Huang-po: Existenz, die keine ist, Nichtexistenz, die existiert


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Das ganze sichtbare Weltall ist Buddha, so auch alle Klänge. Halte an einem Prinzip fest, dann sind alle anderen identisch.

Siehst du ein Ding, dann siehst du alles. Gewahrst du den Geist eines Individuums, gewahrst du den gesamten Geist. Fällt dein Blick auf einen Weg, sind alle Wege in deiner Schau enthalten, denn es gibt nichts, das abseits des Weges wäre. Wenn dein Blick auf ein Staubkörnchen fällt, ist das Gesehene identisch mit sämtlichen riesigen Weltsystemen mit ihren großen Flüssen und gewaltigen Bergen. Einen Tropfen Wasser ansehen bedeutet, das Wesen allen Wassers im Weltall zu sehen. Derart die Gesamtheit aller Erscheinungen anzusehen heißt, die Gesamtheit des Geistes anzusehen.

Alle diese Erscheinungen sind von Anbeginn leer, und doch ist der Geist, mit dem sie identisch sind, nicht reines Nichts. Hiermit meine ich, dass er existiert, aber in einer Weise, die zu wunderbar ist, als dass wir sie erfassen könnten. Es ist eine Existenz, die keine ist, eine Nichtexistenz, die dennoch existiert. So existiert diese wahre Leere auf eine wunderbare Weise.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

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„Hiermit meine ich, dass er [der Geist] existiert, aber in einer Weise, die zu wunderbar ist, als dass wir sie erfassen könnten. Es ist eine Existenz, die keine ist, eine Nichtexistenz, die dennoch existiert.“ Boahh, das gefällt mir. Irgendwie musste ich als alter Kelte, der von Kelten keine Ahnung hat, an die Anderwelt denken, von der ich auch nicht die geringste Ahnung habe. Ich musste an eine Nebellandschaft denken. „Eine Existenz, die keine ist, eine Nichtexistenz, die dennoch existiert.“ Nicht zu fassen, nichts zu begreifen, nicht zu beschreiben … und doch irgendwie vollkommen gegenwärtig. „Kann doch jeder behaupten“, hör ich diejenigen unken, die sich nur mit nachweisbaren Fakten zufrieden geben. „Alles Einbildung und mysteriöses Geschwalle.“ Nicht einmal darauf hätte ich eine Antwort, hätte auch gar keine Lust zu antworten.  Mich interessiert nicht, was irgendein Naturwissenschaftler davon hält oder von mir aus auch ein Psychiater oder sonst ein Bescheid-Wisser. Das ist das Schöne, wenn man ein alter Sack geworden ist, dass einen das immer weniger interessiert, was andere davon halten. Der Vergleich mit der Anderwelt hinkt wahrscheinlich total, aber was soll’s? Ich behaupte ja nicht einmal, dass mir das meine Ahnen zugewispert haben. Vermutlich ist sowieso jeder Vergleich idiotisch – so wie jedes Wort.

„Das ganze sichtbare Weltall ist Buddha“, sagt Huang-po. Wie verrückt ist es da, auch ein Buddha werden zu wollen. Aber um das sagen zu können, was Huang-po da sagt, muss man erst mal da sein, wo er ist. Aber wie kommt man dahin? Gar nicht kommt man da hin. Wohin denn und wer denn? Und wieder gibt es nur diese bescheuerten Antworten: „Eine Existenz, die keine ist, eine Nichtexistenz, die dennoch existiert.“ Und „Alle diese Erscheinungen sind von Anbeginn leer, und doch ist der Geist, mit dem sie identisch sind, nicht reines Nichts.“ Leer aber nicht Nichts. Mein armer alter Vater: Mit seinem juristisch verbildeten Verstand versuchte er immer zu begreifen, als ob das je gelingen könnte. Er ahnte, dass da etwas ist, das er mit seinem Verstand nicht erreichen konnte, und konnte doch nicht von seinem Verstand lassen.  Das machte ihn ganz verrückt und verzweifelt und steigerte nur seine panische Angst vor dem unbegreiflichen Tod. Ich genieße jedes Wort von diesem Huang-po. Meinem Vater hätte es noch den Rest gegeben. Das ist halt der Vorteil, wenn man wie Puh, dem Bären, von sehr geringem Verstand ist.

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