Huang-po: der Dharma der Soheit


soWenn der Augenblick des Begreifens gekommen ist, dann denkt nicht in Begriffen von verstehen oder nicht verstehen. Denn keiner von diesen ist festzuhalten. Wenn dieser Dharma der Soheit „erfasst“ ist, ist er „erfasst“. Aber der „Erfassende“ ist sich dieses Erfassens ebenso wenig bewusst, wie jener, der nichts von diesem Dharma weiß, sich bewusst ist, dass er ihn nicht erfasst hat. Ach, dieser Dharma der Soheit  – bisher haben ihn so wenige begriffen, dass geschrieben steht: „Wie wenige gibt es in dieser Welt, die ihr Ich verlieren!“ Worin unterscheiden sich diejenigen, die es durch Anwendung eines bestimmten Grundsatzes oder durch Schaffen einer besonderen Umgebung, durch Schrift, Lehre, Alter, Zeit, Name, Wort, oder mit Hilfe ihrer sechs Sinne zu erlangen suchen, von hölzernen Puppen? Würde aber unverhofft ein Mensch erscheinen, der sich keine Vorstellungen auf der Grundlage irgendwelcher Namen und Formen machte, man könnte ihn, das versichere ich euch, in einer Welt nach der anderen suchen und würde ihn doch nicht finden. Seine Einzigartigkeit würde ihm die Nachfolge der Patriarchen sichern, und er würde es verdienen, der wahre Sohn von Shākyamuni genannt zu werden.

Die widerstrebenden Komponenten seines Ich hätten sich aufgelöst, und er wäre tatsächlich das Eine. Darum steht geschrieben: Wenn der König die Buddhaschaft erlangt, verlassen die Prinzen ihr Heim, um Mönche zu werden.“ Der Sinn dieser Worte ist schwer zu verstehen. Sie wollen euch lehren, dass ihr keine Buddhaschaft suchen sollt, da jedes Suchen zum Scheitern verurteilt ist. Ein Irrer, der auf einer Bergspitze das Echo seines Rufes tief unter sich hört, mag diese im Tal suchen gehen. Aber wie vergeblich ist seine Suche! Im Tal angekommen, ruft er erneut und steigt sofort wieder hinauf, um auf den Gipfeln zu suchen. Ach, so mögen Tausende von Wiedergeburten oder Zehntausende von Äonen vergehen, in denen er dem Echo nachläuft, um die Quelle dieses Klanges zu finden. Vergeblich wird er gegen die aufgewühlten Fluten von Leben und Tod kämpfen. Weit besser, ihr gebt überhaupt keinen Laut von euch, dann gibt es auch kein Echo. Dies trifft für all jene zu, die im Nirvāna weilen: Kein Hinhören, kein Wissen, kein Laut, keine Spur, kein Zeichen. Werdet so – und ihr seid kaum weniger als Nachbarn des Bodhidharma.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“
b„Die Worte wollen euch lehren, dass ihr keine Buddhaschaft suchen sollt, da jedes Suchen zum Scheitern verurteilt ist. Ein Irrer, der auf einer Bergspitze das Echo seines Rufes tief unter sich hört, mag diese im Tal suchen gehen. Aber wie vergeblich ist seine Suche! Im Tal angekommen, ruft er erneut und steigt sofort wieder hinauf, um auf den Gipfeln zu suchen.“ Starker Tobak. Irre, nennt Huang-po diejenigen, die ständig bergauf- und bergabklettern, immer auf der Suche nach der Quelle dessen, was dieses Echo auslöst, nach der Quelle, die sie selbst sind. Kürzlich hat mal wieder jemand das daoistische Wu Wei auf den Müll geworfen und sich wieder ganz einer regelmäßigen Meditationspraxis zugewandt, um dauerhaft seine Aggressionen in den Griff zu kriegen. Meditation als Unterdrückungstechnik? … Ich kenne einige, die das ziemlich erfolgreich hinbekommen haben. Ich will dazu weiter nichts sagen, nur so viel: Mein Ding ist es nicht. Meditation ist für mich keine Technik, die man von – bis – anwendet, sondern eine Grundhaltung, die ganz aus sich selbst heraus entsteht. Ramesh würde sagen: „Verstehen ist alles.“ Ja, diese Haltung wächst aus einem intuitiven Verstehen heraus wie eine Blume aus dem richtigen Nährboden.

