Tschuang-tse: Es kommt nicht auf den Namen an


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Es sagte jemand zu Meister Liä Dsï: Wie kann der Meister die Leere so hochschätzen!

Liä Dsï sprach: Die Leere braucht keine Hochschätzung. Es kommt nicht auf den Namen an. Nichts kommt der Stille, nichts der Leere gleich.

Durch Stille, durch Leere findet man die Heimat, durch Nehmen und Geben verliert man seinen Ort.

Wenn eine Sache verdorben und zerstört ist, und man fuchtelt nachher herum mit Liebe und Pflicht, so kann man sie nicht wieder gut machen.

aus: Tschuang-tse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

lNein, natürlich kommt es nicht auf den Namen an. Das, worum es Meister Liä Dsï hier geht, hat keinen, es sei denn, du gibst ihm einen, und hast damit schon wieder alles verdorben. „Stille“, „Leere“ sind bereits die schönsten Irrlichter. Wenn einer dann in seiner Not „DAS“ sagt, dann gibt es bestimmt jemanden, der das auch nicht so toll findet – vor allem, wenn es ständig wiederholt wird. Eine Zeile aus einem Wolf Biermann-Lied fällt mir ein: „Besser noch, Mensch, sei nicht dumm: Singe gar nicht, sondern summ!“ Da das Daodejing leider nicht summen kann, hat es DAS „das Namenlose“ genannt, um ein für alle Mal klar zu machen, dass man es nicht benennen kann.

bDa fragt also jemand Meister Liä Dsï: „Wie kann der Meister die Leere so hochschätzen!“ Die Leere, also das Namenlose oder, wie es der Titel des Liä Dsï -Buches anbietet, „der quellende Urgrund“ – wie kann man das hochschätzen? Und Liä Dsï meint, dass das Namenlose keine Hochachtung braucht. Eigentlich braucht es gar nichts. Würde es etwas brauchen, könnte es sich nicht um das Namenlose handeln. Nur ein Etwas braucht. Liä Dsï sagt: „Nichts kommt der Stille, nichts der Leere gleich.“ Nur ein Etwas kann einem anderen Etwas gleichkommen. Und weil das so ist, behelfen sich ja viele mit dem Begriff Nicht-Etwas oder Kein-Ding, um klar zu machen, dass es sich hier nicht um Nichts handelt, aber eben auch um kein Objekt.

Der nächste Hammerschlag des Liä Dsï lautet: „Durch Stille, durch Leere findet man die Heimat, durch Nehmen und Geben verliert man seinen Ort.“ Es gibt nur EINE Heimat: MICH. Und das ist dieses Nicht-Etwas, das nicht Nichts ist. Würde ich dem etwas hinzufügen wollen, wäre es augenblich ebenso wenig das Nicht-Etwas, wie wenn ich ihm etwas wegnehmen würde. Aber wer will sich schon mit seiner wirklichen Heimat abfinden, einer Heimat, die nicht greifbar ist? Und so greift man dann halt doch. Nach irgendwas, wurscht was. Oder lässt etwas bleiben. Oder versucht, sich irgendwie zu verhalten oder zu sein. Ja, dann ist mal wieder alles im Eimer. Liä Dsï: „Wenn eine Sache verdorben und zerstört ist, und man fuchtelt nachher herum mit Liebe und Pflicht, so kann man sie nicht wieder gut machen.“ Natürlich kann eine Sache verdorben oder zerstört sein, einfach, weil es eine Sache ist. Die Heimat dagegen ist weder zu verderben noch zu zerstören.

mJohannes Tauler klagt, dass sich kein Schwein dafür interessiert, und bringt das Ganze  so auf den Punkt:

Ach, welch unaussprechliches Leben liegt in diesem „Ich bin kein Ding!“ Ach, diesen Weg will niemand einschlagen, man kehre sich hin, wo immer man wolle. Gott verzeihe mir! Wahrlich, wir sind und wollen und wollten stets etwas sein, immer einer vor dem anderen. In diesem Streben sind alle Menschen so befangen und gebunden, dass niemand sich lassen will.

