Tschuang-tse: ein Krüppel im Geiste


kEs war einmal ein Krüppel mit Namen Schu. Der war so verwachsen, dass ihm das Kinn bis auf den Nabel reichte. Seine Schultern waren höher als der Kopf, sein Haarknoten stand zum Himmel empor, die Eingeweide waren alle nach oben verdreht, und seine Beine waren an den Rippen angewachsen. Als Schneider und Waschmann verdiente er genug, um davon zu leben; durch Getreide-Sieben erwarb er sich so viel, dass er zehn Menschen davon ernähren konnte.

Wurde von oben her eine Aushebung von Soldaten ausgeschrieben, so stand jener Krüppel dabei und fuchtelte mit den Armen; waren für die Regierung schwere Fronden zu leisten, so wurde dem Krüppel wegen seiner dauernden Untauglichkeit keine Arbeit zugewiesen. Wenn dagegen die Regierung Getreide unter die Armen verteilte, so bekam der Krüppel drei Scheffel und zehn Bündel Reisig. So diente ihm seine körperliche Verkrüppelung dazu, um seinen Lebensunterhalt zu finden und seiner Jahre Zahl zu vollenden.

Wieviel mehr wird der davon haben, der es versteht, Krüppel zu sein im Geiste!

aus: Tschuang-tse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

Die Geschichte spricht für sich. So bleibt mir nur, mir meinen Kopf zu zerbrechen über den letzten Satz: „Wieviel mehr wird der davon haben, der es versteht, Krüppel zu sein im Geiste!“ Was mag Tschuang-tse mit dem Krüppel im Geiste wohl gemeint haben? Und wie kommt es, dass er dieses „versteht zu sein“ ins Spiel gebracht hat? Das klingt für mich im ersten Moment wie ein Widerspruch. Ein Krüppel ist körperlich behindert, ein Krüppel im Geist eben geistig. Ein körperlicher Krüppel ist ein körperlicher Krüppel, er muss es nicht verstehen, ein körperlicher Krüppel zu sein. Ein geistig Behinderter ist ebenfalls einfach ein geistig Behinderter. Auch er muss es nicht verstehen, ein geistig Behinderter zu sein.

bTschuang-tse sagt aber: „Wieviel mehr wird der davon haben, der es versteht, Krüppel zu sein im Geiste!“ Meint er jetzt damit, dass man mehr davon hat, wenn man so tut, als ob man geistig behindert, als ob man nicht ganz zurechnungsfähig wäre? Tschuang-tse lobt ja auch den verkrüppelten Baum, dessen Holz zu nichts taugt und der deshalb auch nicht gefällt wird. Professor Bömmel in der Feuerzangenbowle: „Da stelle me uns e mal janz dumm. Watt is en Dampfmaschin?“ Um sich dumm stellen zu können, muss man ja schon ganz schön schlau sein, etwa so schlau wie der brave Soldat Schweijk. Meint der Tschaung-tse etwas in der Art?

bIst das etwa im biblischen Sinn zu verstehen? Da lesen wir bei den Seligpreisungen (mt 5 3) etwa: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“ bzw. „Glücklich sind, die erkennen, wie arm sie vor Gott sind, denn ihnen gehört die neue Welt Gottes.“ bzw. „Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“ bzw.“ Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr.“ Sind schon die angeblichen Originaltexte sehr fragwürdig, um wieviel mehr sind es die Übersetzungen. Wir müssen uns schon unseren eigenen Kopf machen. Gott sei Dank! Lassen wir also unsere einheimische Leitkultur links liegen, sie scheint zumindest mir auch nicht weiter zu helfen.

Also wenn ich zu einem vorläufigen Schluss kommen will, würde ich den fraglichen Satz so interpretieren: Wenn du schon körperlich, etwa bei der Musterung, tauglich bist, dann versuche wenigstens geistig bekloppt zu erscheinen. Mehr fällt mir jedenfalls nicht ein. Vielleicht habe ich heute wieder einen schlechten Tag erwischt. – Weil ich mich gerade daran erinnere:

kIch sehe nichts, WEIL ich ein Kissen vor dem Kopf habe.
Ich hab ein Kissen vor dem Kopf, WEIL ich mich sonst stoße.
Ich stoße mich, WEIL ich nichts sehe.
Ich sehe nichts, WEIL ich ein Kissen vor dem Kopf habe.
Ich hab ein Kissen vor dem Kopf, WEIL ich mich sonst stoße.
Ich stoße mich, WEIL ich nichts sehe.
Ich sehe nichts, WEIL ich ein Kissen vor dem Kopf habe.
Ich hab ein Kissen vor dem Kopf, WEIL ich mich sonst stoße.
Ich stoße mich, WEIL ich nichts sehe.

