Osho: Der Unterschied zwischen Behälter und Inhalt


oEin großer chassidischer Meister hatte stets ein dickes Buch bei sich. Niemandem erlaubte er hineinzuschauen. Wenn keiner in der Nähe war, schloss er die Fenster und die Türen. Und die Leute dachten: Nun liest er. Sowie jemand kam, legte er das Buch beiseite. Es zu berühren war niemandem erlaubt.

Verständlich, dass dies die Neugier entfachte. Als er starb, war es das Erste, was die Schüler taten … sie vergaßen den alten Meister. Er lag tot da. Nun konnte ihnen niemand mehr etwas verbieten. Sie stürzten sich auf das Buch. Es musste etwas ganz Bedeutsames bergen. Aber sie waren sehr enttäuscht. Nur eine Seite war beschrieben, und der Rest des Buches war leer. Und selbst auf dieser einen Seite war nicht viel, nur ein Satz. Und der Satz war:

baus: Osho, „Die Alchemie der Verwandlung“

Vom Advaita Vedanta-Meister Shankara gibt es das Buch: „Das Kleinod der Unterscheidung“. Dabei geht es um dasselbe Thema wie bei diesem chassidischen Meister, von dem Osho hier erzählt. Advaita, das ja Nicht-Zwei bedeutet – und dann diese Unterscheidung in Behälter und Inhalt. Unterscheidung trennt in mindestens zwei Aspekte. Wie passt das mit Nicht-Zwei zusammen? Behälter und Inhalt sind nur eine andere Version der Analogie von Shakti und Shiva: Shakti ist identisch mit Shiva. Es gibt keinen Unterschied zwischen Shiva und Shakti, so wie es keinen Unterschied gibt zwischen dem Feuer und seiner brennenden Kraft. So wie man Hitze nicht von Feuer trennen kann, kann man Shakti nicht von Shiva trennen. Shiva und Shakti sind eins. Sie sind lediglich zwei konzeptuelle Aspekte ein und desselben. Konzeptuelle Aspekte sind etwas für den Verstand, der diese Hilfsmittel braucht, um sich zumindest intellektuell dem Thema annähern zu können.
fIhr kennt das ja hoffentlich noch alle: In der Nacht vor einem Feuer sitzen und hineinstarren. Das ist etwas total Magisches, das Feuer scheint einen in sich hineinzuziehen, jeder Gedanke an „sich selbst“, aber auch an alle möglichen anderen Konzepte löst sich auf. Alles ist ineinander verschmolzen – der Beobachter, das Beobachtete und das Beobachten. Da existiert keinerlei Trennung mehr, da ist nur noch Feuer-Sein. Warum also legen der chassidische Meister oder Shankaracharya oder viele andere so einen Wert auf die Unterscheidung, auf die Trennung? Warum sollte jemand, der diese Unterscheidung nicht kennt, nicht weise sein?

Ich vermute, die Geschichte richtet sich an  „ganz normale Leute“, also an Leute, die die Welt über das Denken erfahren und glauben, die Welt deshalb zu kennen. Mit diesen Menschen kann man endlos über alles Mögliche und Unmögliche diskutieren und sie haben über alles ein sehr festes Urteil, was natürlich immer zu heftigen Streitgesprächen führt. Ein Stein ist ein Stein und ein Baum ein Baum. Sie benützen gern das Wort „Fakt“ und meinen damit, dass das mit dem Begriff „Fakt“ gekennzeichnete Objekt jederzeit nachweisbar existiert. Dass es sich hier um reine Glaubensmanifestationen handelt, würden sie entrüstet von sich weisen. Für sie ist es wichtig, erst mal das Wesen der Polarität zu begreifen, um aus ihrem Dualismus herauszukommen. Zu begreifen, dass alle Polaritäten die zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, wäre dann vielleicht der nächste Schritt.
p

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2 Antworten zu Osho: Der Unterschied zwischen Behälter und Inhalt

  1. ananda75 schreibt:

    …. und mein Sofa besteht nur aus kreiselnden Atomen und so und trotzdem kann ich mich drauf schmeißen

    find ich gut, dass du das mal sagst mit den „normalen Leuten“ – klar, fängt’s da im ersten Reflex an zu kichern in mir – normaaaaaaaaaaaal HA HA – was ist das?
    aber es is ja so – irgendwelche Worte müssen wir benutzen, wenn wir miteinander reden wollen
    mir wollen manche Menschen immer noch „Ordnung im Kopf“ verordnen😆
    ich sag jetzt aber einfach nur noch „Ordnung im Kopf ist nicht kreativ“, dann sind sie ruhig –
    denn die verstehen meine „Ordnung“ ja doch nicht…. ich zwar auch nicht, aber das verrat ich keinem😆

    einen schönen Tag dir🙂

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  2. Brigitte schreibt:

    Unglaublich diese Magie der Worte. Plötzlich scheinen sie lebendig, geben sich ein Stelldichein und weben in bunten Regenbogenfarben fortwährend einen Reigen aus endlosen Ge-schichten. Wer ist dieser Gaukler? Wo versteckt er sich? Gibt es ihn? Unauffindbar, so scheint’s, und hinterlässt doch eine Welt wie aus Träumen gemacht.

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