Steven Harrison: Kontakt des Unbegrenzten mit der Materie


tIn Momenten, in denen der Geist still wird, können wir die Richtung spüren, in die die Lebensdynamik uns treiben will. Wir sind in diesem Fluss. Dann, im nächsten Moment, nennen wir uns wieder eine Person, die innerhalb einer Welt bekannter Objekte lebt – ein Glas, ein Tisch. Tatsache ist, dass wir nicht wissen, wer oder was wir sind.

Wir können uns alle erdenklichen Namen geben. Oder aber wir können versuchen, aus diesem Fluss heraus zu sprechen. Wir stehen vor der Herausforderung, uns wieder mit dem Fluss des Lebens zu verbinden, aus diesem Fluss heraus zu leben und den Wechsel der Formen zuzulassen – der in dem liegt, was als Nächstes kommt. Transformation ist der Kontakt des Unbegrenzten mit der Materie.

Kreativität ist das, was übrig bleibt, wenn wir alles demontiert haben, was wir wissen oder was uns erzählt wurde. Was als Nächstes kommt, hat Bestand und drückt sich aus. Wie könnte das, was wir vielleicht gestern von diesem Meister oder aus jenem Buch heraus gelernt haben, uns bei dem helfen, was als Nächstes kommt?

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

 Es gibt Sätze, die man mal gehört hat, die bleiben auf seltsame Weise ein ganzes Leben an einem hängen. Da ist zum Beispiel der Satz meines Fahrlehrers: „Verkehr muss fließen.“ Auf dem Bild oben wollte anscheinend ein Fahrlehrer demonstrieren, wie das aussieht, wenn der Verkehr nicht mehr im Fluss ist. Er fuhr in einen anderen PKW rein und überschlug sich dabei. Na, da gab’s mal wieder was zu lachen. Verkehr muss fließen – mein Fahrlehrer kümmerte sich nicht sonderlich um Verkehrsregeln. Er latschte mir immer wieder mal aufs Gaspedal, wenn die Lücke zum PKW vor mir zu groß wurde und ich mich als Fahrschüler brav an die Geschwindigkeitsbeschränkungen zu halten versuchte. „Verkehrsregeln sind Anhaltspunkte“, sagte er. „Wer sich stur an sie hält, verursacht nur Staus. Wir müssen lernen, mit dem Verkehrsfluss mitzufließen.“ Ein sehr kluger Mann, hatte nur in all den Jahren für mich ein paar Strafzettel zur Folge, aber ich bin bisher noch niemandem reingefahren.

Steven unterscheidet zwei Zustände. Einmal nennen wir uns eine Person, die innerhalb einer Welt bekannter Objekte lebt – ein Glas, ein Tisch. Und dann wieder „können wir die Richtung spüren, in die die Lebensdynamik uns treiben will. Wir sind in diesem Fluss.“ Auf der Autobahn – den Langsameren überholen, dem Schnelleren Platzmachen, rechtzeitig Zeichen geben, damit die anderen sich daran orientieren können, plötzlichen Fahrbahnwechsel unterlassen, … Autofahren kann richtig Spaß machen, wenn, ja wenn nicht diese doofen Anderen wären, hi hi; es kann halt der Beste nicht in Frieden leben … aber auch das ist natürlich Teil des Lebensflusses und nicht außerhalb von ihm. Nichts ist außerhalb von ihm, nur wir nehmen ihn einmal als angenehm war, als ein Tanz, ein Fest, und dann wieder als nackte Katastrophe, wenn wir im Widerstand zu ihm sind.

aZukunft ausgemalt, Altersvorsorge stimmt, Lebensversicherung abgeschlossen, Kinderchen kommen wie geplant, …und plötzlich ist der Partner/die Partnerin weg. Es  gibt ja schließlich noch andere interessante Leute außer dir. Steven sagt: „Wir stehen vor der Herausforderung, uns wieder mit dem Fluss des Lebens zu verbinden, aus diesem Fluss heraus zu leben und den Wechsel der Formen zuzulassen – der in dem liegt, was als Nächstes kommt.“ Ich bin sicher, dass ihm viele Menschen in der geschilderten Situation für diesen Satz am liebsten die Fresse polieren würden. Aber wenn die erste Entrüstung abgeflaut ist – stimmt es denn nicht, was er da sagt? Partner weg, ist ja noch harmlos. Es könnte ja auch Krebs sein oder Krieg. Ganz plötzlich. Und der vorhergehende Zustand ist unwiederbringlich futsch. Oh, du lieber Augustin …
wUnd dann? Wie geh ich mit dem um, was als Nächstes kommt? Steven sagt:Wie könnte das, was wir vielleicht gestern von diesem Meister oder aus jenem Buch heraus gelernt haben, uns bei dem helfen, was als Nächstes kommt?“ Jemand wollte von mir mal wissen, wie er  mit seiner langjährigen Freundin nach langer Sex-Pause wieder ins Bett kommt. Als ob ich ihm das sagen könnte. Wenn ich mit meinem R4 mal eine Panne hatte, konnte ich mich ja immerhin mit meinem Buch „Wie helfe ich mir selbst“ schlau machen. Aber wenn mir ein anderer ins Auto knallt, ist es immer „das erste Mal“. Selbst wenn ich täglich einen Unfall hätte, wäre es jedes Mal das erste Mal. Alles ist immer das erste Mal. Jeder Augenblick. Auch der Tod.
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Eine Antwort zu Steven Harrison: Kontakt des Unbegrenzten mit der Materie

  1. alexandra schreibt:

    „Wir stehen vor der Herausforderung, uns wieder mit dem Fluss des Lebens zu verbinden, aus diesem Fluss heraus zu leben und den Wechsel der Formen zuzulassen – der in dem liegt, was als Nächstes kommt“. Stimmt. Aber auch Chor der Satz „nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt bei der Quelle an.“ Oder? Haben wir da nicht wieder das verflixte Tetralemma? Einen schönen Tag noch! Als Forelle oder Delfin oder was auch immer….

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