Leo Hartong: der Spiegel, der du bist


sEs gibt immer Raum für alles Mögliche. Damit sich eine Wahl zeigen kann, bedarf es allerdings ebenso wenig eines „Ichs“, wie um das Denken und alles andere zu bewerkstelligen. Gedanken steigen frei auf, ebenso Empfindungen und Wahlmöglichkeiten.

Das Gewahrsein-Das-Du-Bist, dass das Lesen dieser Worte „weiß“, weiß auch um die Wahlmöglichkeiten, die sich zeigen. Das „Ich“, das angeblich die Wahl trifft, kann ohne Gedanken nicht angetroffen werden. Deshalb ist es nichts anderes als ein Gedanke. In gewisser Weise ist Gewahrsein immer wahllos. Weder wählt es noch vermeidet es, was ihm erscheint. Alles – einschließlich der Wahl – wird auf die Weise registriert, wie ein sauberer Spiegel registriert, was vor ihm erscheint. Das scheinbare „Ich“ ist nichts als eine Reflexion in dem Spiegel, der du bist.

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Die Wildgänse haben nicht vor,
ihre Spiegelung zu werfen.
Das Wasser hat keinen Geist,
um ihr Bild zu empfangen.

Zenrin Kushu

aus: Leo Hartong, „Betrachtungen vom Spielfeldrand“

Nehme ich die bekannten Zeilen des Zenrin Kushu, dann geht es da um das Thema Absicht, weniger um das Thema Gewahrsein. Da werden zwei Entitäten benannt, die Wildgänse und das Wasser, die ohne jede Absicht bzw. Fähigkeit sind, zu senden bzw. zu empfangen. Im Spiegel sind Wildgänse und See nur Erscheinungen, die „vor“ ihm auftauchen. Die ganze Geschichte darf eh nicht wörtlich genommen werden, sonst entstehen schon wieder Vorstellungen, die alles verfälschen. Wird es wörtlich genommen, dann sind da zwei Entitäten entstanden, die einander gegenüberstehen und sich gegenseitig reflektieren: Spiegel und auftauchende Erscheinung. Das sind zwei und die Frage ist, ob das wahr ist. Also hoffentlich ist und bleibt es eine Frage. Das „Nicht-Zwei“ des Advaita sollte schließlich nicht immer wieder einfach nur nachgeplappert werden.

mLeo unterscheidet zwischen dem scheinbaren und dem wirklichen Ich. Ich bin der Spiegel, der nichts anderes ist als das Gewahrsein-Das-Ich-Bin. Fredo merkte kürzlich an: „Ich nähere mich sprachlich mittlerweile ungern diesem ‚ich bin‘ … das ohnehin zumindest ‚ich BIN‘ formuliert werden müsste.“ Und er ergänzte:  „Ein staunendes Bewundern der Ewigkeit … bemerkbar durch mich … und im Bemerken dieses ‚mich‘ verlierend … oder so ähnlich …“ Ein Spiegel kennt kein „ich bin“, groß oder klein geschrieben. Kennt er eine Trennung zwischen Gespiegeltem und Spiegel, also zwischen „sich“ und dem „anderen“? Ich würde sagen, dass er nicht einmal im Bemerken dieses „mich“ verliert, da dieses „mich“ nie existierte. Gewahrsein kennt kein „mich“, kennt ICH BIN oder was auch immer. Die Pappnase oben im Spiegel und der Spiegel sind unmöglich zwei Entitäten, sie sind im jeweiligen Augenblick keine zwei getrennte Entitäten, sondern schlicht nicht-zwei. Unser Denken sagt: Der Spiegel bleibt immer unverändert, während das Spiegelbild sich ständig verändert. Das ist eine mögliche Sicht, eine andere ist: Spiegel und Spiegelbild waren von Augenblick zu Augenblick ein einziges Fließen von Veränderung zu Veränderung und nie getrennt.
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5 Antworten zu Leo Hartong: der Spiegel, der du bist

  1. Brigitte schreibt:

    ui…was mir grad so durch den Kopf geht und einfach mal ins Blaue gefragt…

    Wie zeigt es sich eigentlich, ob dieses sog. „Ich“(Person-Köper-Geist-Trallala) oder diese „Ich-bin- jemand-niemand-Empfindung“ tatsächlich und unwiderruflich ins Nirwana eingegangen ist? Und sich nicht doch wieder durch die Hintertür einschleicht und unmerklich sein Schattendasein munter fortführt?

