Leo Hartong: ES als Individualität


TIn gewisser Weise ist die Sicht von einem bestimmten Körper aus einzigartig und durch die Sinne vorgegeben, trotzdem kann erkannt werden, dass es kein „Ich“ gibt, das diese Sicht hat. Es kann gesehen werden – von niemandem – dass alles, so auch das Tippen und Denken, einfach erscheint, ohne ein „Ich“, das der Besitzer dieser Erfahrungen ist oder das alles in die Existenz „drückt“.

ES kann sich selbst auf eine bestimmte Weise kennen, indem es als Körper/Verstand erscheint. Dieser Körper/Verstand mag das Empfinden persönlicher Täterschaft besitzen, aber trotzdem ist es nur das Eine, das sich selbst als diese individuelle Wahrnehmung erscheint. Es ist ES als Individualität, so wie Lehm Lehm bleibt, egal ob er zu einem Engel oder einem Teufel geformt wird. ES ist die Eine-Belebende-Energie. Diese Energie vibriert innerhalb und außerhalb der Formen/Muster, die erscheinen und sich auflösen, etwa wie ein Strudel in einem Strom. Der Strudel scheint in einem Augenblick ein „Ding“ zu sein und er kann seinen Platz und seine Gestalt längere Zeit beibehalten, dabei ist es lediglich der Fluss, der „strudelt“. Wenn sich der Strudel auflöst, bleibt das Wasser, das sein Leben und seinen Körper gebildet hat, davon unberührt.

aus: Leo Hartong, „Betrachtungen vom Spielzeugrand“


Ein Teufelchen denkt, fühlt, handelt wie eben ein Teufelchen denkt, fühlt, handelt und ein Engelchen eben wie ein Engelchen. Aber diese Verallgemeinerung ist natürlich schon wieder völlig daneben, denkt, fühlt, handelt doch das einzelne Teufelchen, das einzelne Engelchen jeweils in einer völlig einzigartigen Weise. Auch wenn es kleinere oder größere Gruppen gibt, die gemeinsame Merkmale aufweisen, manchmal so sehr aufweisen, dass man die individuellen Unterschiede fast nicht mehr erkennen kann, jedenfalls nicht auf den ersten Blick: Jedes Wesen ist absolut einzigartig. Jede Uniformierung ist der Versuch, diese Tatsache vergessen zu lassen. „Wir Deutschen müssen mit unserer Kollektivschuld leben.“ An dem Satz ist so gut wie jedes Wort eine Lüge. Ein Kollektiv hat für Möchtegernherrscher den Vorteil, dass es besser zu beherrschen ist als lauter Individuen. Kürzlich stellt Brigitte das Video mit Hubert von Goisern und seinem Lied hier in den Blog. Das ist ein bemerkenswertes Beispiel. Die verwendete Melodie war die Melodie von Amazing Graze. Hubert von Goisern hat seinen ganz eigenen unverwechselbaren Stil, Amazing Graze ist dagegen längst Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden und vermag sofort kollektive Gefühle wachzurufen. Hier zwei Beispiele:



Nationalhymnen, Kampf- und Kirchenlieder erfüllen alle denselben Zweck: Es ist der Versuch, aus Individuen ein Kollektiv zu formen: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ Das ist ganz schön verrückt: Engelchen und Teufelchen sind aus demselben Lehm geformt, jeder Strudel, so unterschiedlich er auch beschaffen sein mag, ist nichts als geformtes Wasser. Man muss aus Formen kein Form-Kollektiv formen, da sie alle eh schon aus demselben „Stoff“ sind. Wenn schon die Ego-Vorstellung Trennung vom „gemeinsamen Stoff“ bedeutet, so ist das in einem noch stärkeren Ausmaß bei der Kollektiv-Vorstellung der Fall. In jedem Stadion lässt sich das ganz wundervoll demonstrieren: Wir gegen euch. Aus Fans werden Hooligans und das Stadion wird zum Schlachtfeld. Das Kollektiv ist so etwas wie ein Super-Ego, dessen Gläubigkeit gigantisch und dessen Reflektionsfähigkeit ausgelöscht zu sein scheint.

K

Der Fluss strudelt, der Lebensfluss menschelt, im Falle der Nitya-Form nityaelt er (das Wort wird es wohl nicht bis in den Duden schaffen). Und wenn die Nitya-Form sich scheinbar mit der Nitya-Form identifiziert, dann ist auch das nichts anderes als das Wirken des Lebensflusses. Alles kein Beinbruch, alles völlig im grünen Bereich, nichts muss geändert werden, weil alles schon so ist, wie es der Lebensfluss gerade formt. Also, macht’s euch gemütlich – oder macht doch was ihr wollt!

H

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3 Antworten zu Leo Hartong: ES als Individualität

  1. Marianne schreibt:

    Für mich erscheint das Thema „Ich-Losigkeit“ (= Nichtvorhandensein eines individuellen Wesens) als eine Art „heilige Kuh“ in der „spirituellen Welt“, an der man nicht rütteln darf. Ich bin auch jemand, die alles hinterfragen will, auch das …
    Dem von dir Nitya oben Beschriebenen, über das Entstehen von „kollektiven Identitäten“, kann ich nur zustimmen, so beobachte ich das auch.
    Analog kann man auch das Entstehen aller Arten „individueller Identitäten“ beschreiben und sie wieder dekonstruieren. Mein Job als Psychotherapeutin würde nicht funktionieren, wenn es nicht die Möglichkeit gäbe, sich aus leidvoll erlebten Ich-Identifikationen zu befreien. Wenn das gelingt, geht es den Leuten wirklich besser …

    Der Strudel scheint in einem Augenblick ein „Ding“ zu sein und er kann seinen Platz und seine Gestalt längere Zeit beibehalten, dabei ist es lediglich der Fluss, der „strudelt“

    „Strudel“ können fürchterliche Ereignisse sein, die in Abgründe ziehen und Leben vernichten … In solchen Momenten ist es sinnvoll, sie als „Ding“ zu behandeln und sich mit ihrer „Erscheinungsform“ zu beschäftigen. Wenn zum Beispiel der „Strudel“ eines Erdbebens den korrupten Bürokratiesumpf italienischer Geldvergaben offenbart, wäre es absurd, auf die gleichbleibenden Qualitäten des Wassers zu verweisen, das diesen Strudel erzeugt hat. Für manchen, der in diesem Strudel sein Hab und Gut und geliebte Menschen verloren hat, mag dennoch genau das den Weg zur inneren Aussöhnung eröffnen.
    Für mich gibt es Momente, in denen ich die Erscheinung (das Ding) für wahr nehme und andere, in denen keine Trennung mehr existiert, alles zu seiner Zeit …

    P.S. Falls mich irgendjemand hier in den letzten Wochen vermisst hat: Ich habe mich ein wenig auf der „grünen Insel“ (Irland) umgesehen und mit ihren Bewohnern unterhalten …

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Marianne,

      was für ausnehmend hübsche Gesprächspartner hattest du doch auf der Grünen Insel. Vermisst du sie schon?

      „Für mich gibt es Momente, in denen ich die Erscheinung (das Ding) für wahr nehme und andere, in denen keine Trennung mehr existiert, alles zu seiner Zeit …“ Kann ich nur zustimmen. Es kommt halt, wie es kommt.

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