vorgeführt in einer Scheune von einem mir unbekannten „Kleinkünstler“

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23 Antworten zu Tschuang-tse: ein Krüppel im Geiste

  1. Georg Alois schreibt:

    ………So bleibt mir nur, mir meinen Kopf zu zerbrechen über den letzten Satz ………
    Der letzten Satz, den Georg Schramm gestern Abend bei der Verleihung des Bayerischen Kleinkunstpreises sagte: „Nüchtern betrachtet, ist besoffen besser“

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  2. Brigitte schreibt:

    Lieber Nitya,
    ich weiß nicht, aber ich finde deinen Text heute großartig. Wobei ich das Wort „großartig“ als seltsam empfinde. Ich sitze davor und begreife, dass ich nichts begreife, nichts zu begreifen gibt, was begriffen werden müsste. Verstehst du das? Ich nicht!

    Außer, naja, dieser Satz von dir hats mir angetan:

    Lassen wir also unsere einheimische Leitkultur links liegen, sie scheint zumindest mir auch nicht weiter zu helfen.

    ha! chapó! nicht nur dir nicht.

    Lang ist’s her, da ist dieser Wortschwall durch mich durchgerauscht und ich lass diesen um deiner Erkenntnis willen nochmal aufleben:
    Das ist genau diese Art von Wahnsinn, der sich im Moment in mir ein morbid unterbelichtetes grausames Stelldichein gibt, um mich gnadenlos aufzufressen. Zusammenhanglose fiese dünne Traumfetzen fliegen im Zeitlupentempo in boshafter Widersinnigkeit in dieser Nichtigkeit umher. Sollte dieser mysteriöse Zustand irgendwann einen apokalyptischen Tod sterben, hoffe ich auf eine bahnbrechende Wiedergeburt in diesem Spiegelgefecht aneinandergereihter hinfälliger Buchstaben. Derweil werfe ich meine stinkenden Überreste auf den Scheiterhaufen und schaue irrsinnig grinsend zu, wie sie begierig in den wild auflodernden Flammen zu Schutt und Asche verbrennen, um mich aus diesem reinen abartig verkommenen Niemandsland zu erlösen. Freiheit! Es lebe das Leben! Leb es! Volle Kraft voraus. Nur das Schiff kann untergehn. YES!!!

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  3. Marianne schreibt:

    Hier machst du für mich ein ziemliches „Fass auf“, wo es sicher nicht die ganz einfachen Antworten gibt, außer wir saufen uns einen in der „Bar des Nicht-Wissens“ an …😉
    Was mich am meisten nervt, sind die vielen Glaubenssätze, die in der Eso- und Spiriszene als unumstößliche Erkenntnisse und Wahrheiten ausgegeben werden – neue Leitkulturen? Für manche Menschen bestimmt! Die lasse ich bevorzugt links liegen …🙂
    Ansonsten wurde das Thema Loslösung von der „Leitkultur“ ja hier schon eindrücklich besprochen: https://satyamnitya.wordpress.com/2015/04/08/u-g-sie-konnen-sich-von-dieser-kultur-nicht-lossagen/
    Für mein Empfinden sind kulturelle Prägungen äußerst nachhaltig und kaum transzendierbar. Der kulturelle Zeitgeist kriecht unbemerkt in jede Ritze unserer dualen Existenz …

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    • Nitya schreibt:

      Na ja, der U.G. sagte u.a.auch: „Das heißt, dass die Kultur, in der Sie aufgewachsen sind, aufhören und verschwinden muss. Ist das möglich? Es ist möglich, aber gleichzeitig ist es auch so schwierig, weil Sie ein Produkt dieser Kultur sind.“ Nicht unmöglich, aber schwierig.

      „Wir saufen uns einen in der ‚Bar des Nicht-Wissens‘ an …“ Das gefällt mir. Die Bar ist meine Stammkneipe.

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      • Marianne schreibt:

        „Wir saufen uns einen in der ‚Bar des Nicht-Wissens‘ an …“ Das gefällt mir. Die Bar ist meine Stammkneipe.

        Diesen „Stammtisch“ hat hier (nach meiner Erinnerung) der Eno vor ein paar Jahren schon eingeführt – hat also schon Tradition in Nitya’s Runde.🙂

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      • Nitya schreibt:

        Gefällts dir nicht in der „Bar des Nichtwissens“?

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      • Marianne schreibt:

        Doch, ich halte mich dort wirklich gern auf – merkt man das nicht?😀
        Am liebsten spiele ich dort mit Konzept-Jongleuren, die sich darüber freuen können, dass sie nichts wissen … ;.

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      • Nitya schreibt:

        Da bin ich ja beruhigt.

