Rumi: … doch schauert Leben vor dem Tod


K Wohl endet Tod des Lebens Not,
Doch schauert Leben vor dem Tod.
Das Leben sieht die dunkle Hand,
Den hellen Kelch nicht, den sie bot.

So schauert vor der Lieb‘ ein Herz,
Als wie von Untergang bedroht.
Denn wo die Lieb‘ erwachet, stirbt
Das Ich, der dunkele Despot.

Du lass ihn sterben in der Nacht
Und atme frei im Morgenrot.

aus: Maulana Dschalaleddin Rumi: „Ghaselen“

T

Nur durch die Liebe und den Tod berührt der Mensch das Unendliche. Alexander Dumas der Jüngere

Was für ein Thema. Liebe und Tod. Wer sich ein bisschen mit dem Enneagramm auskennt, weiß, es ist das Thema für die Vierer. Was für eine wundervolle Dramatik! Also da muss Wagner ran und Tristan und Isolde und ohne die Callas – unmöglich! Was Rumi wohl dazu sagen würde? Rumi, der Dichter, müsste doch auch dabei dahinschmelzen. Oh, diese süße Traurigkeit!


Ich fürchte, Rumi will auf etwas ganz anderes hinaus. „Du lass ihn sterben in der Nacht und atme frei im Morgenrot“, sagt er und meint damit den dunklen Despoten „Ich“. Lass ihn sterben in der Nacht – da ist keine süße Traurigkeit zu finden, sondern das Erwachen der Liebe im Morgenrot. Und Liebe ist für Rumi keine schwülstige Elegie, sondern das Verschwinden des „Ich“. Denn wo die Lieb‘ erwachet, stirbt das Ich – was nichts anderes aussagt als: Ohne den Tod des „Ich“ ist alles Liebesgesäusel nur Lüge. Rumi spricht wie ein Dichter, aber er ist in seiner Klarheit von meisterlicher Grausamkeit.

„Wohl endet Tod des Lebens Not, doch schauert Leben vor dem Tod.“ Der Tod endet die Not des Lebens und die Liebe die Not des „Ich“. So die Hoffnung zumindest. Beides ist Flucht vor dem, was ist. Und der Schauer der Angst ist in beiden Fällen zu beobachten. Wer will schon freiwillig sterben, wer freiwillig lieben? Bei Letzteren würden natürlich die meisten Menschen protestieren, aber sie haben vermutlich noch nicht begriffen, was Rumi unter Lieben versteht.

Ich habe gesagt, ich wolle ihn lieben:
Ich lüge, dies bin nicht mehr ich.
Er allein ist es, der liebt – mich.
Er ist und ich bin nicht mehr.
Nichts sonst ist mehr von Bedeutung
als was er will und was ihm teuer ist.

Marguerite Porète
R

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Rumi: … doch schauert Leben vor dem Tod

  1. kekabe schreibt:

    Was für eine Komposition, lieber Nitya! Wunderbar…
    Guten Morgen😉

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Dann gibt’s für dich, liebe Kerstin, noch dieses Gedicht von Rumi:

      Es klopfte einer an des Freundes Tor.
      «Wer bist du» – sprach der Freund – «der steht davor?»
      Er sagte «Ich!» Sprach der: «So heb dich fort –
      an diesem Tisch ist nicht der Rohen Ort!

      Den Rohen kocht das Feuer «Trennungsleid. –
      Das ist’s, was ihn von Heuchelei befreit!»
      Der Arme ging auf Reisen für ein Jahr,
      in Trennungsfunken brannt’ er ganz und gar.

      Reif kam dann der Verbrannte von der Reise,
      dass wieder er des Freundes Haus umkreise.
      Er klopft‘ ans Tor mit hunderterlei Acht,
      dass ihm entschlüpf kein Wörtlein unbedacht.

      Es rief der Freund: «Wer steht dort vor dem Tor“.’»
      Er sagte: «Du, Geliebter, stehst davor!»
      «Nun, da du ich bist, komm, o Ich. herein –
      Zwei Ich schließt dieses enge Haus nicht ein!»

      Gefällt 1 Person

  2. fredoo schreibt:

    fein fein

    Gefällt mir

  3. Nitya schreibt:

    Nicht einmal zehn Minuten lang. Ist zwar schon fünf Jahre alt, aber so aktuell wie am ersten Tag. Interessant auch ab 7:50 der Hinweis auf den Schulterschluss der fundamentalistischen Abrahamiten (Juden, Christen und Muslims) und Harmagedon.

    Offenbarung des Johannes 16 , 16-21:

    16 Und er versammelte sie an einen Ort, der heißt auf Hebräisch Harmagedon.

    17 Und der siebente Engel goss aus seine Schale in die Luft; und es kam eine große Stimme aus dem Tempel vom Thron, die sprach: Es ist geschehen!

    18 Und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner, und es geschah ein großes Erdbeben, wie es noch nicht gewesen ist, seit Menschen auf Erden sind – ein solches Erdbeben, so groß.

    19 Und aus der großen Stadt wurden drei Teile, und die Städte der Heiden stürzten ein. Und Babylon, der großen, wurde gedacht vor Gott, dass ihr gegeben werde der Kelch mit dem Wein seines grimmigen Zorns.

    20 Und alle Inseln verschwanden, und die Berge wurden nicht mehr gefunden.

    21 Und ein großer Hagel wie Zentnergewichte fiel vom Himmel auf die Menschen; und die Menschen lästerten Gott wegen der Plage des Hagels; denn diese Plage ist sehr groß.

    Gefällt mir

  4. ananda75 schreibt:

    und wenn ich nicht fliehe
    wenn ich einfach bleibe
    egal wo, egal, was gerade ist
    Alles ist Wandel
    Ich wandel mich mit dem was ist

    dann müsste ich eigentlich immer genau da sein, wo ich hin gehör😉
    warum nicht freiwillig leben
    warum nicht freiwillig sterben
    Aussöhnung ist das Wort

    dann gibt’s auch Liebe – die, die einfach ist❤

    Alles Liebe in den Samstag❤

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s