Dschuang Dsï: Die Gaben des Himmels und die Logik


tHui Dsï wandte sich an Dschuang Dsï und sprach: „Gibt es wirklich Menschen ohne menschliche Leidenschaften?“ Dschuang Dsï sprach: „Ja.“ Hui Dsï sprach: „Ein Mensch ohne Leidenschaften kann nicht als Mensch bezeichnet werden.“ Dschuang Dsï sprach: „Da ihm der ewige SINN des Himmels menschliche Gestalt verliehen, so muss er doch als Mensch bezeichnet werden können.“ Hui Dsï sprach: „Wenn ich ihn einen Menschen nenne, so ist damit gesagt, dass er auch Leidenschaften hat.“

Dschuang Dsï sprach: „Diese Leidenschaften sind es nicht, die ich meine. Wenn ich sage, das einer ohne Leidenschaften ist, so meine ich damit, dass ein solcher Mensch nicht durch seine Zuneigungen und Abneigungen sein inneres Wesen schädigt. Er folgt in allen Dingen der Natur und sucht nicht sein Leben zu mehren.“ Hui Dsï sprach: „Wenn er nicht sein Leben zu mehren sucht, wie kann dann sein Wesen bestehen?“ Dschuang Dsï sprach: „Der ewige SINN des Himmels hat ihm seine Gestalt verliehen, und er schädigt nicht durch seine Zuneigungen und Abneigungen sein inneres Wesen. Aber Ihr beschäftigt Euren Geist mit Dingen, die außer ihm liegen und müht vergeblich Eure Lebenskräfte ab. Ihr lehnt Euch an einen Baum und stammelt Eure Sprüche; Ihr haltet die Zither in der Hand und schließt die Augen. Der Himmel hat Euch Euren Leib gegeben, und Ihr wisst nichts Besseres zu tun, als immer wieder Eure Spitzfindigkeiten herzuleiern.“

aus: Tschuang-tse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

kDa haben wir also eine Braut, die sich auf jeden Kerl stürzt und ihm schöne Augen macht, der irgendwie in ihrem Umfeld auftaucht, und wir haben einen Erwachten in seiner ganzen Erhabenheit, der die leidenschaftliche Braut keines Blickes würdigt. Für Hui Dsï ist dieser Erwachte kein menschliches Wesen mehr, weil er allem Anschein nach ohne irgendeine menschliche Leidenschaft ist. Auf dem Boden dieser Vorstellung argumentiert Hui Dsï. Dschuang Dsï setzt dagegen: Ob jemand ein menschliches Wesen ist, hängt nicht ab von der Tiefe seiner Erkenntnis, sondern von seiner menschlichen Gestalt. Ein Erwachter und ein Trunkenbold sind beide menschliche Wesen. Hui Dsï gibt sich durch dieses Argument nicht geschlagen, sondern beharrt auf seiner Sicht.

Dschuang Dsï klärt auf, was er unter Leidenschaften versteht: „Diese Leidenschaften sind es nicht, die ich meine. Wenn ich sage, das einer ohne Leidenschaften ist, so meine ich damit, dass ein solcher Mensch nicht durch seine Zuneigungen und Abneigungen sein inneres Wesen schädigt.“ Das ist aus meiner Sicht eine sehr wesentliche Aussage. Es geht Dschuang Dsï also gar nicht um das, was allgemein unter Leidenschaften verstanden wird, die gehören zum Menschsein ebenso dazu wie seine Gestalt. Es geht ihm ausschließlich um das innere Wesen und darum, ob es durch was auch immer Schaden nimmt oder nicht, gleichgültig ob durch sog. äußere oder innere Befindlichkeiten.

