Lau Dan: Ei, Meister, Ihr verwirrt der Menschen Wesen!

LKung Dsï ging nach Westen, um Schriften niederzulegen in der kaiserlichen Bibliothek. Da gab ihm Dsï Lu einen Rat und sprach: „Soviel ich weiß, ist da ein gewisser Lau Dan, der früher kaiserlicher Bibliothekar war, sich aber nun zurückgezogen hat und in seiner Heimat lebt. Wenn Ihr Schriften niederlegen wollt, Meister, so macht doch einmal den Versuch, zu ihm zu gehen, damit er Euch behilflich sei.“ Kung Dsï sprach: „Trefflich!“

Und er ging hin, den Lau Dan zu besuchen. Aber Lau Dan war nicht dafür zu haben. Darauf gab er ihm eine Beschreibung der zwölf klassischen Schriften, um ihn zu überzeugen. Lau Dan unterbrach ihn mitten in seiner Rede und sprach: „Das ist zu ausführlich. Ich möchte die Hauptpunkte hören.“ Kung Dsï sprach: „Der Hauptpunkt ist Liebe und Pflicht.“ Lau Dan sprach: „Darf ich fragen: gehört Liebe und Pflicht eigentlich zum Wesen des Menschen?“ Kung Dsï sprach: „Gewiss. Die Tugend ist ohne Liebe nicht vollkommen und kann ohne Pflicht nicht entstehen. Liebe und Pflicht gehören zum Wesen des wahren Menschen. Was will er ohne sie anfangen?“ Lau Dan sprach: „Was bedeutet eigentlich Liebe und Pflicht?“ Kung Dsï sprach: „Im innersten Herzen alle Wesen gern haben, alle lieben ohne Selbstsucht; das ist die Art von Liebe und Pflicht.“

Lau Dan sprach: „Ei, das scheinen mir recht minderwertige Reden zu sein. Alle zu lieben, ist das nicht übertrieben? Selbstlosigkeit als seine Pflicht ansehen, das beweist ja gerade, dass man selbstsüchtig ist. Wenn Ihr, Meister, den Wunsch habt, dass die Welt nicht ohne Hirten sei, so wisst Ihr ja, dass Himmel und Erde ihre ewigen Ordnungen in sich selbst haben, dass Sonne und Mond ihr Licht in sich selbst haben, dass Sterne und Sternbilder ihre Ordnung in sich selbst haben, dass die Tiere ihren Herdentrieb in sich selbst haben, dass die Pflanzen ihren Standort in sich selbst haben. Wenn Ihr, Meister, in Euren Handlungen diesem LEBEN und mit Euren Schriften diesem SINNE folgt, so seid Ihr ja schon am Ziel. Was braucht Ihr da noch krampfhaft Liebe und Pflicht predigen, wie wenn man die Pauke schlagen wollte, um einen verlorenen Sohn zu suchen? Ei, Meister, Ihr verwirrt der Menschen Wesen!“

aus: Tschuang-tse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

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Meister Kung Dsï (Konfuzius) scheint die Menschen bis zum heutigen Tag sehr erfolgreich zu verwirren und Lau Dan (Laotse) gerät seit Jahrtausenden immer wieder in Vergessenheit. „Der Hauptpunkt ist Liebe und Pflicht“, sagt Kung Dsï. Ich muss an die Ordensschwestern in meiner Kindheit denken, die Kung Dsïs zu ihrem täglichen Maßstab gemacht hatten und vor denen ich mich immer nur gefürchtet hatte. Liebe als Pflichtübung – der Herr steh mir bei! Alles muss geregelt werden und bestraft, wenn die Regeln nicht eingehalten werden. Denn was nützen die schönsten Regeln, wenn sich niemand drum kümmert.


„Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“
(Jesus in mt 5, 37)

Kürzlich hat doch dieser unselige Justiz-Minister Heiko Maas so eine Änderung des Paragrafen 177 des Strafgesetzbuches auf den Weg und durch den Bundestag gebracht, das vorzugsweise Frauen vor sexuellen Übergriffen der notgeilen Männer schützen soll: „Nein heißt Nein“, soll zukünftig gelten. Na so was! Jetzt haben wir es also schwarz auf weiß, und ändern wird sich überhaupt nichts. Die Beweislast liegt nach wie vor bei den Personen, die einen sexuellen Übergriff zur Anzeige bringen wollen.

Was würde Lau Dan wohl dazu sagen? Ich weiß nicht, ob er überhaupt etwas dazu sagen würde, so unsinnig ist diese ganze Regelei. Je mehr Gesetze, Regeln, Moral, desto mehr Übertretungen. Wer eins mit dem Tao ist, braucht keine Gesetze, und wer nicht eins mit dem Tao ist, der wird auch durch Gesetze kein anständiger Bürger werden. Der Staat erfindet Steuergesetze und kreiert damit gleich den Beruf des Steuerberaters, der den Leuten zeigen kann, wie sie den Staat ganz legal oder auch nicht so ganz legal bescheißen können. Es ist ein ständiges Hochrüsten, was da zwischen Gesetzgebern und Gesetzesbrechern stattfindet, und niemand will die Unsinnigkeit dieser Aufrüsterei wahrhaben. Am Ende werden sich alle gegenseitig umgebracht haben.

S

 

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5 Antworten zu Lau Dan: Ei, Meister, Ihr verwirrt der Menschen Wesen!

  1. Ingeborg schreibt:

    🌞

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  2. Alexandra schreibt:

    Guten Morgen lieber Nitya,
    gut, dass Bäume keine Gesetzbücher haben… Und alles funktioniert im Wald. Nicht nur harmonisch, nein auch mit Konkurrenz und so, aber es funktioniert eben einfach. Kein Baum überlegt vorher, nach welcher Seite er heute seine Blätter wenden soll… Und trotzdem scheinen Bäume zu fühlen, kümmern sich um Nachwuchs und ältere Exemplare und sind irgendwie individuell.
    Nur das menschliche Hirn macht sich alles ein bisschen komplizierter. Zumindest in so hochzivilisierten Landschaften wie mittlerweile fast überall auf der Welt. Als würde das irgend etwas sicherer machen! Was für ein Selbstbetrug. Schon komisch, der Mensch… Es muss wohl der Trennungsgedanke dahinter stehen.
    Hab einen schönen Tag!
    Liebe Grüße
    Alexandra

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  3. Eno Silla schreibt:

    Stille
    Wortgewaltig unterbrochen
    erscheint verrücktverwirrende zerrissene Welt
    und doch
    ist da
    nur
    alles Seiende
    umfassende
    Stille

    ca. 6 uhr vorgestern morgen:

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