Ramesh S. Balsekar: Vertrauen

bFrage: Meinte Maharaj, dass wir eine fatalistische Haltung gegenüber unserer Zukunft einnehmen sollten?

Ramesh: Maharaj Gegenfrage hätte gelautet: „Wer“ stellt die Frage, und wer ist dieses „wir“, das scheinbar betroffen ist? Können wir als bloße, phänomenale Objekte, als Erscheinungen im Bewusstsein, irgendeine Einstellung haben, sei sie absichtsvoll oder fatalistisch? Würden wir uns einmal ohne Urteil oder Vorurteil die Abfolge vergangener Ereignisse anschauen, kämen wir da nicht zu dem unvermeidlichen Schluss, dass der freie Wille, den wir glaubten ausgeübt zu haben, eine irrtümliche Vorstellung war, wodurch lediglich das fälschliche Empfinden von Erfolg oder Misserfolg ausgelöst wurde, je nachdem ob sich die Ereignisse als „annehmbar“ oder nicht erwiesen? Das meinte Maharaj mit Umkehr hinsichtlich einer Zukunft, wobei das Schauen in die falsche Richtung aufgegeben und der Zukunft nicht fatalistisch, sondern voll Vertrauen entgegengeblickt wird, was auch immer sie bringen mag. Was noumenal vor hundert Jahren war – und was wir SIND und immer gewesen sind – kümmert sich nicht um Vergangenheit oder Zukunft. Phänomenal wird das Verstehen der wahren Situation die Angst vor der Zukunft beträchtlich verringern, eine Haltung der Kooperation entstehen lassen und uns einstimmen auf das, was die Zukunft bringen mag.

aus: Ramesh S. Balsekar: „Die Lehre erleben“

dRamesh Balsekar: „… wobei …der Zukunft nicht fatalistisch, sondern voll Vertrauen entgegengeblickt wird …“ Steven Harrison: „Das Risiko der Kreativität liegt im radikalen Vertrauen auf Transformation.“ Immer wieder geistert der Begriff „Vertrauen“ durch die spirituelle Landschaft. Was ist wohl unter diesem Begriff in diesem Zusammenhang zu verstehen? Nisargadatta bezieht sich auf einen Zustand jenseits von „annehmbar“ oder „nichtannehmbar“, einen Zustand jenseits jeder Wahl-Illusion. Was ist das für ein Zustand? Im Tiefschlaf etwa glaube ich sicher nicht an Wahlmöglichkeiten, auch nicht unter Vollnarkose oder als Hirnamputierter. Ein Spiegel glaubt auch nicht an Wahlmöglichkeiten, er reflektiert nur, was sich vor ihm abspielt. Aber kann man das Vertrauen nennen?
fIch denke an meinen Schlaganfall, als ich nicht den Notarzt alarmierte, sondern mich einfach ins Bett legte. Geschah dies im Vertrauen, dass ich das schon selbst schaffe? Nö. Ich wollte nicht in eine Klinik. Der Vater meiner Mutter sperrte die Tür zu, als er Lungenentzündung hatte, sodass der herbeigerufene Arzt nicht zu ihm kam. Lieber gab er den Löffel ab. Irgendwas muss er mir weitervererbt haben. Als ich beim Schneeschippen einen Herzinfarkt bekam, dachte ich, ich hätte Sodbrennen oder irgendwas mit dem Magen. Ich fuhr zu meinem Doc, der sofort sah, dass ich einen Herzinfarkt hatte. Er beschwor mich geradezu, es diesmal nicht drauf ankommen zu lassen. Als der Notarzt eintraf, durfte ich keinen Schritt mehr alleine machen. Man hob mich auf eine Fahrtrage und schob mich durch die Praxis, was mir so albern vorkam, dass ich auf der Fahrt wie Queen Elisabeth meinen „Untertanen“ huldvoll zuwinkte. War da so etwas wie Vertrauen, dass jetzt alles gut werden würde? Nö. Ich kam mir mehr wie ein Tier vor, das zum Schlachthof transportiert wird. Das Einzige, was ich berichten kann, war vielleicht: In beiden Fällen war keine Angst da, eher so etwas wie Heiterkeit. So, als wüsste ich, dass mir nichts passieren kann. Aber das ist jetzt eine nachgeschobene Erklärung. Ja, man könnte das auch Vertrauen nennen, aber wenn, dann Vertrauen in nichts Besonderes. Da war jedenfalls kein Wunsch, keine Erwartung, keine Hoffnung. Vielleicht meinen Harrison und Nisargadatta mit Vertrauen genau dieses „Wissen“, dass einem nichts passieren kann? Ich weiß es nicht.

Ramesh spricht ja auch von einem „der Zukunft voll Vertrauen Entgegenblicken“, was auch immer sie bringen mag. Dieses „was auch immer sie bringen mag“ wird üblicherweise nicht mit dem Begriff „Vertrauen“ in Verbindung gebracht, eher mit dem Begriff „fatalistisch“. Klingt also ziemlich paradox und doch trifft es auf seltsame Weise genau das, was ich das „Wissen“ nannte, dass mir nichts passieren kann. Ja doch, man könnte es Vertrauen nennen, es fühlt sich jedenfalls ganz so an und keineswegs fatalistisch. Sicherheitshalber füge ich hinzu, dass das keine Sache einer Wahl und schon gar nicht irgendjemandes Verdienst ist.
j

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2 Antworten zu Ramesh S. Balsekar: Vertrauen

  1. fredoo schreibt:

    Ich nenne es ein Bemerken der Hingabe an den Fluss der Ereignisse …

    Um es dezidierter auszudrücken … es ist keine (aktive) Hingabe im Sinne einer eingenommenen Haltung … es ist eher ein nachträgliches Bemerken „Mensch fredoo , da war ja gerade Hingabe“ … dieses Bemerken , dass diese „Hingabe“ aus sich selbst heraus bestens funktioniert , ganz ohne irgendein „sich etwas vornehmen“ … tja … das schafft Vertrauen ( in die eigenen Automatismen ) … gewissermassen bemerkt man (vertrauensvoll) dass da alles (eigentlich) immer bestens funktioniert … völlig egal ob das , was gerade erscheint , angenehm oder unangenehm ist …
    Irgendwie hat sich da der Fokus von der Form der Erscheinungswelle hin zur „gemütlich/vertrauensvollen“ Freude an der Dynamik des Erscheinungsflusses verschoben …

    Wie war das in meinem Lieblingsbuch , der „Siddharta“ des Herman Hesse , als er nach Jahren der Suche seinen „Guru“ fand ?
    Es war der Fluss , der … einfach nur (zu seiner stillen Freude) … floss !

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  2. zenpunito schreibt:

    Mein Fazit : “ Egal , was auch geschieht – es geschieht einfach ! “
    Punito

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