Linji: nichts zu tun und einfach und unkompliziert zu sein


WLasst mich euch sagen, dass diejenigen nichts als Karma erzeugen, die allein auf einem einsamen Gipfel leben oder nur einmal am Tag essen, lange Zeit ohne sich hinzulegen sitzen oder den lieben langen Tag mit Umkreisungen ihre Wertschätzung zum Ausdruck bringen.

Wenn jemand seinen Kopf, seine Augen, sein Mark, sein Hirn, seine Burg, seine Frau, sein Kind, seine Elefanten, sein Pferd oder seine sieben Schätze spendet, dann verursachen diese Taten Leid an Körper und Geist und enden in Kummer. Es ist besser nichts zu tun und einfach und unkompliziert zu sein. Selbst die Bodhisattvas, die die zehn Stufen der Übung vollendeten, suchen dann alle vergeblich nach der Spur eines solchen Anhängers des Weges.

Darum heißt es, dass alle Himmelswesen mit Freuden erfüllt seien und irdische Gottheiten ihre Füße vor Bewunderung anhöben, und dass unter den Buddhas der zehn Richtungen keiner sei, der so einen nicht priese. Warum? Weil der Mensch des Weges, der gerade jetzt meiner Rede lauscht, keine Spur von seinem Dasein hinterlässt.

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“

Wow, was für ein Hoch auf einen Menschen, der keine Spur von seinem Dasein hinterlässt! Was hat es damit auf sich, was ist dem Linji und nicht nur ihm so wichtig daran, dass keine Spuren hinterlassen werden sollten? Die Zenleute haben dieses schöne Bild von den Wildenten anzubieten: „Wildgänse spiegeln sich im Wasser bei ihrem Flug über den See; weder ist es die Absicht der Wildgänse, ein Spiegelbild zu erzeugen, noch ist es die Absicht des Sees.“ Wildgänse spiegeln sich im Wasser bei ihrem Flug über den See. Mehr ist da nicht. Oder wie es Angelus Silesius ausgedrückt hat:

RDie Ros‘ ist ohn warumb
sie blühet weil sie blühet
Sie achtt nicht jhrer selbst
fragt nicht ob man sie sihet

Natürlich hinterlassen Wildgänse Spuren. Ich brauch bloß die Vogelscheiße auf meinem Auto angucken. Müssen ja keine Wildgänse gewesen sein, aber es sind ja auch nicht nur Wildgänse, die sich bei ihrem Flug über einen See im Wasser spiegeln. „Keine Spur von seinem Dasein hinterlassen“ ist wohl eine Metapher und nicht wörtlich zu nehmen. Die Ros‘ ist ohn warumb – ist eine Rose ist eine Rose. Gestern habe ich mir ein Video von der bekannten Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck mit ihrem Kommentar zum Hooton-Plan angeguckt. In dem Video geht es die ganze Zeit um „den großen historischen Überblick“, geht es um eben dieses von Angelus Silesius angesprochene Warum: Warum müssen wir heute politisch erleben, was wir gerade erleben? Und dann kommen die Begründungen. Und dann gibt es die Gegenseite mit ihrer „historischen Wahrheit“, die jeden, der von ihr abweicht als Volksverhetzer hinter Gittern bringen will. In einem anderen Video stellte ein Polizist an den Versammlungsleiter die Frage: „Sie stellen also die Wirklichkeit des Holocaust in Frage?“ Allein schon das In-Frage-Stellen hätte eine Anzeige zur Folge gehabt. Der junge Polizist war ganz sicher kein Augenzeuge der Vorgänge in Ausschwitz, aber er glaubte schon von Amts wegen die offizielle Version. Ich hatte mal eine Klientin, die sicher war, dass ihr Vater sie sexuell missbraucht hatte. Sie wollte, dass ich ihr glaube, obwohl sie sich selbst nicht einmal an einen derartigen Vorfall erinnern konnte. Aber da war so ein Gefühl und sie war sich ganz sicher. Es geht mir nicht um „die Wahrheit“. Es geht mir um dieses „ohn warumb“, es geht mir um dieses spurenlose, um dieses absichtslose Sein im jeweiligen Augenblick. „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“ Oder von mir aus: fuhr so auf dem Fahrrad für mich hin wie Brigitte und Eno. Ohne jedes „um zu“.

FKönnen wir denn eigentlich ohne historische Wahrheit leben? Können wir ohne sie aus den Fehlern der Vergangenheit lernen? Das hört man ja immer so von allen Seiten. Wie machen das nur die Tiere und die Pflanzen? Und die Menschen: Haben sie wirklich je aus ihren Fehlern gelernt? Sie wiederholen doch seit Jahrtausenden immer den gleichen Scheiß. Ich stimme Linji aus vollem Herzen zu, wenn er sagt: „Es ist besser nichts zu tun und einfach und unkompliziert zu sein.“ Wer den Zustand der Welt betrachtet, kann eigentlich zu keinem anderen Schluss kommen als dem, dass der Welt nichts Besseres geschehen könnte, als wenn sie von unseren „Spuren“ befreit wäre.
K

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9 Antworten zu Linji: nichts zu tun und einfach und unkompliziert zu sein

  1. Brigitte schreibt:

    A so, so a Segen, dass uns tuat geb’n
    Und dass, und dass ma uns so guat g’spüarn
    Dass ma miteinander spü’n und hör’n wia’s tuat
    Und dass, dass a so is‘ wia’s is‘

    Dass uns heit, heit a so tuat, des tuat uns guat
    Is a koan, koan Tag a so wia da oan(e)
    Weil des Glück und a da Segn, fall’n uns zua im Leben
    Wia vom Himmel, da Summerregen

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  2. fredoo schreibt:

    oh wie sehr mag ich doch diesen herrn aus goysern mit seiner „schee“ musi …

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    • Brigitte schreibt:

      „Schee musi“? Soll das ’n Witz sein? Die Musik ist der HAMMER! Und er sowieso🙂

      Es ist schon der totale Genuss, einfach bloß zu schauen und mitzukriegen, wie er in seinem Spiel aufgeht, und nichts bleibt als pure Gegenwärtigkeit. Dieser Moment vollständig erlebt lässt nichts zurück. Das allein ist in sich so erfüllend, dass mir jede philosophische Debatte und jedes Palaver über DAS am Arsch vorbeigeht. Meistens jedenfalls.

      Hast du ihn mal live erlebt? Er ist ja gerade auf Tour. Mal gucken, ob ich noch ne Karte ergattern kann.

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      • Eno Silla schreibt:

        Einfachheit
        Unkompliziert
        Ist das was ist
        Kein Weg führt daran vorbei
        Kein Weg darum herum
        Es ist – genau so
        Schau nur

        Alles Tun
        Wünschen Wollen
        Kann es nicht aufhalten
        Kann es nicht verhindern
        Dieses Erkennen
        Dass ich nichts bin
        Und somit
        Alles

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      • fredoo schreibt:

        yep … schon zweimal … eibnmal in münchen und einmal im kasseler kulturzelt … er ist ein wirklicher musikant … auch wenn das bayrische wahrlich nicht das meine ist , so wirkt es bei ihm einfach autentisch und sehr geerdet , und kein bischen aufgesetzt folkloristisch … in münchen hatte er zwei mädels dabei … nur guuut …

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      • Brigitte schreibt:

        cool🙂

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      • Brigitte schreibt:

        Lieber Eno,
        ja. Du findest immer so wunderbare Worte.

        LEBEN tanzt mit sich…

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