Daniel Herbst: perfekte Fluchtburgen für den Geist


dEin Geist, der vor seinen eigenen Wahnvorstellungen ins Reich der Transzendenz flieht, kann sich der Wirklichkeit bis ans Ende seiner Tage nicht stellen. Ein solcher Geist bleibt sich selbst bis zum Schluss „treu“, d.h. er bleibt, wer er zu sein glaubt. Ein solcher Geist glaubt zu wissen, wie es ist. Er besteht auf dem status quo und ist letztendlich nicht in der Lage zu erkennen, dass er selbst es ist, der der Unmittelbarkeit des reinen Sehens im Weg steht.

Erreichen kann ich mich nur, wenn ich den Geist als die Illusion durchschaue, durch die ich auf der Ebene von Existenz zu mir gekommen bin. Das ist der Widerspruch, den es aufzulösen gilt. Die Frage ist: Ist das, was zu mir gekommen ist – bin ich, so wie ich mich kenne, wer ich bin? Kann ich mich in mir selbst erkennen – oder erkenne ich durch mich – durch meine Erscheinung, durch meine Gedanken, Gefühle und Empfindungen – dass es mich (in der Wirklichkeit) geben muss? Das ist die alles entscheidende Frage. Sie wird sich erst stellen, wenn ich mich von den Erfahrungen, die mein bisheriges Leben bestimmt haben, nicht mehr ablenken lasse. Dann komme ich hierher zurück und bin plötzlich „da“.

Von hieraus schaue ich der Entfaltung des Lebens zu und erkenne ohne Zweifel, dass es mich zu keiner Zeit als ein selbstseiendes Wesen gegeben hat. Jetzt brauche ich kein Paradies, kein Nirvana und keine Erleuchtung mehr. Das alles sind perfekte Fluchtburgen für einen Geist, der weiterhin auf sich – und damit auf seinen Einbildungen – bestehen will.

aus: Daniel Herbst, „Aus dem Einen“

wEs soll ja Ausnahmen geben, aber im Allgemeinen „bleibt der Geist sich selbst bis zum Schluss ‚treu‘, d.h. er bleibt, wer er zu sein glaubt. Ein solcher Geist glaubt zu wissen, wie es ist. Er besteht auf dem status quo und ist letztendlich nicht in der Lage zu erkennen, dass er selbst es ist, der der Unmittelbarkeit des reinen Sehens im Weg steht.“ Er selbst – wer ist „er selbst“? Gestern schrieb Daniel: „Obwohl du diesem Universum (an)gehörst, hast du das Gefühl, ein eigenständiges Wesen zu sein. Du hast ein „ich-Gefühl“.“ Ist also „er selbst“ also auch nichts anderes als ein „ich-Gefühl“, als das Gefühl ein eigenständiges Wesen zu sein, und besitzt dieses Gefühl überhaupt die Fähigkeit, was auch immer zu erkennen? Oder ist es selbst etwas Erkanntes bzw. für wahr Genommenes, einfach eine Erscheinung im Bewusstsein, die auftaucht und verschwindet? Und wer oder was kreiert und erkennt dann alle Erscheinungen, wenn alle angeblich eigenständigen Wesen selbst nur Erscheinungen sind?

Daniel sagt: „Ein Geist, der vor seinen eigenen Wahnvorstellungen ins Reich der Transzendenz flieht, kann sich der Wirklichkeit bis ans Ende seiner Tage nicht stellen.“ Wieder – der Geist selbst ist eine Wahnvorstellung, genauso wie die Idee seiner Flucht in die Transzendenz. „Der Geist“ flieht nirgendwohin.

Dann stellt Daniel die, wie er es nennt, alles entscheidende Frage: „Kann ich mich in mir selbst erkennen – oder erkenne ich durch mich – durch meine Erscheinung, durch meine Gedanken, Gefühle und Empfindungen – dass es mich (in der Wirklichkeit) geben muss?“

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9 Antworten zu Daniel Herbst: perfekte Fluchtburgen für den Geist