    Genügt es wirklich, dass diese geglaubte Ich-Instanz (und deren leidvolle Auswirkungen) als nicht vorhandene Täuschung ein für alle Mal durchschaut wird? Oder ist es notwendig, diesem „Ich“ zu sterben und diese dem Anschein nach vorhandene autonome Entität (Trennung von Gott und Welt) zu transzendieren? Und, wie kann etwas, was nicht wirklich vorhanden ist, transzendieren (und so der Traum von Ich und Du, Ich und die Welt aufgehoben werden)?

    Ich meine, wie relevant ist das an sich, ohne dass es eine Rolle spielt?

    Fragen über Fragen an diesem wunderschönen Morgen…:)

    Manche derer vom Traum Erwachten sprechen ja auch von einem Prozess, der dem „Erwachen“ vorausgeht und einer Art Vertiefung ohne Ende, die dem Erwachen folgt … hmm… keine Ahnung… Ist das so?

    Müssen alle diese Vorstellungen und Ideen fallen oder nicht, damit das Eine ohne Zweites zweifelsfrei „entdeckt“ und „es“ als all-durchdringend und als das-was-bereits-so-ist, von allem unberührt und frei in sich, offensichtlich ist und unmittelbar „bemerkt“ werden kann? Vielleicht lösen sich all diese Fragen ja in Luft auf und „es“ darf sich einfach leben, so wie es sich grad lebt, ohne daraus ein Ding zu machen …

    Wie seht ihr das so?

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  2. Nitya schreibt:

    „Vielleicht lösen sich all diese Fragen ja in Luft auf und ‚es‘ darf sich einfach leben, so wie es sich grad lebt, ohne daraus ein Ding zu machen … “

    Liebe Brigitte, das gefällt mir. Gefällt mr auch wenn sich nichts in Luft auflöst. Dürfen doch auftauchen die Fragen. Und „es“ braucht niemandes Erlaubnis sich einfach leben zu dürfen. Geschieht doch schon die ganze Zeit. Geschieht auch, wenn ein Ding daraus gemacht wird.

    „Es“ lebt. „Es“ ist einfach nicht tot zu kriegen. Yippie!

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    • Brigitte schreibt:

      yep …

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    • Elwood schreibt:

      „„es“ braucht niemandes Erlaubnis sich einfach leben zu dürfen“

      Der Richter schweigt….
      obwohl er die ganze Zeit plappert wie eh und je..
      alle Dinge geschehen allemal….
      trotz es immer nach Befreiung ruft…
      bleibt von Befreiung nur das Wort….
      so wie der Hahn auf den Misthaufen kräht…
      so zieht es mich….
      immer nach vorn…
      in 10 000 Richtungen…
      nichts von not-wendig….
      den Rucksack ablegen..
      den Rucksack wieder aufnehmen…
      Freiheit innerhalb der alltäglichen Begrenzungen…
      Stille…

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  3. Alexandra schreibt:

    Ich erlebe beides. Es lebt sich immer mehr wie es sich grad lebt (und irgendwie freier, wovon weiß ich aber auch nicht) und trotzdem sind da Fragen über Fragen, auf die Antworten mehr oder weniger unmöglich sind. Wenn ich dann irgendwas lese (wie z.B. jeden Morgen die Beiträge in diesem wundervollen Blog), bleibt meistens nix hängen. Aber dann fällt mir ein, dass dieses Lesen eher ein Prozess ist, durch den die Schale gespült wird, also eher um noch leerer zu werden… http://www.gif-paradies.de/gifs/smilies/2d_denkend/denkend_smilie_0007.gif

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