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19 Antworten zu Tschuang-tse: Es kommt nicht auf den Namen an

  1. Georg Alois schreibt:

    Jedesmal, wenn ein Suchender zu ihm kam, fragte er als erstes:
    „Möchtest du lernen, oder möchtest du verlernen?“

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    • Nitya schreibt:

      Ich möchte lernen zu verlernen.😉

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      • Keks schreibt:

        Lernen zu verlernen

        „Soheit“ ist ein Ausdruck der für die Natur der Dinge Wie-sie-sind. Die Dinge zu sehen wie sie sind ist so schwierig wegen der grossen Fülle von Details, die unsere Sicht trübt. Das Ziel von Einsicht ist es, in die Soheit einzudringen, mit Hilfe eines einfachen Programmes wie:

        „Im Gesehenen wird für dich nur das Gesehene sein, im Gehörten nur das Gehörte, im Gerochenen nur das Gerochene, im Geschmeckten nur das Geschmeckte, im Getasteten nur das Getastete, im Gedachten nur das gedachte“. Auf die Art werden Sinnesobjekte Anschauungsobjekte für das Verstehen von Vorgängen Sehen Hören, etc.

        Wenn dieser Vorgang verstanden wird, erkennt man, dass da nichts Substanzielles ist, dass alles durch Umstände bedingt ist, dass jeder einzelne Vorgang so und nicht anders ist.

        Der Buddha vergleich Wahrnehmung mit einer Luftspiegelung auf der Suche nach etwas mit Substanz. Stress und Sorgen sind alles was wir bekommen.

        Mein Lehrer hatte immer nur eine Frage „hast du dir alles notiert ? Beim Sehen hast du gedanklich nur „sehen“ notiert und nichts anderes ? Mach weiter“.

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      • Nitya schreibt:

        „Die Dinge zu sehen wie sie sind ist so schwierig wegen der grossen Fülle von Details, die unsere Sicht trübt. “

        Im Prinzip nicht, weil es für das Sehen an sich keinen Unterschied macht, ob ich 1000 Sterne sehe oder nur einen. Andererseits wurde das, was Kontemplation genannt wird, dazu verwendet sich ganz auf ein Objekt zu fokussieren, um so zu verhindern, dass der Geist von einem Objekt zum anderen herumirrt. In der Kontemplation kann dann etwas geschehen, was man beschreiben könnte als ein Sich-Verlieren im betrachteten Objekt. Sehender und Gesehenes fließen zusammen, bis nur noch Sehen ist.

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  2. fredoo schreibt:

    Es gibt eine (der vielen) Um-Schreibungen , die zu be-schreiben versucht, was unwörterbar ist, die mir besonders gefällt ( wobei dieses „be-sonders“ schon wieder ein Witz ist😀 ) …
    Es ist die Vokabel für ES > Unmittelbarkeit …
    Denn das ist ES … un-mittel-bar … un-ver-mittelbar … und ohne mittel DA …
    Taucht ES auf …. ( so wie der „fliegende Holländer“ auftaucht , nämlich in dem die verdeckenden/verbergenden Nebel plötzlich und un-ver-mittelt abziehen ) …
    dann ist da kein (neues) „Etwas“ … sondern nur diese unwörterbare … ( schon ewig „seiende“ ) Unmittelbarkeit …
    keine Form … kein Etwas … nur indirekt wörterbar durch Bezeichnung dessen , was halt bei diesem „Auftauchen“ nicht (!) ist …
    Und doch ist es in seiner unwörterbaren Einmaligkeit völlig simpel , keinesfalls abgehoben oder gar in irgendwelchen „feineren Sphären“ befindlich … nix könnte je simpler sein …
    Es ist diese Unmittelbarkeit selbst , die sich als das EIGENTLICHE erweist .
    Als das , was die Leinwand bildet , die der Film-Strom der Form-Erscheinungen nutzt ( und benötigt ) , den wir „unser Leben“ nennen.
    Genau diese (Unmittelbarkeit)Leinwand erweist sich , einfach deshalb , weil wir dieses „Auftauchen“ ja überleben (!) völlig zweifelsfrei , als das was ich … eigentlich … bin … ja … sein muss , da ich ja … auch … in dieser Unmittelbarkeit … bin … jedoch nicht als „fredoo“Form , sondern als nichts anderes wie Unmittelbarkeit selbst …
    Noch mal … da kommt nix dazu … da wird nix gewonnen oder erreicht …
    da wird einfach nur (erstmals) „bemerkt“ , was bereits seit Anbeginn der Zeiten ( und darüber hinaus ) als das Eine (ohne ein Zweites) unmittelbar IST …
    Dieses Bemerken ist weder notwendig noch be-sonders … Egal ob „bemerkt“ oder nicht , danach … ist nix anders … ist nix besonders geworden …
    nur ein Phänomen ist aufgetaucht … diese Unmittelbarkeit in all ihrer Simplizität wurde unvergessbar … Man kann es damit auch das Bemerken des Bemerkens nennen