  1. Keks schreibt:

    „Lass dein Ich wo es ist“
    So beschrieb einmal mein Lehrer was er seinem eigenen Lehrer verdankte.
    Anatta (nicht-selbst, nicht-mein etc) sind reine Arbeitshypothesen da jegliches denken an Selbst oder nichtselbst beim Meditieren stört. Es ist keine Erklärung dafür ob es ein Selbst gibt. Buddha war ein Meditationslehrer, der wusste was beim Meditieren störend sein kann.
    Seine Worte waren eine Überraschung für mich. Ich kam zu ihm um bei ihm zu lernen, noch geprägt von einer Schule, die mir beigebracht hatte, dass ernsthafte Buddhisten die Welt mit negativem, pessimistischem Blick betrachten und es kein Selbst geben würde. Hier aber war ein Mensch, der sein ganzes Leben der praktischen Umsetzung von Buddhas Lehren gewidmet hatte, und sprach davon, wie hell doch die Welt sei. Natürlich bezog er sich mit „Helligkeit“ nicht auf die Freuden der Schönen Künste, von Speisen, Reisen, Sport, Familienleben oder sonstigen Themen, die man in den Rubriken der Sonntagszeitung findet. Er sprach von einem tieferen Glück, das dem Inneren entspringt.
    Als ich ihn mehr und mehr kennenlernte, ging mir allmählich auf, wie tiefgehend glücklich er war. Er mag vielen menschlichen Vorspiegelungen skeptisch gegenübergestanden haben, aber ich würde ihn niemals als negativ oder pessimistisch beschreiben. „Realistisch“ wäre näher an der Wahrheit. Und doch gelang es mir lange Zeit nicht, ein Gefühl des Paradoxen abzuschütteln, dass der Pessimismus der buddhistischen Texte sich in einer solch grundtief glücklichen Person verkörpert finden konnte.
    Erst als ich selbst die frühen Texte direkt studierte, entdeckte ich, dass das scheinbare Paradoxon in Wahrheit eine Ironie darstellte – die Ironie dessen, wie der Buddhismus, der ein solch positives Bild von der Fähigkeit des Menschen zeichnet, das wahre Glück zu finden, im Westen als negativ oder pessimistisch abgestempelt werden konnte.
    Buddha hatte auch nie einen Gott verleugnet wie es heute im Westen kursiert, ganz im Gegenteil.

    Nirvana brauchts keines und Erleuchtung auch nicht, aber ich wäre dem Paradies etwas näher wenn meine Tabakdose nicht fast leer wäre.

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  2. Anonuema schreibt:

    Ja, Daniel, ganz wunderbar, für mich einer der ehrlich von dem berichtet, wie es bei ihm wirklich ist, anstatt erleuchtete Konzepte wiederzugeben.
    Grad bei Siam im Spectrum Sein entdeckt, vielleicht passt es (euch) ja auch hierher, wer weiß?!:

    http://www.spectrum-sein.de/showthread.php?tid=242&pid=9380#pid9380

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  3. Eno Silla schreibt:

    Ist das da oben mit den blonden Haaren ein sogenannter Horrorclown? Wirklich gruselig!
    Ich würde mir in die Hose scheißen, wenn sowas plötzlich aus einem Busch mir in den Weg springt.
    Warum setzen Menschen solche Masken auf und erschrecken andere?
    Selbst in dieser kleinen Stadt, in der ich lebe, nehmen diese Clownattacken zu.
    Ein Freund hat mir gestern sein neu erworbenes Pfefferspray gezeigt. Nein, ich will mich nicht bewaffnen. Als Fühler wäre ich, glaube ich, nicht in der Lage, irgendjemanden Pfefferspray ins Gesicht zu sprühen, auch nicht so nem häßlichen Clown. Wahrscheinlich würde mich das Zeug selbst treffen.
    Was das alles mit den Fluchtburgen für den Geist zu tun hat? Keine Ahnung, aber ablenken kann man sich doch mit Allem, was da so auftaucht, selbst mit Horrorclowns, oder Erwachen und Erleuchtung. Da ist Erkennen. Sonst nix!

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  4. alexandra schreibt:

