Jed McKenna: unser eigenes Ministerium des Erwachens


RSelbsterforschung war nicht der Kern von Ramanas Lehre. Das ist Mayas Spiel mit den Hütchen, und wir sind die Trottel, die vor ihr Schlange stehen, begierig darauf, geschröpft zu werden. Doch wie jeder Schwindler und Bauernfänger weiß, kann man einen ehrlichen Menschen nicht täuschen. Der wahre Kern von Ramanas Lehre, sofern man den Vorhang zurückzieht und nachschaut, lautet „nach außen“. Wenn es um echten Fortschritt geht, gibt es keine Fragen und Antworten, gibt es kein Wissen oder eine Lehre, gibt es nur Gehen oder Nichtgehen: „Nach innen“.

Das Buch „1984“ spielt im Land Ozeanien, dessen Motto (das Thomas Pynchon sehr scharfsinnig als „die Koans einer anomalen/verirrten Form von Zen bezeichnet) lautet: „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke.“ Ozeanien wird von vier Ministerien regiert,  deren Namen „eine Art Dreistigkeit in der absichtlichen Umkehrung der Tatsachen offenbaren.“ Im Ministerium für Liebe findet all die Folter und Gehirnwäsche statt. Das Ministerium für Frieden führt ununterbrochen Krieg. Das Ministerium für Überfluss ist verantwortlich für die Rationierung von Nahrungsmitteln und Konsumgütern. Das Ministerium für Wahrheit ist verantwortlich für Lügen und Propaganda. Gemäß jener dreisten Praxis der Namensvergabe dürfen wir einen Blick auf unser eigenes Ministerium des Erwachens werfen, den spirituellen Marktplatz, wo wir all die Weisen, Lehrer, Philosophen und Gelehrten antreffen, die schwer beschäftigt damit sind, genau das zu tun, was unser eigener Big Brother – Maya – von ihnen verlangt: dafür zu sorgen, dass keiner aus dem Tiefschlaf erwacht.

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“

OMit seinem Kommentar gestern hat mich Fredo richtig heiß gemacht, was zu seinem spirituellen Lieblingsthema zu schreiben. Noch einmal der Satz von Jesus: „Es ist unmöglich, dass ein Mensch zwei Pferde besteigt und dass er zwei Bogen spannt; und es ist nicht möglich, dass ein Diener zwei Herren dient, es sei denn, er ist ehrerbietig dem einen gegenüber, und den anderen verhöhnt er.“ Jed McKenna weist eher darauf hin, dass es unmöglich ist, dass ein Mensch nach innen geht, wenn er sich gleichzeitig nach außen locken lässt, und er wirft Ramana und vielleicht allen, „die da vorne sitzen“, vor, Schwindler und Bauernfänger zu sein und genau das zu tun, was unser eigener Big Brother – Maya – von ihnen verlangt: Dafür zu sorgen, dass keiner aus dem Tiefschlaf erwacht. Starker Tobak.


Vorgestern hat Fredo die hinreißend einfache Geschichte von Ramesh Balsekar erzählt, wie er sich nach seinem zehnminütigen Hin- und Hergetappel über beide Wangen grinsend zu ihnen umdrehte und sagte : „Oh … there just happend meditation … I like that“.  Zumindest in dem Moment war er keiner, „der da vorne saß“, sondern einfach ein Mensch, der mit Freunden augenzwinkernd sein Erleben teilte. Wenn ich mir oben das Bild mit Ramana und seinen Devotees anschaue, frage ich mich unwillkürlich: Was erhoffen sich die Menschen von diesem Ramana, dass sie sich so servil verhalten? Und er, der Herrlichste von allen, nimmt huldvoll ihre Ergebenheitsbekundungen entgegen. Er, dessen Kern seiner Lehre angeblich war, sich selbst zu fragen: „Wer bin ich?“ – also nach innen zu gehen. Die Menschen auf dem Bild aber gehen alle nach außen und erwarten von ihrem Messias ihr Heil.

