Yama: die Bedeutung des Unterscheidungsvermögens


W
Erkenne den Ātman als den Herrn der Kutsche. Der Körper ist der Wagen, die Buddhi der Wagenlenker und das Denken die Zügel.

Die Sinne sind die Pferde, die Objekte die Wege. Die Weisen nennen den Ātman in Verbindung mit Körper, Sinnen und Denken den Genießer.

Wenn die Buddhi durch Verbindung mit einem Denken, das stets abgelenkt wird, ihr Unterscheidungsvermögen verliert, geraten die Sinne außer Kontrolle wie ungebändigte Pferde.

Aber wenn die Buddhi durch Verbindung mit einem stets beherrschten Denken Unterscheidungsvermögen besitzt, gelangen die Sinne unter Kontrolle wie die gehorsamen Pferde eines Wagenlenkers.

Wenn die Buddhi durch Verbindung mit einem abgelenkten Denken ihr Unterscheidungsvermögen verliert und deshalb ungeläutert bleibt, kann die verkörperte Seele ihr Ziel nicht erreichen, sondern betritt den Kreislauf der Wiedergeburt.

Wenn die Buddhi durch Verbindung mit einem beherrschten Denken Unterscheidungsvermögen besitzt und deshalb geläutert bleibt, kann sie die verkörperte Seele zum Ziel führen, von dem es keine Wiedergeburt gibt.

Ein Mensch, der seinen Wagenlenker kennt und die Zügel des Denkens festhält, gelangt an das Ende des Weges, und das ist die höchste Form von Vishnu.

aus der Katha-Upanishad, zweiter Teil, Kap. 3-9

Shankaras Kommentar:

Liegt das Ziel, das in diesen Versen beschrieben wurde, in irgendeiner weit entfernten Region, die durch einen gewissen Pfad erreicht werden kann? Dem Vedānta nach liegt es im Menschen selbst. Es liegt weder im Himmel noch irgendwo im Raum. Es ist das innere Selbst des Menschen, verborgen durch seine Nichterkenntnis. Sobald diese verschwindet, erkennt er sein Selbst.

(Buddhi ist die Intelligenz, gekennzeichnet durch Unterscheidungsvermögen und Entschlusskraft. Ein Mensch ist bei seinen Handlungen hauptsächlich von der Buddhi abhängig, die bestimmt, was er tun und lassen soll.)

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Yama, der Gott des Todes unterrichtet Nachiketa. Die Katha-Upanishad entstand etwa 500 v.Chr. – Adi Shankara * um 788 † um 820.

„Alles ist eins“ hört man immer wieder in spirituellen Kreisen, und oft genug ist dabei nur ein dumpfer Einheitsbrei zu erkennen. Adi Shankara, von dem eine eigene Schrift zum Thema „Das Kleinod der Unterscheidung“ erhalten ist, wies ebenso wie die Katha-Upanishad auf die immense Bedeutung des Unterscheidungsvermögens hin. Mit Sprüchen wie „Alles geschieht, wie es geschieht“, hätte er sich sicher nie zufrieden gegeben.

PWer „in die Pilze“ geht, muss zumindest die bekömmlichen Pilze von den giftigen unterscheiden können. Mit „Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen“, ist dem Pilzsammler da wenig gedient. Für Sokrates wäre also ggf. ein kundiger Pilzexperte sicher sehr hilfreich gewesen. Ähnlich ist es mit der verkörperten Seele. Yama sagt: „Wenn die Buddhi durch Verbindung mit einem beherrschten Denken Unterscheidungsvermögen besitzt und deshalb geläutert bleibt, kann sie die verkörperte Seele zum Ziel führen, von dem es keine Wiedergeburt gibt.“ Und Shankara ergänzt: „Sobald die Nichterkenntnis verschwindet, erkennt er sein Selbst.“ Hier prallt das klassische Advaita auf das sog. Neo-Advaita, das einfach fragen würde: Wer könnte Unterscheidungsvermögen haben? Da ist niemand.  Alles geschieht, wie es geschieht.

Na, dann geh mal mit dieser Haltung in die Pilze! Es ist September: Pilzzeit.

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5 Antworten zu Yama: die Bedeutung des Unterscheidungsvermögens

  1. Marianne schreibt:

    Erkenne den Ātman als den Herrn der Kutsche. Der Körper ist der Wagen, die Buddhi der Wagenlenker und das Denken die Zügel.

    Danke für dieses Zitat! Ich finde das höchstinteressant, weil ich bisher die Herkunft der so genannten „Droschkenparabel“ bei Gurdjieff oder Karl May angesiedelt habe … Und … dann steht das auch schon in diesem uralten Text …
    Alles nur geklaut …😉

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  2. Nitya schreibt:

    „Das Auge sieht sich nimmer satt, und das Ohr hört sich nimmer satt. (Psalm 90.10) 9 Was ist’s, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist’s, das man getan hat? Eben das man hernach tun wird; und geschieht nichts Neues unter der Sonne. Geschieht auch etwas, davon man sagen möchte: Siehe, das ist neu? Es ist zuvor auch geschehen in den langen Zeiten, die vor uns gewesen sind. Man gedenkt nicht derer, die zuvor gewesen sind; also auch derer, so hernach kommen, wird man nicht gedenken bei denen, die darnach sein werden.“ Prediger 1, 8-11

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  3. ananda75 schreibt:

    fällt mir doch schon wieder der Goethe ein „Dich im Unendlichen zu finden, musst erst unterscheiden und dann verbinden“

    und noch’n Gruß 🙂

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    • Nitya schreibt:

      Mannomann, gleich zwei Grüße hintereinander.
      Was wohl Johann Wolfgang dazu gesagt hätte?

      Herzlichst
      Nitya

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      • ananda75 schreibt:

        Die Sonne tönt nach alter Weise
        In Brudersphären Wettgesang
        Und ihre vorgeschriebne Reise
        Vollendet sie mit Donnerklang
        Der Anblick gibt den Engeln Stärke
        Wenn keiner sie ergründen mag
        Die unbegreiflich hohen Werke
        Sind herrlich wie am ersten Tag

        passt vielleicht nicht, ist aber immer wieder schön😉

        Gute Nacht

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