Huang-po sagt: „Ach, dieser Dharma der Soheit  – bisher haben ihn so wenige begriffen, dass geschrieben steht: „Wie wenige gibt es in dieser Welt, die ihr Ich verlieren!“ Meditieren „um zu“, hat immer eine Ich-Stärkung zur Folge. Der Dharma der Soheit oder ich sag mal ganz einfach „das Soheit-Sein“ will nichts mehr, Soheit-Sein lässt jedes Ich ganz von selbst verschwinden. So einfach und doch „wie wenige gibt es in dieser Welt“.

Wu Wei scheint eine hübsche Haltung in süßen Zeiten zu sein. Dabei wäre es gerade in sauren Zeiten die Rettung. Wu Wei ist nichts anderes als der Dharma der Soheit. Beides hat absolut nichts mit Nichtstun und auf der faulen Haut Liegen zu tun. Bodhidharma, der erste Ch’an-Patriarch ist wohl das leuchtende Beispiel für dieses Wei Wu Wei, das Tun ohne Tun.

 

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15 Antworten zu Huang-po: der Dharma der Soheit

  1. Marianne schreibt:

    Meditieren „um zu“, hat immer eine Ich-Stärkung zur Folge. Der Dharma der Soheit oder ich sag mal ganz einfach „das Soheit-Sein“ will nichts mehr, Soheit-Sein lässt jedes Ich ganz von selbst verschwinden. So einfach und doch „wie wenige gibt es in dieser Welt“.

    »Der Prozess des Entwickelns der befreienden Qualitäten bis hin zur Buddhaschaft ist identisch mit dem Prozess, der als Ich-Stärkung in der Psychologie beschrieben wird. Ein Buddha hat das stabilste Ich von allen! Ein Geistesstrom auf dem Weg des Erwachens wird immer stabiler, immer weniger abgelenkt, immer weniger aus der Fassung zu bringen und zugleich immer anpassungsfähiger, immer offener und zeigt damit alle die Qualitäten, die einer stabilen, integrierten Persönlichkeit zugeschrieben werden.
    Es ist also ein großes Missverständnis zu sagen: Bitte nicht zu früh den buddhistischen Weg praktizieren, damit die Ich-Stärkung sich noch vollziehen kann, bevor das Ich aufgelöst wird. Es wird kein Ich aufgelöst. Das gibt es nicht. Es gibt keine Ich-Auflösung, nur das Auflösen irriger Vorstellungen von einem soliden, ewigen, abgegrenzten Ich.«
    Lama Tilmann Borghardt in „Buddhistische Psychologie“ S. 298/299
    https://www.randomhouse.de/Buch/Buddhistische-Psychologie/Tilmann-Borghardt/Arkana/e446720.rhd

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    • Nitya schreibt:

      Entweder hat Lama Tilmann Borghardt Buddhas Anatta-Aussage nicht verstanden oder dieser ominöse Nitya. Einer von beiden muss in der Schule geschlafen haben. Dieser eingebildete Nitya glaubt natürlich, dass der sehr ehrwürdige Lama Tilmann Borghardt nicht nur in der Schule, sondern auch den Rest seiner Tage sich eines ausgesprochen gesunden Schlafes erfreut hat. Meint übringens der Huang-po auf Nachfrage auch.

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      • Marianne schreibt:

        »Wir vergegenständlichen die prozesshafte Kontinuität des Erlebens durch Begriffe wie »Ich«, »Selbst« – was so zutreffend und zugleich unzutreffend ist, wie einem sich ständig wandelnden Strom Wasser von der Quelle bis zur Mündung den immer gleichen Namen »Rhein« zu geben. Der Name ist nicht das Problem, sondern nur der Glaube, der Strom wäre immer derselbe. Der Strom selbst ist in jedem Moment einzigartig, etwas vollkommen Besonderes – genau wie wir Menschen besonders sind, einzigartige Ströme des Erlebens. Einzigartig und zugleich durch und durch Prozess. In diesem Porzess gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die uns von anderern Strömen unterescheiden, aber auch diese Merkmale sind dem Wandel unterworfen. Es geht um das Auflösen einer fixen Vorstellung vom Ich, um das Erkennen der prozesshaften Natur des Ichs und keineswegs um das Auflösen eines Ichs. Es geht um dieses Im-Fluss-Sein.« (S. 286)

