Alan Watts: Wesen in der Welt vs. Handlung von der Welt


wWie wir schon festgestellt haben, liegt der springende Punkt
[unserer Schwierigkeiten] in der sich selbst widersprechenden Definition des Menschen als eines isolierten und unabhängigen Wesens in der Welt, im Unterschied zu einer speziellen Handlung von dieser Welt. Ein Teil unserer Schwierigkeiten rührt daher, dass die zweite dieser beiden Ansichten uns zu Marionetten schrumpfen lässt, doch das kommt wiederum daher, dass wir bei dem Versuch, die zuletzt genannte Ansicht zu akzeptieren oder zu verstehen, immer noch unter dem Einfluss der ersten Ansicht stehen. Wenn man sagt, der Mensch sei eine Handlung der Welt, dann heißt das nicht, dass man ihn als ein „Ding“ definiert, das von all den anderen „Dingen“ hilflos herumgestoßen wird.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

pDas ist ja mal wieder so ein Tetralemma-Leckerbissen. Das Thema lädt förmlich dazu ein, Position zu beziehen und diese bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Der eine behauptet dies, der andere das Gegenteil. Bin ich ein isoliertes und unabhängiges Wesen in der Welt oder bin ich „eine Handlung der Welt“? Nebenbei, Jesus hatte ja noch eine andere Version auf Lager: Ihr seid in der Welt und nicht von der Welt. „In der Welt“ scheint ziemlich klar zu sein, aber „ich bin eine Handlung der Welt“, was könnte Alan Watts darunter verstehen? Ich hab da oben das Bild mit den Fingerpuppen gebastelt. Einmal stehen sie für sich (zwischen der Prinzessin und dem Räuber scheint da irgendwas zu laufen) und sie machen einfach ihr Ding. Die anderen Fingerpuppen stecken auf den Fingern. Auch der Zauberer auf dem Daumen scheint sich zu bewegen, aber in Wahrheit bewegt sich nur der Daumen und der Zauberer wird, ob er will oder nicht, mitbewegt.

Diese kleine Darstellung veranschaulicht vielleicht ein bisschen die Aussage von Alan Watts: „Ein Teil unserer Schwierigkeiten rührt daher, dass die zweite dieser beiden Ansichten uns zu Marionetten schrumpfen lässt, doch das kommt wiederum daher, dass wir bei dem Versuch, die zuletzt genannte Ansicht zu akzeptieren oder zu verstehen, immer noch unter dem Einfluss der ersten Ansicht stehen.“ So ist das mit diesen Entweder-Oder-Vorstellungen. Sie führen nur zu Religionskriegen und Rechthaberei. Auch hier im Blog könnt ihr immer wieder beobachten, dass es bisweilen Wissende zu geben scheint. So tickt unser Mind eben und es wäre gut das zu wissen und ein Auge auf ihn zu haben. Eine andere Haltung wäre die der Offenheit. Alles könnte möglich sein, könnte sogar gleichzeitig möglich sein, auch wenn es sich gegenseitig auszuschließen schiene.

Aber würde das einen nicht völlig handlungsunfähig machen, höre ich schon den einen oder anderen fragen? Auch hinter dieser Frage steht unausgesprochen die Vorstellung vom Menschen als einem isolierten und unabhängigen Wesens in der Welt. Auch die Vorstellung, dass ich so etwas wie eine Fingerpuppe bin, die von der Hand im Hintergrund bewegt wird, ist nichts als eine Vorstellung. Ich bin das eine, ich bin das andere und beides zugleich und weder das eine noch das andere – das steht für vollkommene Offenheit und wenn man die ist, kann man locker das blöde Tetralemma vergessen, denn das ist auch nur eine Vorstellung.
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6 Antworten zu Alan Watts: Wesen in der Welt vs. Handlung von der Welt

  1. Bernhard schreibt:

    jede Frage geht von einer „bestimmten Sicht der Dinge“ aus.
    Falls die Frage nicht zu beantworten ist,
    liegt es möglicherweise an der „bestimmten Sicht der Dinge“.
    Möglicherweise ist sie unwirklich…

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  2. Eno Silla schreibt:

    „…das steht für vollkommene Offenheit und wenn man die ist, kann man locker das blöde Tetralemma vergessen, denn das ist auch nur eine Vorstellung.“

    Wenn man diese vollkommene Offenheit ist, dann ist man sie ja sogleich auch nicht, sowohl als auch, weder noch. Also ist es nicht möglich das Tetralemma zu vergessen oder doch, sowohl als auch, weder noch… Der Tanz endet nie! (Oder doch, sowohl als auch, weder noch: aaaaaaaaaaarrrrrrgggggggghhhhhhhhhhhh).

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  3. ananda75 schreibt:

    Ich mag ja penetrant wirken, aber ich halte Stille nach wie vor für das beste Lösungs-Mittel🙂

    Im still werden wird der Raum in uns größer als der um uns herum
    und irgendwie – ja, ich bleib bei „irgendwie“ weil ich nicht wissen muss, wie – Alles Eins
    Ich, Nicht-Ich, der Raum, der Handelnde, der Tanz… etcpp…
    Keine Fragen, nur Antworten, die man nicht wirklich Antworten nennen kann, weil sie einfach sind
    Keine Probleme, nur Lösungen, die man nicht wirklich Lösungen nennen kann, weil sie ja nichts lösen müssen
    Was aber vollkommen egal ist🙂 das ist ja das Schöne an der Sache🙂

    Lieben Gruß ❤

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