Alan Watts: eine wirkliche Volksreligion


WDie von den übrigen getrennten Dingen getrennte Person ist innerlich leer und unzufrieden. Sie lebt in ständiger Hoffnung und wartet stets auf morgen. So wurde sie von Kind an erzogen, als man ihre Wut, weil sie die Double-bind-Situationen nicht begriff, mit Spielzeug beruhigte.

Wenn man eine wirkliche Volksreligion in unserer Kultur finden will, braucht man sich nur die Riten zum Weihnachtsfest anzusehen. Bereits vor Beginn des Advent, der als drei- bis vierwöchige Fastenperiode vor dem großen Fest gedacht war, sind die Straßen weihnachtlich geschmückt, in den im Flitterglanz leuchtenden Geschäften kann man Geschenke in festlicher Aufmachung sehen, und aus den Lautsprechern ertönen auf Band konservierte Weihnachtslieder, so dass man schon lange vor dem Weihnachtsfest vor lauter „Stille Nacht, heilige Nacht“ todkrank wird. In den meisten Wohnungen sind bereits die Weihnachtsbäume geschmückt und illuminiert, und im Laufe der großen Vorbereitungen häufen sich um sie jene blanken Pakete mit den schimmernden Bändern, die so aussehen, als enthielten sie Geschenke für Prinzen. In Schulen und Büros werden – noch bevor sie wegen des eigentlichen Feiertags schließen – bereits Weihnachtsfeiern abgehalten, so dass man bis zum Heiligen Abend vor lauter Feiern beinahe verrückt geworden ist. Aber dann sind da immer noch die Pakete unter dem Weihnachtsbaum. Wenn nun endlich der Tag kommt, sind die Kinder wie außer sich …

aus: Alan Watts: „Die Illusion des Ich“

 
Nach dem Advent ist vor dem Advent. „Advent (lateinisch adventus ‚Ankunft‘), eigentlich Adventus Domini (lat. für Ankunft des Herrn), bezeichnet die Jahreszeit, in der die Christenheit sich auf das Fest der Geburt Jesu Christi, Weihnachten, vorbereitet. Die Christen gedenken der Geburt Jesu und feiern sie als Menschwerdung Gottes.“ (Wikipedia)

Die Christenheit bereitet sich vor auf die stille, die Heilige Nacht, in der sich die Menschwerdung Gottes offenbarte. „Ozeanien wird von vier Ministerien regiert,  deren Namen eine Art Dreistigkeit in der absichtlichen Umkehrung der Tatsachen offenbaren.“ Nicht nur Ozeanien, wie wir unschwer erkennen können. Und Alan Watts beschreibt den Hintergrund des Affentheaters sehr klar: „Die von den übrigen getrennten Dingen getrennte Person ist innerlich leer und unzufrieden. Sie lebt in ständiger Hoffnung und wartet stets auf morgen. So wurde sie von Kind an erzogen, als man ihre Wut, weil sie die Double-bind-Situationen nicht begriff, mit Spielzeug beruhigte.“

S

Auch heute leben wir, als Erwachsene und als Kinder, in einer Welt, in der die Menschen, die die ständigen Double-bind-Situationen nicht begreifen können, ununterbrochen in dem Sinn manipuliert werden, dass man ihre Wut mit leeren Worten, „Brot und Spielen“ und der Hoffnung auf ein besseres Morgen beruhigt. Wie sonst ließe es sich nachvollziehen, dass die Bürger dieses Landes immer wieder Leuten die Macht überlassen, die man beim besten Willen nur als kriminell und bescheuert bezeichnen kann. Wenn man davon ausgeht, dass es handelnde Personen gibt, müsste man feststellen, dass die Betrogenen selbst schuld sind an ihrem Elend. „Die von den übrigen getrennten Dingen getrennte Person ist innerlich leer und unzufrieden“, sagt Alan Watts. Wer ist denn dafür zuständig, dass die Person innerlich leer und unzufrieden ist, wenn nicht die Person selbst, müsste man mit Fug und Recht fragen, wenn man an die Schuldfähigkeit der Menschen glauben würde.

Preisfrage: Was für einen Unterschied  macht es für die Betroffenen, ob sie „an Schuldfähigkeit glauben oder nicht daran glauben?“

C

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Alan Watts: eine wirkliche Volksreligion

  1. kekabe schreibt:

    Lieber Nitya,
    die Antwort auf deine „Preisfrage“ will glasklar sein! Allerdings ist es in meinen Augen ein Fehler, sie so pauschal zu stellen. Das Leben ist vielfältig, es wurde kultiviert und es kommt doch darauf an, was und wie man es grad betrachtet.

    Ich habe außerdem das Gefühl (eigentlich die Gewissheit), dass allein das bloße Wort ‚Schuld‘ extrem negativ beladen ist. Man kann in den fraglichen Situationen zum Beispiel einfach dem Grund, statt nach der Schuld fragen. Vieles würde sich auf der Stelle entspannen und Energien für die Lösung freigeben.
    Es gibt keine Schuld in dem Sinne, wie wir das Wort empfinden.
    Wenn Personen sich leer fühlen und unzufrieden sind, kann nur der Grund dafür die Klärung liefern. Oder Ausgleich.

    Liebe Grüße in den Sommerabend,
    Kerstin

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Liebe Kerstin,

      genau darauf will meine Preisfrage hinaus, dass sie nicht glasklar zu beantworten ist. Die abgebildeten Flagellanten stehen für den ganzen Unfug, der mit dem ThemaSchuld getrieben wurde und wird. Für mich gibt es wie für dich keine Schuld. Ich gehe sogar noch weiter und sage: Für mich gibt es nicht einmal einen Grund. Wenn überhaupt dann einen scheinbaren Grund.Denn für jeden Grund gibt es wieder einen oder zahlreiche Gründe, sodass ich augenblicklich bei Adam und Eva lande auf der Suche nach dem letzten Grund. Letztlich bleibt nur die Anerkennung dessen was ist, ohne zu wissen warum etwas ist, wie es ist. Wenn die Suche nach dem Grund aufgehört hat, ist wieder Frieden und Erfüllung da und ein Dasein im jeweiligen Augenblick.

      Einen herzlichen Gruß aus der erholsamen Abendkühle
      Nitya

      Gefällt 1 Person

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s