Kann ein Mensch wie beispielsweise Ikkyû Sôjun mit all seinen Leidenschaften und suizidalen Anwandlungen erwacht sein? Dschuang Dsï würde darauf vermutlich antworten: „Der Himmel hat Euch Euren Leib gegeben, und Ihr wisst nichts Besseres zu tun, als immer wieder Eure Spitzfindigkeiten herzuleiern.“ Die ganze Diskussion darüber, woran man einen Erwachten als einen Erwachten erkennen kann, wären für Dschuang Dsï wohl nichts als ignorante Spitzfindigkeiten gewesen. Es geht einfach nicht um irgendwelche überprüfbaren Merkmale. „Der ewige SINN des Himmels hat ihm seine Gestalt verliehen, und er schädigt nicht durch seine Zuneigungen und Abneigungen sein inneres Wesen.“ Der ewige SINN, was nicht bedeutet, dass diese Schädigung nicht permanent bedingt durch die Ignoranz menschlicher Wesen stattfindet: „Der Himmel hat Euch Euren Leib gegeben, und Ihr wisst nichts Besseres zu tun, als immer wieder Eure Spitzfindigkeiten herzuleiern.“
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6 Antworten zu Dschuang Dsï: Die Gaben des Himmels und die Logik

  1. fredoo schreibt:

    „schädigen“ kann nur die vorstellung , das da etwas „schädigen“ könnte …

    also nur die leidenschaft , die nicht , einfach so , erlebt wird , sondern mit dem schlechten gewissen einer vermuteten „beschädigung durch sie“ , könnte dann … „schädigen“ …

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  2. Marianne schreibt:

    Unser Leben hat sowohl eine universelle als auch eine persönliche Dimension.
    Beide müssen respektiert werden, wenn wir frei und glücklich sein wollen.           
    (Jack Kornfield)

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  3. Elwood schreibt:

    Wenn der unterscheidene Geist erwacht ist, vermute ich, das bei vielen schon das Gefühl der Unvollkommenheit, mit dem schlechten Gewissen und damit auch die Schädigung mit geliefert wird. so endwickeln sich viele leidenschaftliche Eigenschaften zum Zweck der Kompensation und auch damit keiner der anderen unvollkommenden Trottel merkt, was ich für ein unvollkommendes trotteliges Arschloch bin. Jetzt muss ich nur noch mein Respekt wiederfinden……
    Wird mir Mühe geben….

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  4. fredoo schreibt:

    heute ist es leidenschaft ( die leiden schafft ) …
    morgen ist es temperament ( das energie = wärme erlebbar macht ) …
    übermorgen ist es dynamik ( die lebendigkeit erfahrbar macht ) …

    ein und dasselbe in unterschiedlicher wertung …

    seltsam das …😉

    PS. : zu marianne …. ist es nicht so , dass nur der „frei und glücklich“ sein will , der sich unfrei und unglücklich dünkt ? … könnte es dann nicht eher sogar an dieser „selbsteinschätzung“ liegen , als an einem mangelnden respekt ? …. außerdem muss ( hihi ) ich unbedingt bemerken , dass mir ein „müssen“ in jedem zitat recht quer im hirne liegt …

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    • Marianne schreibt:

      zu deinem P.S., lieber Fredo0: Kann deine Kritik voll nachvollziehen, das Schwierige an dieser Formulierung war mir schon bewusst, als ich es hier postete …
      vielleicht sollte ich doch lieber meine eigenen Formulierungen verwenden.😉

      Für mich geht es beim heutigen Thema um das gegenseitige Durchdringen der „zwei Wahrheiten“, wie es im Buddhismus heißt, Karlfried Graf Dürckheim hat es den „doppelten Ursprung des Menschen genannt“.
      Wenn wir die „eine Wahrheit“ zugunsten der anderen aufgeben oder favorisieren, dann ergibt sich immer eine Schieflage, so oder so …

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    • Nitya schreibt:

      Um lesen zu können oder wenn ich lesen will, muss ich mir eine Brille auf die Nase setzen. So ist das nun mal bei den Konditionalsätzen. Müssen muss ich natürlich gar nix. Wenn ich mich weigere, irgendetwas zu lesen, muss ich auch keine Brille aufsetzen.

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