Karl Renz: Märchenstunde


kDie Gnostiker haben dieses Schlangensymbol, in dem der Kopf auf seinen eigenen Schwanz schaut. Und der Kopf denkt, dass der Schwanz eine andere Schlange ist. Sie fürchtet sich vor sich selbst, weil sich der Schwanz bewegt, der Kopf aber nicht. Und dann hat der Kopf Angst vor dem Schwanz. So wird das Ganze zur Märchenstunde. Dann will der Kopf seinen eigenen Schwanz kontrollieren – die andere Schlange. Dann fragt der Kopf, woher die Bewegung kommt. Du bist die Bewegung und fragst, woher die Bewegung kommt. Was für ein Gedanke!

Dein Schwanz bewegt sich und du fragst, warum sich der Schwanz bewegt? Und wer bewegt sich da? Kann ich das sein? Nein! Da ist augenblicklich Angst. Das kannst du nicht verhindern. Da sind Liebhaber und Geliebte in ihrer besten Form, weil es Liebe und Fürsorge gibt. Aus liebender Fürsorge wird hassende Liebe. Beide kommen gemeinsam. Lieben und Hassen kommen zusammen als eine Seite der … Fürsorge.

aus: Karl Renz, „Heaven And Hell“

sDie Schlange ist ein Symbol, die Geschichte vom Liebhaber und der Geliebten ist symbolisch – Raum genug, um zu spekulieren, zu assoziieren oder das Symbol einfach auf sich wirken zu lassen. Da ist die ganze Zeit die Rede von Zweien: Die Schlange und ihr Schwanz, die Bewegungslosigkeit und die Bewegung, der Liebhaber und die Geliebte, … Wer von außerhalb drauf schaut, sieht nur EINE Schlange und fragt sich, was das gerade für eine Märchenstunde sein soll. Schlechte Zeiten für Wortklauber, Rechthaber, Streithanseln und andere Philosophen. Es ist einfach nicht zu fassen

rNatürlich fällt mir da Rumi mit seinem zauberhaften Gedicht ein:

Es kam jemand zur Tür des Geliebten und klopfte.
Ein Stimme fragte: „Wer ist da?“ Er antwortete: „Ich bin es.“
Die Stimme sagte: „Hier ist kein Platz für mich und Dich.“
Die Tür wurde geschlossen.

Nach einem Jahr Einsamkeit und Entzug
kam der Mann wieder an die Tür des Geliebten.
Er klopfte.
Eine Stimme von drinnen fragte: „Wer ist da?“

Der Mann sagte: „Du bist es.“
Die Tür wurde für ihn geöffnet.

Oder spinnt der auch bloß, der Rumi? Aber das ist wahrlich kein Thema für einen Disput. Wer das vorhat, sollte es vielleicht wie der Mann in Rumis kleiner Geschichte machen: Ein Jahr Einsamkeit und Entzug. Dass er dann noch Lust zu einem Streitgespräch hat, ist allerdings eher unwahrscheinlich.

Falls ich das richtig verstanden habe, steht beim Karl der Kopf der Schlange für das Ego und der sich bewegende Schwanz für den Fluss der Dinge. Ein No-Thing jenseits von beiden Aspekten, in dem beide Aspekte vereint sind, wird in diesem Text nicht erwähnt, ist aber zwischen den Zeilen deutlich spürbar.

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Eine Antwort zu Karl Renz: Märchenstunde

  1. Elwood schreibt:

    Geliebter, Geliebte , Geliebtes
    Erst jetzt kann ich sehen wie groß du bist
    Wie unbedingt ist doch deine Liebe

    Sagtest niemals Worte über Anfang und Ende
    Nie sprachst du von Start und Ziel
    Mein Ankommen war niemals von Dir erwartet
    Denn ewiges Hiersein ist dein einzig‘ Zeitenmaß
    Doch musste ich hier weggehen, um zu verstehen

    Habe mich und dich verlassen, um mich wieder zu finden
    Habe mich und dich vergessen, um mich meiner
    Und auch deiner zu erinnern
    Bin gegangen auf meinen Wegen, zu meinen Zielen
    Bin gegangen bis zum bitteren Ende

    Dachte, ich muss
    Dachte, du willst
    Dachte, du mein Ziel liegst in der Ferne

    Wusste nichts von unser beider Freiheit
    Dass ich es bin, der sich Ziele sucht
    Wusste nichts von meinem ewigen Angekommen sein
    Wusste nichts von meinem ewigen Leben mit Dir

    aus: Rainer Sauer “Du und Ich II“

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