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  3. fredoo schreibt:

    werter Keks … ich mag eigentlich nicht mehr in den Diskurs über Lehrmeinungen eintauchen … auch wenn sie sich … glücklicherweise … ab und an mal selbst als Leer-Meinung verstehen …
    doch die Ausnahme bestätigt die Regel … desderwegen … ausnahmsweise mal

    „““Die Dinge zu sehen wie sie sind ist so schwierig wegen der grossen Fülle von Details, die unsere Sicht trübt. Das Ziel von Einsicht ist es, in die Soheit einzudringen, mit Hilfe eines einfachen Programmes wie:……….. „““

    hier besteht der Irrtum in der unhinterfragten Annahme , dass es möglich wäre „die Dinge so zu sehen , wie sie sind“ … Jedoch … so wie wir die Dinge (bereits jetzt) sehen , so sind sie (als erscheinende Dinge ) ! … Die Dinge ( Objekte = Etwasse ) sind immer so , wie sie … gerade … erscheinen … Keine Geisteshaltung oder Kenntnis und schon gar kein Programm der Welt wird daran jemals etwas ändern können …
    Es ist lediglich manchmal für mancheinen möglich geworden , sich dann , wenn Dinge/Etwasse/Objekte erscheinen , gleichzeitig daran zu erinnern (was nicht willentlich , sondern automatisch geschieht ) was sich da einst , als Urgrund/Quelle dieser Dinge/Etwasse/Objekte unzweifelbar (!) erwies !
    Damit ändert sich jedoch nicht das geringste an Qualität oder Quantität der erscheinenden Dinge .
    Es wird lediglich … zusätzlich !!! … deren „Quelle/Urgrund“ erinnert .
    Erinnert meint hier jedoch nicht eine bildhafte Aufrufung in die Bewusstheit des Augenblickes , sondern eine eher „emotionale“ Erinnerung an des > staunenden „aha“ …. ( was jedoch ohne „Dinge“-Inhalt ist und genau deshalb ja dieses staunende hat )
    ein „aha“ das in seiner Unmittelbarkeit alles … beantwortet … was je Frage war …
    Und das im Individuellen Erleben „danach“ jederzeit wieder „kontaktbar“ bleibt , durch die entstandene Unbezweifelbarkeit … wichtig ( wie ich glaube ) … nicht das „aha“ wird erinnert , wie ginge das , da Erinnerung ja ausschließlich Formen er-innert und das „aha“ ja das Staunen ob der Formlosigkeit umschreibt … was erinnert wird , ist die daraus entstandene Unbezweifelbarkeit …

    damit erfolgt jedoch keine Einsicht in die Dinge ( im Sinne eines Kenntnis-gewinnes ) … sondern es erfolgt -schlicht- Erinnerung an die fürderhin unbezweifelbar gewordene Natur aller Dinge ! … das Ding als Ding bleibt dabei jedoch weiterhin un-ein-sichtig ( sonst wär es ja kein (zwei)Ding😉 ) …
    diese Un-be-zwei(!)-fel-barkeit ist weder erreichbar , noch durch Haltung oder Programme erzeugbar …
    es gründet sich … ausschließlich in der manchmal bei Mancheinem plötzlich geschehenden Gnade der Offenbarung des Offensichtlichen , das genau in seiner Offensichtlichkeit bestens versteckt , das bestgehütete Geheimniss bis dahin war …

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    • Keks schreibt:

      Jo so kann mans auch ausdrücken, bassd scho. Wobei diese merkwürdige „gnade“ was auch immer das sein soll bei vielen durch Depressionen oder Angst ausgelöst wurde.