        Ich hatte schon die schlimmsten Befürchtungen, dass du die „Glaubensbrüder-Bar“ bevorzugen könntest.

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      • Marianne schreibt:

        So geht’s mir mit dir hier manchmal auch. Preisfrage: Woran erkennen wir, ob eine(r) glaubt, was sie (er) von sich gibt?

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      • Brigitte schreibt:

        Also, liebe Marianne, ich glaub mir alles… merkste das nicht?🙂

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      • Marianne schreibt:

        Dir und Eno glaube ich auch aufs Wort, dass ihr euch in den Tröpfchen des Ozeans wieder erkennt … und ich würde euch auch nie in der „Bar der Glaubensbrüder“ suchen gehen …😉
        Für mich war in diesem Erkenntnisprozess mal ein Meilenstein, als ich zutiefst andächtig den Worten meines Focusing-Lehrers lauschte und ihn anschließend fragte: Woher weißt du das? Seine Antwort war: „Ich weiß gar nichts.. Wenn ich spreche, fühlt sich das für mich so an, als würde gerade ein Kunstwerk erschaffen …“

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      • Eno Silla schreibt:

        Ich glaube, dass ich an nichts glaube!

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      • Eno Silla schreibt:

        „Ich weiß gar nichts.. Wenn ich spreche, fühlt sich das für mich so an, als würde gerade ein Kunstwerk erschaffen …“ Eine schöne Antwort!
        Ja, so erscheint es mir auch sehr oft, wunderbar!

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      • Brigitte schreibt:

        Seine Antwort war: „Ich weiß gar nichts.. Wenn ich spreche, fühlt sich das für mich so an, als würde gerade ein Kunstwerk erschaffen …“
        … einfach wunderschön

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      • Nitya schreibt:

        Also ich glaub mir jedes Wort.
        Ich bin ja auch ein bisschen naiv.

        Oh, ich war zu spät. Ich seh gerade,
        Brigitte gehört auch zu den Gläubigen.

        Marianne zu Brigitte:
        „Dir und Eno glaube ich auch aufs Wort,
        dass ihr euch in den Tröpfchen des Ozeans wieder erkennt …
        und ich würde euch auch nie in der „Bar der Glaubensbrüder“ suchen gehen ‚😉'“

        Buddha: „Glaubt mir kein Wort.“
        Warum um Gottes willen sollte mir jemand glauben?

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  4. Eno Silla schreibt:

    Bar allen Wissens
    Saufen wir uns einen
    In der Bar des Nichtwissens

    Barfuß war ich am Strand
    In der der letzten Woche
    Und hab ein Foto von uns gemacht:

    Erkennt ihr (m)ich?
    Dort rechts auf dem Wellenberg?
    Die Arme reckend
    Mit Stolz geschwellter Brust?
    Was für ein lustiger Kasper!

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    • Nitya schreibt:

      schöööööööööööööööööööööööööön!!!

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    • Brigitte schreibt:

      ah, wunnebar! Und siehste mich, weit draußen auf dem Wasser, die kleine verschmitzte Zicke, dem lustigen Kasper ausgelassen zuwinkend?😉

      Für dieses tolle Foto schenk ich dir eines meiner Lieblingsgedichte. Vielleicht haste ja Freude dran…

      Ins Meer hinein, ins Meer,
      in seine schwerelose Tiefe,
      wo die Träume sich erfüllen,
      und Zwei in einem Willen sich vereinen,
      um zu stillen eine große Sehnsucht.

      Ein Kuss entflammt das Leben
      mit einem Blitz und einem Donner,
      und sich verwandelnd
      ist mein Körper nicht mehr Körper,
      als Dräng ich vor zum Mittelpunkt
      des Universums.

      Die kindlichste Umarmung
      und der reinste aller Küsse,
      bis wir beide nicht mehr sind
      als nur noch eine große Sehnsucht.

      Dein Blick und mein Blick
      wortlos hin und her geworfen,
      wie ein Echo wiederholend: tiefer, tiefer,
      bis weit jenseits allen Seins,
      aus Fleisch und Blut und Knochen.

      Doch immer wach ich auf
      und immer wär ich lieber tot,
      um endlos mich mit meinem Mund
      in deinen Haaren zu verfangen.

      – Ramón Sampedro –

      Übrigens, den Film „Das Meer in mir“, muss man unbedingt gesehen haben …

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  5. Eno Silla schreibt:

    Liebe Brigitte,
    klar habe ich (d)ich erkannt!🙂
    Und vielen Dank für das schöne Gedicht und die Erinnerung an diesen wunderbaren Film, der mich, als ich ihn vor ein paar Jahren mal angesehen habe, tief beeindruckte… Sehr empfehlenswert!
    Alles Liebe
    Eno

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