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      • Marianne schreibt:

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      • Nitya schreibt:

        Liebe Marianne,

        wenn der Herr Lama sagt: „Ein Buddha hat das stabilste Ich von allen!“, dann muss ich mich schon sehr verrenken, um darunter einfach nur den „Fluss“ zu verstehen. Da ist Buddha mit seinem Nicht-Ich sehr viel klarer. Der Fluss als Fluss hat in seiner ständigen Veränderung auch etwas Stabiles. Er ist immer „der Fluss“. Aber dafür spielt es nicht die geringste Rolle, ob es sich bei den Erscheinungen im Fluss um Buddha handelt oder den Lama oder den Herrn Keks. Sie alle sind „der Fluss“ und zwar ohne Anfang und Ende. Der Fluss benötigt auch keinen Prozess, um Fluss zu werden. Die ganze Psychotherapie und Pädagogik haben in dieser Geschichte absolut nichts verloren.

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      • Marianne schreibt:

        Wenn man vom eigenen Erleben ausgeht – das tut die buddhistische Psychologie (unter Berufung auf einige Lehrreden Buddhas) – dann macht die Beschreibung des Prozesshaften schon Sinn.
        Vom eigenen Erleben auf »absolute Wahrheiten« zu schließen, halte ich für einen Holzweg.
        Und … vom psychologischen Standpunkt aus, kann die Ich-Stärkung durch Meditation oder andere Praktiken durchaus zur Erhöhung der Lebensqualität beitragen und führt nicht notwendigerweise zu »Vernebelungen«.

        Ja, ist eher eine »andere Baustelle«, ehrwürdiger Nitya – da stimme ich dir zu.

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      • Nitya schreibt:

        Der arme Herr Buddha, haben ihn seine Schüler so mit ihren Fragen gequält, dass er ihnen bei paar Brocken hinwerfen musste, um sie sich bloß vom Leib zu halten? So waren sie mit sich selbst beschäftigt oder mit dem, wofür sie sich gehalten haben, und der Herr Buddha hatte wenigstens eine Zeit lang seine Ruhe vor ihnen.

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      • ananda75 schreibt:

        und Jesus flüchtete sich in die Wüste😆

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  2. Keks schreibt:

    Man beachte kurz die Stille zwischen zwei Worten, die ist in jedem. Daraus entsteht Wissen und auch Nicht-Wissen. Somit ist der Nichtwissende nicht besser als der Wissende. Huang Po stellt sich da auf ne höhere Stufe für mein Empfinden indem er erwacht und unerwacht unterscheidet. Oder auch nicht, hach was weiss denn ich.

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  3. ananda75 schreibt:

    wenn ich da mal was zu sagen darf, scheint mir das irgendwie eine Vermischung zwei ganz verschiedener Geschichten
    Natürlich ist es besser – siehste – und da fängt’s schon an – es gibt absolut nichts, was in irgendeiner Weise besser oder schlechter wäre, als irgend etwas anderes.
    Nu leben wir aber hier in dieser Menschen-Welt und benötigen, z.B. zur Kommunikation, Hilfs-Konstruktionen.
    Also kann man sagen, es ist besser, als Buddha durch die Welt des alltäglichen Gewühls und menschlichen Miteinanders zu gehen – sich nich von allem hin und her reißen lassen, Mitgefühl an den Tag zu legen gegenüber allen lebenden Wesen etc….
    Für diese gewissermaßen selbstlose Haltung ist es schon sinnvoll erst zu wissen, erst mal ein Selbst zu haben und das dann abzulegen.
    So wie mit dem verrückt sein – wenn du noch weißt, wo du her kommst, kannst du auch wieder dahin zurück kehren – wenn du das aus dem Auge verlierst und dich irgendwo hin ver-rückt hast, gehst du leicht verloren.
    Im absoluten Sinne aber – HA HA HA – was ist absolut? – aber – so ist das nun mal – im Text oben die Vergeblichkeit der Suche 🙂
    Die Vergeblichkeit in Worte zu fassen, das Unbeschreib-bare zu beschreiben, das ist das Terrain wo es halt keinen Weg gibt und doch einen Weg gibt – denn man kann ihn offensichtlich gehen🙂
    Und es IST die Rettung in sauren Zeiten🙂
    Wenn man das nämlich hin kriegt – wenn Glück und Leid und alles andere gleich-gültig werden, wenn man einfach ist, ohne Absicht oder Ziel – wenn man mit allem mit geht, egal, was kommt – dann öffnen sich Türen da, wo gar keine Wände sind, in diesem Schleier zwischen den Welten, die nicht neben- oder hinter- sondern ineinander sind – eigentlich isses eine, aber ich glaub, da hinkt die Evolution noch ein wenig hinterher…

