannte Aussage, jedes Objekt sei leer …, dass kein Objekt eine eigene Beschaffenheit oder Selbstnatur besitzt, impliziert, dass ihm objektive Existenz fehlt. Das bedeutet, dass alles, was es ist, in seinem Wahrgenommen-Werden besteht, dass es in sich nichts ist außer dem, was in der Wahrnehmung erscheint.“ Soweit die Lehre. Hoch soll sie leben, an der Decke soll sie kleben! Wei Wu Wei ergänzt deshalb lobenswerterweise seinen Hinweis mit den Worten: „Jedem, der diese Lehren studiert, muss das geläufig sein, doch im täglichen Leben – und darum geht es – wird es meist nur ansatzweise verwirklicht.“ Und er kommt mit diesem Hinweis natürlich voll in den Schlamassel. Was tut nun der, der diese Lehre studiert, mit der Erkenntnis, dass der Studierende in sich nichts ist außer dem, was in der Wahrnehmung erscheint? Nichts tut er, da er gar nicht als autonome Wesenheit existiert. Nur als solche könnte er tun. Nu also mal wirklich Butter bei die Fische: Was bleibt zu guter Letzt? Vielleicht hat unser großer Heimatdichter mit seinen eindringlichen Zeilen ja gar nicht so Unrecht?

sAus vollkommenem Nichtwissen
Entstehen vollkommene Worte
Beschreiben Worte was zu sein scheint

Wie ein blökendes Schaf
Stehe ich auf der Weide des Lebens
Und glotze ins Unfassbare hin-ein-aus

Eno von der Heide

 

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21 Antworten zu Wei Wu Wei: Butter bei die Fische

  1. Ayni schreibt:

    Munay sonqo, Nitya

    Shukriya & Agradiseyki……
    FETTER Text !!!!!!! Selten soooo gut geschmiert gefühlt & ergo>>>>auf in den Tag !
    (PS:hätte folgendes gerne als Bild übersendet….Wie ?! ( nit ) mÖÖglich ?
    _________________________________________________________________________

    LATAF thREAD

    unF/\T/\Lism since life trμe ~ børn
    may yøμ me glimpse there in the dawn
    just heAR the piper at the gates
    due to the dew s μ s μ r r μ s awakes

    never chøøsen to have nø chøice ?!
    just feel the will øf the øwn vøice
    neti neti …..it may be thy
    or even søme kind of wμ wei

    this wørld’s an AxIOM
    seems like a tear
    in no case randøm
    leave all this fear

    well ! mørning new
    før me & yøμ
    thrøμghøμt AIl trμe
    dø dμe > C thrøμ dew Dμ
    :::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
    the unknOWN kNOWs

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  2. satya schreibt:

    Sehr, sehr ordentlich beschrieben.

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  3. Nitya schreibt:

    Möglichst mit Kopfhörer hören, wenn man so schwerhörig ist wie ich.

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  4. Eno Silla schreibt:

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  5. Nitya schreibt:

    Heute gefunden bei „Fischer im Recht“ (http://www.zeit.de/serie/fischer-im-recht) im Abspann.
    Der sehr ehrenwerte Herr Fischer schrieb:

    Abspann

    Ich will nicht enden, ohne Ihnen noch ein Stückchen Bukowski zu empfehlen. Er ist 1994 gestorben (geb. 1920). Ob er zur Gruppe der saufenden Dichter oder der dichtenden Säufer gehörte, war ihm vermutlich gleichgültig, obwohl man seine Schlauheit nicht unterschätzen darf. Lesen Sie, wenn Sie mögen, „Der Große mit dem Säbel“, ein Gedicht aus den 60er Jahren. Ich bin sicher, dass Sie es finden, wenn Sie wollen. Es handelt vom Blick auf die Zärtlichkeit in uns und den wunderbaren Zusammenhang zwischen Unterwäsche und Seele. Ehrlich!

    Der Große mit dem Säbel

    Paß auf, ich ging zum Friseur, es war schönes Wetter, alles prima, bis sie mir dieses Ding da reinwürgten
    …ich meine, ich saß da und wartete bis ich drankam und nahm mir ne Illustrierte — das übliche:
    Weiber mit raushängenden Titten usw. und dann blätterte ich um
    und da waren ein paar Fotos von Orientalen irgendwo im Freien,
    und da stand dieser große Scheißtyp mit dem Säbel — unten drunter hieß es,
    er hätte einen sehr guten Hieb, ne Menge Kraft dahinter, und das Foto zeigte ihn wie er gerade mit dem Säbel ausholte, und man sah einen Orientalen der kniete da mit geschlossenen Augen, dann — ZIP! — und er kniete immer noch da, aber ohne Kopf, und man sah den sauber durchgehackten Nacken, nicht mal Blut spritzte raus, so blitzartig war die Trennung gekommen, und dann weitere Fotos von Enthauptungen, und dann ein Foto wo all diese Köpfe im Gras rumlagen, ohne Körper dran, und die Sonne schien drauf, und die Köpfe sahen fast so aus als würden sie noch leben,
    als hätten sie sich mit dem Tod noch nicht abgefunden,
    und dann sagte der Friseur