Jed McKenna vergleicht die, „die da vorne sitzen“, mit den Big Brother-Vertretern des Ministeriums für Erwachen, die ebenfalls das Koan einer anomalen/verirrten Form von Zen verkünden: „Nach innen gehen ist nach außen gehen“: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (mt 11,28) Kommet her zu mir – das heißt nach außen gehen, selbst wenn die Botschaft lautet, nach innen zu gehen. Wir sollen ja angeblich auch eine Demokratie sein.

Und die Moral von der Geschicht: „Traut allen Worten nicht, nicht einmal euren eigenen, zweifelt alles an und findet selbst heraus, was für euch stimmt.

LHört ihr Leut und lasst euch sagen,
es gibt keine Lehre nicht.
Lehren schlagen auf den Magen.
Glaubt ihr – seid ihr nicht ganz dicht.
Macht es wie die Vögelein,
singt ein eignes Liedelein.
Singet gleich aus voller Brust
vom Schmerze tief und eurer Lust.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Jed McKenna: unser eigenes Ministerium des Erwachens

  1. Brigitte schreibt:

    Ist das Leben nicht unglaublich? Nach langer Zeit habe ich mich heute früh mal wieder aufs Fahrrad gesetzt und bin losgefahren. Es war herrlich! Plötzlich stockte es beim Treten in die Pedale und ich fuhr im Leerlauf. Nix ging mehr. Also stieg ich ab, um zu sehen was passiert war. Die Kette hatte sich am Hinterrad gelöst und verwickelt. Da stand ich nun mitten in der Pampa, ca. 10 km von meiner Wohnung entfernt. Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig als nach Hause zu laufen, dachte ich noch, als wie aus dem Nichts ein anderer Fahrradfahrer vor mir bremste und fragte, ob er helfen könne. Und ob! Er untersuchte das Teil, konnte aber nichts machen, da er das notwendige Werkzeug nicht dabei hatte. Just in dem Moment kam ein Spaziergänger mit seinem Hund auf uns zu. Er wohnte ganz in der Nähe und holte den passenden Schraubenschlüssel. In Nullkommanix war die Kette wieder drauf :-)) Ist das nicht toll, wie das Leben so spielt? Aus heiterem Himmel ist plötzlich Hilfe da, ohne auch nur daran gedacht zu haben. Danke!!!

    So, ich habe meine Liedlein für heute gesungen und ein Foto von unterwegs hab ich auch noch geknipst.

    Gefällt mir

    • Alexandra schreibt:

      Gestern hat mein Sohn, er ist Polizeischüler, mit seiner Klasse eine Suchübung auf einem Feld neben der A44 gehabt, als genau parallel zu ihnen auf der Autobahn ein Unfall passierte, in dem sich eine Fahrerin mit ihrem Auto mehrfach überschlagen hat. Alle Polizeischüler nebst Lehrer rannten zur Autobahn und konnten so sofort helfen. Echt krass manchmal! Da denkt man, so was kommt nur in einem Film vor… Aber so ist es ja auch!!!
      Habt einen sonnigen Tag!

      Gefällt mir

      • Brigitte schreibt:

        YEP! Der ‚Lebensfilm‘ läuft. Und es kann passieren, dass der Film für einen Moment reißt oder komplett anhält. Wow, so ist das! Und heiter geht’s weiter. Dir auch einen schönen Tag🙂

        Wisse, dass alle Dinge so sind.
        Ein Bild, ein Wolkenschloss.
        Ein Traum, eine Erscheinung.
        Ohne Essenz, aber mit Qualitäten, die gesehen werden können.
        Wisse, dass alle Dinge so sind.
        Wie der Mond an einem hellen Himmel.
        In einem klaren Fluss reflektiert.
        Doch der Mond hat sich nie in den Fluss begeben.
        Wisse, dass alle Dinge so sind.
        Wie ein immer wiederkehrendes Echo.
        Von Musik, Geräuschen.
        Aber in diesem Echo ist keine Melodie.
        Wisse, dass alle Dinge so sind.
        Wie ein Magier, der Illusionen produziert.
        Von Pferden, Oxen und anderen Dingen.
        Nichts ist, wie es scheint.

