Jean Klein: Die Struktur von Freude und Schmerz


kDie Person existiert nur innerhalb der Struktur aus Schmerz und Freude. Das Ego erhält sich selbst aufrecht, indem es für immer das eine sucht und vor dem anderen wegläuft. Es lebt in ständiger Wahl, in ständiger Absicht. Die erste Einsicht zeigt uns, dass es aller Intention und aller Wille ist, dem Leid zu entkommen, das man sich durch das illusionäre Ego zugezogen hat. Erreichen-Wollen und Ehrgeiz sind eine nutzlose Projektion von Energie. Das Objekt selbst beinhaltet weder Leid noch Freude, die vollkommen von der Person dahinter abhängig sind. Unsere Unfähigkeit, alle Elemente einer Situation einfach als Gegebenheiten anzusehen, mit anderen Worten, die Situation zu akzeptieren, ist eine Folge des Wählens, das von der illusionären Persönlichkeit ausgeht. Wir leiden, aber Leiden und Schmerz sind starke Hinweise, die uns einladen zu untersuchen, wer leidet.

Mit der tiefen Sehnsucht, diese Frage zu stellen, verschiebt sich der Akzent vom Wahrgenommenen zum ultimativ Wahrnehmenden, dessen Natur Freude jenseits von Freude und seiner Abwesenheit ist. Auf diese Weise können wir sagen, dass Leid zu Freude führt.

aus: Jean Klein, „Nichts als Gegenwart“
t„Mit der tiefen Sehnsucht, diese Frage [wer leidet?] zu stellen, verschiebt sich der Akzent vom Wahrgenommenen zum ultimativ Wahrnehmenden, dessen Natur Freude jenseits von Freude und seiner Abwesenheit ist.“ Was tun, wenn diese tiefe Sehnsucht sich einfach nicht einstellen will? Ist es verkehrt, wenn ich es einfach nur gut haben will und es absolut nicht abkann, wenn mir das Schicksal oder wer auch immer, in die Suppe spuckt – etwa, dass ich morgens sehen muss, dass mir der Kaffee ausgegangen ist? Also irgendwie ist mir das alles zu lehrbuchhaft, zu trocken, zu ernst. Ich muss  da gleich an meinen geliebten Ikkyû denken. Neuerdings überlegt sich erfreulicherweise auch der Fredo, dem Ikkyû-Fanclub beizutreten. Also dem Ikkyû war nun wirklich nichts Menschliches fremd.

e„Die Person existiert nur innerhalb der Struktur aus Schmerz und Freude“,  sagt der Jean Klein. Na und, möchte ich sagen, lass doch um Gottes willen auch die Person existieren! Sie ist, sie ist nicht, sowohl als auch und weder noch und überhaupt …. lass sie doch einfach sein, wie immer sie gerade ist! Am Montag zitierte Brigitte Kodo Sawaki u.a. mit den Worten: „In Wirklichkeit gibt es weder Glück noch Unglück, weder Freude noch Leid. Nichts muss auf irgendeine bestimmte Weise sein; alles ist gut, so wie es gerade kommt. Nur die Menschen machen ein großes Theater darum.“ Noch so’n Lehrbuchsatz. Und ich stelle dem diesen Satz aus Enos Ikkyû-Zitat entgegen: „Bin achtzig und schwach, scheiße und bringe dies Buddha dar.“ Das ist spirituell höchst unkorrekt. Ich merke immer wieder, dass ich meine zigste Trotzphase noch nicht überwunden habe. Alles, was nach Schule riecht und Korrektheit ist des Teufels und schreit nach seiner Austreibung mit dem Weihwasserwedel. Ikkyû macht gern großes Theater, Shakespeare macht gern großes Theater (wieso fällt der mir grad ein?): „All the worlds a stage, and all men and women merely players.“ Also, lieber Jean Klein, lieber Kodo Sawaki, … gönnt uns doch’n bisschen Theater! Zum Hosianna-Singen haben wir noch die ganze Ewigkeit und niemand hindert uns daran, das auch jetzt schon in diesem verrückten Theater zu tun.

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13 Antworten zu Jean Klein: Die Struktur von Freude und Schmerz

  1. Brigitte schreibt:

    Herrlich! „Korrekt“ – was für eine Watschn, „inkorrekt“ – was für eine Liebeserklärung vum ollen Trotzkopf Nitya, moi herzgebobbeldi Dreckschipp..😉. Den Kodo find ich trotzdem klasse.

    abgekämpft vom freudentaumel halte ich mein weib
    der schmale pfad der askese ist nicht der meine
    mich drängt es entgegengesetzt
    über zen zu plaudern ist allzu schlicht – ich halte meinen mund
    und belasse es den ganzen tag beim liebesspiel
    (Ikkyû Sôjun)