    Habe gerade vorhin im Wartezimmer des Zahnarztes die Kommentare von gestern gelesen und fühle mich nun bemüßigt, auch meinen Senf dazuzugeben. “ Fühle“ mich bemüßigt? Keine Ahnung. Bin ich ein fühlendes Wesen? Bisher habe ich zuviel Fühlen vermieden, aber das wusste ich gar nicht. (Erklär mal einem Blinden die Farbe Rot.) Hab ganz gut ohne viel Fühlen gelebt. Und doch: Wenn sich jemand verletzt, huscht ein Schauer durch meinen Körper. Ich weiß auch oft ziemlich gut, was andere denken, sogar was sie fühlen. Aber sonst? Beim Ansatz von positiven Gefühlen kam immer gleich das Gedankenschweinchen mit dem Satz: „Pass nur auf, genieß das nicht zu sehr, dann kommt bestimmt was schlimmes.“ Also habe ich es mir im nicht- bzw. wenig-fühlen eingerichtet. – Und mich dabei recht wohl gefühlt… Jetzt merke ich, alles, was jetzt ist, ist eigentlich nur fühlen. Sogar nicht fühlen. Die Frage ist vielleicht mehr: Wer fühlt? Da ist eben niemand. Einfach nur das was ist. Und wenn es nicht fühlen ist, dann ist das halt so. Auch das will wahrgenommen werden. Und wenn es nicht bewusst wahrgenommen wird, wird es trotzdem wahrgenommen. Manchmal fühle ich jetzt mehr – oft wie Energie im ganzen Körper, aber oft spüre ich auch, wie ich zumache. Naja, dann ist das halt so. Manchmal fühle ich mich dann fast wie eine leere Puppe, manchmal tritt ein Engegefühl auf. Und natürlich eine Vorstellung davon, wie es sich eigentlich anfühlen sollte. Aber so ist halt der Verstand, der alte Quatscher.

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    • Nitya schreibt:

      Fühlen ist einfach Wahrnehmen. Nicht mit den Augen, nicht mit den Ohren, nicht mit dem Tastsinn, dem Geschmackssinn oder was es sonst noch so gibt, sondern mit einem „Fühlsinn“. Man könnte es wohl am ehesten mit Intution benennen.Ge-Fühle sind etwas, das gefühlt, aber auch z.B. körperlich empfunden werden kann. Ge-Fühle werden häufig unterdrückt, weil sie gerade als fehl am Platz betrachtet werden oder weil sie Angst machen. Ansonsten drängen Gefühle eher nach außen in Form von E-Motionen. Es gibt Menschen, die voller Ge-Fühle sind, diese aber nicht fühlen können. Die wundern sich dann bisweilen über ihre komischen Reaktionen, falls sie wenigstens die wahrnehmen. Sehr beliebt sind hier die Projektionen. Die Schuld, die in mir ihr Unwesen treibt, will nicht gefühlt werden, sondern sie wird eratzweise auf einen anderen Menschen projiziert. Wer von all dem abgeschnitten ist, wer das also alles nicht fühlen kann, lebt ein sehr reduziertes und unbewusstses Leben. Ein kopfabsäbelnder IS-Massenmörder könnte das nicht tun, was er tut, wenn er fühlen könnte, was er gerade sich und dem anderen antut. Söldner wurden und werden häufig mit Drogen versorgt, damit sie keine Angst, aber auch keinerlei Mitleid empfinden. Es gibt Menschen, die Sensitivity-Trainings oder von mir aus Reichsche Körperarbeit machen, um wieder mehr fühlen zu können. Einfach damit ihr Leben farbiger und lebendiger wird.

      Tiere können fühlen, natürlich. Und Pflanzen. Vermutlich auch Erde und Steine. Menschen schaffen es, diese natürliche Fähigkeit so in Schach zu halten, dass sie glauben, nicht fühlfähig zu sein.

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      • alexandra schreibt:

        Das hast du wunderbar treffend beschreiben. Danke! Manchmal wundere ich mich darüber, was im Oberstübchen für Gedanken kreisen und merke dann, dass es genau das ist: Hirn war wieder schneller als das Fühlen, Vermeidungsstrategie perfekt. Schaut man sich dann die Gedanken an, kann ich manchmal schon wieder darüber lachen.
        Und ja- von unserem Hund kann ich immer wieder lernen. So ganz Gefühl… Hat ein Hund Buddha-Natur? Nein, er IST Buddha-Natur!.

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  5. alexandra schreibt:

    Naja, vorhin beim Zahnarzt wirkte die erste Spritze nicht. Da hab ich mich mal echt gefreut, als ich in einer bestimmten Region meines Körpers nichts gefühlt habe… Und wenns dann doch wehtut, frage ich mich in dem Moment auch nicht, wer das empfindet. Grins.

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    • Nitya schreibt:

      „Da hab ich mich mal echt gefreut, als ich in einer bestimmten Region meines Körpers nichts gefühlt habe… “

      nichts empfunden habe – Taubheit ist eine Körperempfindung, wenn wir heute schon rumpingeln wollen😉

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