      Ich hatte in den 5 Jahren Klosteraufenthalt eh „nur“ ausserkörperliche Erfahrungen kultiviert und der Lehrer rupfte sich jedesmal die Haare raus als ich sagte „juhuuu ich kann fliegen, blöderweise nicht in dieser Welt“ :p

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      • fredoo schreibt:

        nun ja , werter Keks … das gnädige an dieser Gnade … das sich etwas Auslösendes / Verursachendes selbst beim besten Willen nicht finden lässt …
        die taucht auf , oder auch nicht … ganz nach ihrem eigenen Gusto …

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      • Brigitte schreibt:

        „das gnädige an dieser Gnade … das sich etwas Auslösendes / Verursachendes selbst beim besten Willen nicht finden lässt“

        … und darin ist die Gnade abolut gnadenlos🙂

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  4. Eno Silla schreibt:

    Aus vollkommenem Nichtwissen
    Entstehen vollkommene Worte
    Beschreiben Worte was zu sein scheint

    Wie ein blökendes Schaf
    Stehe ich auf der Weide des Lebens
    Und glotze ins Unfassbare hin-ein-aus

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  5. Brigitte schreibt:

    „Einfach nur zu sein“, scheint irgendwie problematisch und untragbar. Dabei ist es das aller Natürlichste überhaupt. Die Konstante in allem wird unmittelbar erfasst und ist in keiner Weise machbar und vermittelbar. Und keiner kann es geben oder nehmen. Du allein bist dein eigener Beweis. Jeder, der den Versuch wagt, es zu beschreiben, zu vermitteln, zu erklären, zu greifen, scheitert und ist mit der eigenen Hilflosigkeit konfrontiert. Wer glaubt, eine letztgültige Wahrheit gefunden zu haben, auf die er sich beziehen könnte, täuscht sich selbst. Es durchdringt alles und offenbart sich überall als pures, lebendiges Sein.

    Jedes Mal beim Schreiben eines Textes, stocke ich und denke, sei einfach still, es ist hoffnungslos und kann nur Irrtümer erzeugen, weil es nicht zu verstehen ist, es erfasst sich unmittelbar inmitten von Erfahrbarkeit und darin verschwindet jede Erfahrung.

    Und doch … es gibt Worte, die so direkt und einzigartig auf das Unfassbare hindeuten, dass darin alle Worte verschwinden. Mir fällt gerade das Buch von Papaji ein „Der Gesang des Seins“ (erschienen im Noumenon-Verlag). Dieser Gesang ist so ein Genuss, wie ein Bad in der puren Unermesslichkeit des Soseins.

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    • Eno Silla schreibt:

      Lass und baden gehen, liebe Brigitte, wieder und wieder in diesen unergründlichen Fluten des Seins! Als hätten wir da eine Wahl! In dieser Unfassbarkeit geht einfach alles (jede Vorstellung, jedes Konzept) baden!
      Genuß pur: Unmittelbarkeit:

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    • fredoo schreibt:

      Es ist ( für mich ) wie ein Tanz mit Worten … ohne eindeutige Wahrheit … ohne ersehnten Sinn … ohne erwartete Notwendigkeit … und doch …
      ist diese (letzlich vergebliche) Ver-Wortung eine tief demütige Geste der Dankbarkeit …
      Ver-ge-wisserung durch Offenlegung des Un-wissbaren …

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      • Eno Silla schreibt:

        „Ver-Wortung eine tief demütige Geste der Dankbarkeit …“
        Eine schöne Formulierung, lieber Fredoo, ich liebe diese „Ver-ge-wisserung durch Offenlegung des Un-wissbaren …“ ja auch, für mich ist es auch eine Stimmung, die durch die Worte erspürbar werden kann, im Idealfall. Und doch ist da auch das überdeutliche Erkennen des Scheiterns an all diesen Versuchen… Und das ist ja so klasse!
        Irgendwo hab ich mal gelesen: Im Scheitern kann ich nicht scheitern! Oder wars: im Versagen kann ich nicht versagen?

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      • Brigitte schreibt:

        Du sagst es… ich genieße deine Worte grad sehr, einfach so🙂

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