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  2. Eno Silla schreibt:

    der ganz gewöhnliche mensch eno, ist wieder auferstanden (ja, lieber nitya, wieder da). aufgestanden aus des bettes wohliger wärme. gestern noch erbärmlich geschwitzt, heute schon des herbstes kälte in den knochen, nur so am rande bemerkt.
    der tiefschlaf erscheint mir, dem jetzt auferstandenen, ja immer zu kurz, gäbe es eine wahl, ich würde dieses programm eno einfach abstellen, wieso nicht, merkt doch keiner🙂 . selbst der schlaftraum hat eine „struktur von freude und schmerz“. und dann erst dieser so wirklich wirklich wirkende traum, den wir gelernt haben wachsein zu nennen.

    so, wo waren wir stehengeblieben? da kam doch ein anruf und hat mich aus dem schreibfluß gerissen. und nun ist alles weg…

    ach ja, so sollte es weitergehen:

    dabei kann ich mich überhaupt nicht beklagen, die schmerzen halten sich in grenzen, die anforderungen der welt sind gut händelbar und ich habe reichlich muße die wolken, den himmel und die wuselige lebendigkeit um mich herum zu betrachten. also dem eno gehts gut! es ist auch herrlich entspannend, wenn die großen gefühle, die großen höhepunkte und das streben danach nicht mehr sind. klasse hier in der wohligen mitte. jeder höhepunkt in enos leben hatte ja seinen preis, vor allem in leidenschaftlichen beziehungen. meistens gings genauso tief bergab, wie es in die höhe ging. das war schon überaus anstrengend, diese achterbahnfahrt. aber laberrabarber, worauf will ich eigentlich hinaus? die struktur von schmerz und freude ist einfach lebendigkeit und die ist wunderbar, solange der film läuft, endet er (falls er denn endet, ich hab keine ahnung) dann, was solls, niemand wird ihn vermissen. in der zen wahrheit des heutigen tages fand ich eine wunderschöne wortkombination:

    „Unser Leben ist flüchtig wie der Widerschein des Mondes im
    Wassertropfen, der vom Schnabel eines Reihers fällt.“

    Dogen

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    • Brigitte schreibt:

      Lieber Eno,
      als mir zum ersten Mal so langsam gedämmert ist, dass dieser (Lebens)Traum nie angefangen hat und somit nie enden kann (flüchtig hin oder her), bin ich sowas von erschrocken. Ich dachte, wenn das wahr ist, na dann Prost Mahlzeit😉 Aber, wat willste machen. Es kommt wie’s kommt und so geht’s auch wieder. Was für ein Segen, nix zu wissen.

      Freut mich, dass es dem Menschlein Eno soweit gut geht. Der Baum ist ja der Hammer. Ist der so gewachsen oder wurde dran gebastelt? Jedenfalls erkenne ich mich wieder😉

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      • Eno Silla schreibt:

        Liebe Brigitte,
        nie anfangend, nie endend – kann schon erschrecken, aber was wissen wir schon…
        Ja, wat willste machen? Einfach weiter, immer weiter – nirgendwohin!
        Der Baum ist klasse, ja! Und nein, es wurde nicht an ihm herumgearbeitet. Ich kannte ihn schon, als noch etwas mehr Leben in ihm war, aber jetzt im Zerfallen ist er wunderschön…
        Hier noch ein Bildchen am Montag aufgenommen:

        Sei herzlich gegrüßt du Baumwesen🙂 Brigitte.

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      • Brigitte schreibt:

        *lach* weißte, dieses „Wiederkennen“ in diesem „Baumwesen“, das, was es ausmacht, diese pure Lebendigkeit und darin diese zeitlose Schönheit… das was im Grunde gar nicht fassbar ist und doch irgendwie durchscheinend… ja, das meinte ich… und dann diese Ernüchterung, worin sich all das wieder in Wohlgefallen auflöst… Ich weiß auch nicht, aber diese reine Nüchternheit lieb ich fast noch mehr😉 Danke für die tollen Fotos.

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  3. ananda75 schreibt:

    Ich möcht mal was erzählen – einfach so – hat auch nix mit heute zu tun – kommt mir immer wieder in den Kopf in deinem Blog.
    Ich kannte mal eine Frau, die hieß Satya (auch von Osho, der aber damals noch nicht Osho hieß)
    Sie war sehr speziell.
    Immer ein wenig unterernährt, leise, unauffällig, bescheiden.
    Ich weiß nicht, ob sie jemals was gearbeitet hat, aber man sah ihr auf den ersten Blick an, dass sie – auch gar nicht mehr jung – wohl kaum arbeitsfähig war.
    Sie lebte von dem, was man ihr gab.
    Sie war einfach da.
    Saß in der Bar rum, bekam mal hier was und mal was da.
    Und sie war der Spiegel der Wahrheit der Menschen.
    Wie gaben sie sich?
    Was gaben sie vor zu sein ?
    Und dann –
    Wie reagierten sie auf Satya ?
    Die einfach war.

    Ich hab keine Ahnung, ob es sie noch gibt.
    Oder wer noch an sie denkt.
    Ich werd sie wohl nie vergessen.
    Nicht gut, nicht schlecht – Satya halt🙂

    und hab jetzt mal deinen Blog genutzt, lieber Nitya, ihr ein kleines Denkmal zu setzen
    passt bei dir irgendwie besser als bei mir😉

    Lieben Dank und Gruß ❤

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