    oder so ähnlich🙂

    Danke, lieber Nitya, dass du uns immer wieder Gelegenheit zu dieserart Gedanken-Gängen gibst
    und
    Ich möchte mich nicht in irgendeiner Weise mit Eno vergleichen
    aber
    solange du nix dagegen hast, lass ich gerne ab und an meinen Senf bei dir🙂
    also, muss ja nicht Senf sein – wenn du’s lieber süß hast, denk dir Nutella an Stelle dessen😉

    Alles Liebe❤

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  4. Keks schreibt:

    „Für diese gewissermaßen selbstlose Haltung ist es schon sinnvoll erst zu wissen, erst mal ein Selbst zu haben und das dann abzulegen.“

    So mal unter uns – wie soll das gehen ein „Selbst“ ablegen ? Das Ding ist nicht vorhanden, der Versuch es abzulegen kann nur scheitern. Beispiel…Versuch mal „Schrumpldumpllumplnippelbippel“ abzulegen oder zu verstärken durch Meditation. `Ne Idee oder ein Konzept ist nicht ablegbar, nicht verminderbar und auch nicht vermehrbar. Es gibt nur selbstloses Handeln. „Ego, Ich, Selbst“ leg es in meine Hand und dann schauen wir ob man es ablegen kann. Sollte nichts in meiner Hand liegen dann ist jeder Versuch dem zu entkommen zum scheitern verurteilt.

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  5. Keks schreibt:

    samyojanā:
    1.) Persönlichkeitsglaube
    2.) Zweifel
    3.) Haften an Regeln und Riten
    4.) Sinnesbegierde
    5.) Übelwollen
    6.) Verlangen nach Form
    7.) Verlangen nach Formlosigkeit
    8.) Dünkel
    9.) Unruhe
    10.) Unwissenheit
    Insofern kann man, unabhängig wie jemand – Buddhist oder nicht – behauptet das Erwachen erlangt zu haben, seine/ihre Behauptung einschätzen indem man die Anwesenheit, Abschwächung oder Abwesenheit dieser Fesseln prüft. Zumindest aus buddhistischer Sicht hat man so Anhaltspunkte ob man selbst oder jemand anderes erwacht ? oder was auch immer, sein könnte. Die Hindus machen es sich da einfacher und den Islamisten is alles Wurst :p

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  6. Elwood schreibt:

    Von welchem Ich ist hier die Rede?
    Das Ich, das für sich selbst will?
    Jenes Ich, das als Werkzeug für Objektanhaftung zur Orientierung im dualen dient?
    Welches sich selbst als Objekt wähnt?
    Kann dieses Ich überhaupt erfassen, dass es nichts erfassen kann?
    Was macht die Pädagogik und das Psychotherapieren aus/mit diesem Ich?
    Gibt es vielleicht eine re/aktive Tötung des Objektes Ich?
    Doch wer ist der Aktivist? Wer der Getötete? Wer der Befreite?
    Ich?
    Keine Ahnung…..

    La vida no vale Nada II from Mein Freund Harvey on Vimeo.

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    • ananda75 schreibt:

      Ich glaub nicht, dass dieses Ich groß was kann… um gesprächsfähig zu bleiben hab ich’s für mich definiert als die immer nur momentane, ständig sich verändernde Summe aller bisherigen Erfahrungen in diesem Leben – das kann sich aber auch schnell wieder ändern😉
      aber es is okay –
      Es ist nicht so wichtig, wie und was das nun gerade ist – muss ich halt mit leben – und ich komm mit meinem ganz gut klar – wenn es nervt, zuviel Aufmerksamkeit will, begeb ich mich in die Stille, da hat es nix zu sagen🙂

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