Liä Dsi: Nachhaltigkeit

 

cDer Alte vom Fuchsberg (Hukiu) redete zu Sun Schu Au und sprach: „Drei Dinge sind es, denen die Menschen gram sind. Kennt ihr sie wohl?“ Sun Schu Au sprach: „Wie heißen sie?“ Er erwiderte: „Hohen Rang beneiden die Menschen; großes Amt wird von Fürsten gehasst; reiches Gehalt zieht Unwillen auf sich.“ Su Schu Au sprach: „Je höher mein Rang ist, desto demütiger bin ich in meinem Herzen; je größer mein Amt ist, desto kleiner bin ich in meinen Gefühlen; je reicher mein Einkommen ist, desto mehr gebe ich Almosen. Kann man nicht dadurch dem dreifachen Groll entgehen?“

Als Sun Schu Au auf den Tod krank war, da ermahnte er seinen Sohn und sprach: „Der König wollte mich oft belehnen, aber ich habe es nicht angenommen. Weil ich nun sterbe, wird der König dich belehnen. Nimm keinesfalls ein reiches Land an! Zwischen Tschu und Yüo ist der Berg der Entschlafenen (Tsin Kiu). Dies Land ist nicht reich, und sein Name ist den Leuten anstößig. Die Leute von Tschu fürchten sich vor den Gespenstern, und die Leute von Yüo suchen nur nach Namen von guter Vorbedeutung.  Darum ist gerade dieser Platz einer, den man lange im Besitz behalten kann.“

Als Sun Schu Au gestorben war, da wollte wirklich der König seinen Sohn mit einem schönen Land belehnen. Der Sohn weigerte sich es anzunehmen und bat um den Berg der Entschlafenen. Er erhielt ihn, und bis auf den heutigen Tag hat das Geschlecht ihn nicht verloren.

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

bIch muss mal wieder zurück in die „Niederungen“ menschlichen Daseins, bevor ihr alle völlig abhebt. Hans Carl von Carlowitz, 1645-1714, Oberberghauptmann des Erzgebirges, soll als Erster, hier für die Forstwirtschaft, das Prinzip der Nachhaltigkeit beschrieben haben: „Wird derhalben die größte Kunst/Wissenschaft/Fleiß und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag.“ Wikipedia definiert Nachhaltigkeit mit den Worten: „Nachhaltigkeit ist ein Handlungsprinzip zur Ressourcen-Nutzung, bei dem die Bewahrung der wesentlichen Eigenschaften, der Stabilität und der natürlichen Regenerationsfähigkeit des jeweiligen Systems im Vordergrund steht.“ Würde Hans Carl von Clausewitz heute den Zustand der Erde betrachten, würde ihn wohl auf der Stelle der Schlag treffen. Das Prinzip der Nachhaltigkeit hat nichts mit Moralvorstellungen zu tun, sondern mehr mit einer nüchternen, realistischen Haltung. Es gibt den Spruch: „Wenn du Milch haben willst, musst du die Kuh füttern.“ Könnte von einem ollen Chinesen stammen.

Liä Dsi war also einer dieser ollen Chinesen. Die haben sich auch um ganz irdische Dinge gekümmert. Wenn jemand etwa aus der Idee, dass nur das Jetzt existieren würde, schließt, dass er sich nicht mehr um das Morgen kümmern müsse, kann er zu seinem Missvergnügen feststellen, dass es in diesem akausalen Universum möglicherweise doch so etwas wie Kausalität zu geben scheint. Matthäus lässt Jesus sagen: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“ Hans Carl von Carlowitz und unser Liä Dsi hätten da wohl Einwände geltend gemacht. Und wie ihr u.a. an der Geschichte mit dem Kamel sehen könnt, für das Gott deine Hände braucht um es festbinden zu können, standen die beiden mit ihren Einwänden nicht alleine da.

Man könnte aus der Geschichte von Liä Dsi den Schluss ziehen, dass Bescheidenheit eine gottwohlgefällige Tugend sei. Ich vermute jedoch, dass Liä Dsi es nicht unbedingt mit irgendeinem Gott zu tun haben wollte, sondern dass er einfach nur ein nüchterner Betrachter der menschlichen Psyche und der Kausalität war: Wer mit was auch immer glaubt, unbedingt herumprotzen zu müssen, macht sich keine Freunde, lebt nicht in Harmonie mit seinen Nachbarn, und das bedeutet früher oder später für ihn, dass er Ärger bekommen wird.  Oder: Wer ständig seinen Wald abholzt, ohne ihn wieder aufzuforsten, muss sich nicht wundern, wenn es bald keine Bäume mehr gibt. Oder: Wenn ein Hamster nicht vorsorgt, hat er im Winter schlechte Karten. Aber das sind natürlich alles nur mögliche Folgen, Folgen, die sogar wahrscheinlich zu beobachten sein werden. Eine Garantie dafür, dass es so kommen wird, gibt es allerdings nicht. Es kann auch ganz anders kommen und für Desillusionierung ist allzeit bestens gesorgt, sind halt alles nur Spekulationen. Den alten Taoisten schien es irgendwie immer wichtig zu sein, auf solche simplen Binsenweisheiten hinzuweisen: Tue dein Bestes und halte das Schlimmste für möglich.

sg

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