    Der Nächste!

    und ich ging rüber zum Stuhl
    und mein Kopf saß noch drauf
    und sein Kopf sagte zu meinem Kopf,

    Wie möchtens Sie´s denn?
    und ich sagte,
    Na so mittel …

    und er schien ein ganz netter vernünftiger Mensch zu sein und es war irgendwie ein gutes Gefühl, mit netten vernünftigen Menschen zusammen zu sein und ich wollte ihn eigentlich fragen wegen dieser Köpfe aber ich sagte mir, vielleicht geht ihm das an die Nieren oder womöglich bringt es ihn auf dumme Gedanken
    oder er sagt einfach etwas, was uns nicht weiterbringt.
    Also sagte ich gar nichts.

    Ich hörte ihm zu, wie er mir die Haare schnitt
    und er fing an von seinem Baby zu reden
    und ich versuchte mich auf sein Baby zu konzentrieren,
    es klang alles sehr vernünftig und logisch,
    trotzdem mußte ich ständig an diese
    Köpfe denken.

    Als er mit dem Haarschneiden fertig war
    drehte er mich rum,
    damit ich in den Spiegel sehen konnte.
    Mein Kopf saß noch drauf.

    Is gut, sagte ich zu ihm, und ich stand auf, zahlte und
    gab ihm ein großzügiges Trinkgeld.

    Ich ging raus und eine Frau kam vorbei und hatte ihren Kopf drauf
    und die Leute die in Autos vorbeifuhren,
    hatten auch ihre Köpfe drauf.
    Ich hätte mich lieber auf die Titten konzentrieren sollen,
    dachte ich, ist doch viel besser, all das raushängende Zeug,
    oder die großen Mösen, die magischen sagenhaften Beine,
    Sex war schließlich doch ne feine Sache, aber der Tag war mir
    versaut, auf jeden Fall würde ich erst mal eine Nacht
    schlafen müssen, um die Köpfe wieder loszuwerden.
    Ein Mensch zu sein war eben ein hartes Brot:
    es passierten so viele
    Sachen …

    Ich sah meinem Kopf in einer Schaufensterscheibe
    ich sah das Spiegelbild
    und mein Kopf hatte eine Zigarette vorne drin,
    mein Kopf sah müde aus und trist,
    er lächelte nicht mit seinem neuen Haarschnitt.

    Dann verschwand er
    und ich ging weiter
    an Häusern vorbei, voller Möbel und Katzen
    und Hunde und Leute
    die auch nochmal davongekommen waren
    und ich warf die Zigarette weg
    sah sie brennen auf dem Asphalt
    rot und weiß,
    eine dünne Rauchfahne dran,
    und die Sonne schien
    und das tat gut.

    © Charles Bukowski 1974 MaroVerlag
    aus

    „Gedichte die einer schrieb,
    bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang“

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  6. ananda75 schreibt:

    Glückwunsch an Eno zur Ewigen Null –
    das is doch super, da is alles drin😉

    und zum Text oben ging mir so durch den Kopf – deshalb schreien wir alle nach Aufmerksamkeit, als Beweis, dass es uns gibt – ich mach das ja auch fleißig mit – obwohl ich doch die wahrnehmungs-freien und wahrgenommen-werden-freien Räume so liebe – das is schon interessant 😆

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    • Eno Silla schreibt:

      Zero Circle

      Sei hilflos, völlig aufgeschmissen,
      ohne Ja und ohne Nein.
      Dann wird ein Gnadenstrahl erscheinen,
      der dich trägt.

      Zu abgestumpft sind unsere Augen,
      um jene Schönheit zu erblicken.
      Wenn wir sagen wir sehen sie,
      ist das gelogen.
      Sagen wir wir sehen sie nicht,
      wird uns das Nein enthaupten
      und unser Fenster hin zum Wunder
      fest verschließen.

      Lasst uns deshalb im Ungewissen bleiben,
      Nur unserer selbst gewiss,
      nur das – dann eilen
      geheimnisvolle Wesen uns zur Hilfe.

      So liegen wir im Innenkreis der Null,
      Verrückt, verzückt, verstummt
      und sagen: Führe du uns!
      Und haben wir uns jener Schönheit ganz ergeben,
      dann werden wir zu großer Güte.

      Jelaluddin Rumi

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  7. Ayni schreibt:

    Der Rumi, hoch soll er leben, klebt auch an der Decke….aber mal ganz Es~SpiriAlig.>>>…dann öffnen sich Türen da, wo gar keine Wände sind, in diesem Schleier zwischen den Welten, die nicht neben- oder hinter- sondern ineinander sind – eigentlich isses eine, aber DA hinkt die Evolution noch ein wenig hinterher.

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  8. Ayni schreibt:

    …& hier noch zwei Zero Circles am Ende des Videos
    :https://www.youtube.com/watch?v=umGfZwd7jrc

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