Linji: Sein oder Nicht-Sein, das ist hier die Frage


fSchüler des Weges, der wahre Buddha hat keine Figur, der wahre Dharma hat keine Form. Ihr erfindet bloß Muster und schafft Modelle in euren Gedanken, indem ihr phantomhafte Wandlungen vollzieht. Selbst wenn ihr etwas daraus gewinnen könntet, wäre es bloß ein wilder Fuchsgeist.

Wahre Schüler des Weges suchen nicht nach Buddhas und erkennen weder Bodhisattvas noch Arhats an. Es interessiert sie nicht, etwas Besonderes in den drei Daseinsbereichen zu erlangen. All dies transzendieren sie. Allein und befreit haben sie mit den anderen nichts zu tun. Selbst wenn sich Erde und Himmel auf den Kopf stellten, hätte ich nicht den leisesten Zweifel. Selbst wenn alle Buddhas aus den zehn Richtungen auftauchten, wäre mein Geist nicht vor Freude erregt. Selbst wenn die drei Höllen plötzlich erschienen, hätte ich nicht ein bisschen Angst.

Warum ist das so? Wie ich sehe, sind alle Phänomene leere Formen. Geschieht Wandlung, dann ist da Sein. Geschieht keine Wandlung, ist da Nicht-Sein.

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“

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Gestern stellte Marianne die Frage: „Woran erkennen wir, ob eine(r) glaubt, was sie (er) von sich gibt?“ Linji: „Schüler des Weges, der wahre Buddha hat keine Figur, der wahre Dharma hat keine Form. Ihr erfindet bloß Muster und schafft Modelle in euren Gedanken, indem ihr phantomhafte Wandlungen vollzieht.“ Geglaubt kann immer nur werden einem Objekt. Nachdem der wahre Buddha keine Figur und der wahre Dharma keine Form haben, also nichts Objekthaftes sind, also nichts, woran geglaubt werden könnte, bleiben nur phantomhafte, gedankliche Muster und Modelle, denen geglaubt werden kann. Woran erkennen wir – dieses „wir“ ist ja bereits ein phantomhaftes, gedankliches Modell, das lediglich phantomhafte, phänomenale Muster abzusondern in der Lage zu sein scheint – woran erkennen wir also die Wahrheit? Jede sog. Erkenntnis ist nichts als ein Phantom. Und der Gegenstand der Erkenntnis, in diesem Fall die Glaubwürdigkeit der phantomhaften Äußerungen eines anderen Phänomens, ist einfach nur ein kosmischer Witz. Und ob sich nun ein Phänomen glaubhaft in den Tröpfchen des Ozeans wiedererkennt oder ein Bäuerchen macht, ist aber schon so was von Jacke wie Hose oder von mir aus ein Auswuchs des wilden Fuchsgeistes.

„Wahre Schüler des Weges suchen nicht nach Buddhas und erkennen weder Bodhisattvas noch Arhats an.“ – „Woran erkennen wir, ob eine(r) glaubt, was sie (er) von sich gibt?“ Warum will er oder sie überhaupt etwas anerkennen? „Allein und befreit haben sie mit den anderen nichts zu tun“, sagt Linji. Jede sog. Du-Botschaft will mit den anderen zu tun haben in dem Sinn, dass sie eingeordnet werden kann, in das eigene Sicherheitssystem. „Woran erkennen wir – ob ein syrischer Flüchtling ein verkappter Terrorist ist oder ob ein Schreiberling sich glaubhaft in den Tröpfchen des Ozeans  wiedererkennt? Also für dieses Phänomen lege ich die Hand ins Feuer und für jenes nicht?

eLinji sagt: „Selbst wenn sich Erde und Himmel auf den Kopf stellten, hätte ich nicht den leisesten Zweifel.“ Erde und Himmel sind Phänomene. Wahre Schüler des Weges glauben weder diesen Phänomenen noch glauben sie ihnen nicht. Wenn diese Phänomene transzendiert wurden, bleibt nicht der leiseste Zweifel an dem, was nicht phänomenal ist. Sein oder Nichts-Sein sind in gleicher Weise bedeutungslos. Und dann ist da nur noch Stille, ich sag mal lieber Objektlosigkeit, die keines Glaubens und daher auch keines Zweifels bedarf.
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Eine Antwort zu Linji: Sein oder Nicht-Sein, das ist hier die Frage

  1. Hagen Unterwegs schreibt:

    Mittlerweile seit einigen Wochen kaue ich auf Deiner letzten Antwort, die Du mir in unserem Austausch zu meinem Artikel „Mein ZEN-Meister“ gegeben hast, herum.

    Und in dieselbe Kerbe, in die Deine letzte Antwort BEI MIR schlug, schlägt auch dieser Artikel von Dir.

    Brauche wohl noch ein wenig zum Zerkauen und Verdauen…

    Gefällt mir

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