        Der Buddha

        Gefällt mir

    • Eno Silla schreibt:

      Liebe Brigitte,

      in einer so schönen Landschaft würde ich vom Fahrrad überhaupt nicht mehr runterkommen😉 ! Danke für den Bericht deines Ausfluges.
      Schön, dass du dich aufgemacht hast und so gut unterstützt wurdest! Ich hab ja immer alles notwendige Werkzeug dabei, wenn ich unterwegs bin und konnte auch schon so manchem Radfahrer wieder in den Sattel helfen und natürlich auch mir selbst. Einmal hatte ich allerdings einen Schaden am Fahrradmantel, der nicht zu beheben war. Da kam eine Spaziergängerin des Weges, die ebenfalls in der Nähe wohnte und einen solchen Mantel zu Hause hatte. Sie lief los und brachte mir den Mantel, so konnte ich die Fahrt fortsetzen und musste nicht nach Hause schieben. Als ich sie ein paar Tage später aufsuchte, um ihr den geliehenen Fahrradmantel zurückzubringen, stellte sich noch heraus, dass sie die Schwiegermutter meines Hausarztes war… Heute treffe ich sie noch gelegentlich auf ihren Spaziergängen und wir halten ein kleines Pläuschen.

      Liebe Grüße
      Eno

      Gefällt mir

      • Brigitte schreibt:

        Lieber Eno, ja, hier gibt es viele schöne Ecken und Plätze. Heute morgen bin ich am Neckar Richtung Heidelberg entlang gefahren. Bei diesem schönen Wetter und in der Früh, wenn die Sonne noch nicht so knallt und die Hitze erträglich ist, ist es ein Genuss. Aber auch auch im Herbst, wenn die Nebel über den Fluss ziehen, ist es wunderschön. Diese Stimmung liebe ich besonders.

        Das ist gut, wenn man entsprechendes Werkzeug dabei hat und vor allem zu nutzen weiß. Vielleicht sollte ich mal einen Kurs besuchen „Wie repariere ich mein Fahrrad“. Und wenn tatsächlich nichts mehr geht, kommt von irgendwo ein „Englein“, eine helfende Hand daher. Leben ist unberechenbar.

        Liebe Grüße
        Brigitte

        Gefällt mir

  2. fredoo schreibt:

    Ramana … hmmmm …
    er gilt ja als Superstar des Advaita …
    hmmmm … einst bei Ramesh sitzend , der seine Verehrung für Ramana oft zeigte , fragte jemand
    eine Frage ( die mir ebenfalls auch sehr berechtigt erschien )

    „Wie kann es sein , dass Ramana so sehr verehrt wird und als reinster des Advaita gilt , wo Advaita doch strikt Methoden ablehnt , Ramana jedoch das Atma Vichara lehrte ??“
    Ramesh lächelte und sagte :“mag sein es war so … jahrelang kamen die Menschen zu Ramana mit stets der gleichen Frage „Meister , was kann/muss/soll ich tun ?“ Jahr um Jahr , Besucher um Besucher , immer die gleiche Frage „Meister was kann/soll/muss ich tun ?“ und er gab Jahr um Jahr die beste aller Antworten , in dem er schwieg ! … doch die Besucher verstanden nicht … und so ging es weiter „Meister , Meister , was soll/kann/muss ich tun ?“ Jahr um Jahr , Besucher um Besucher … Es mag nun sein , dass selbst der gelassene , schweigsame Ramana mit seiner Geduld einmal am Ende war , und er ( womöglich leicht genervt ) erstmals mit der „zweitbesten“ Antwort antwortete „Wer will dass denn wissen ?“ ……………………………..
    Jedenfalls hatte damit seine Besucher endlich Ihre heißersehnte „Methode“ …

    ich fand diese Geschichte ( sicherlich nicht historisch authentisch , sondern eher eine Art Fabel ) in mehrfacher Hinsicht aufhellend … ( aber auf alle Fälle doppelbödig amüsant🙂 )

    Einmal … auch das Negieren von Methode sollte wiederum nicht Methode sein !
    Des weiteren … Was nützt die beste der Antworten , wenn gerade niemand da ist , der sie verstehen könnte ? … ich denke da auch an Nityas Lieblingsgeste mit Buddhas Blümchen … was wäre denn , wenn der eine unter hunderten , nicht verstehend gelächelt hätte ? … hätte Buddha dann auch die „zweitbeste Geste“ hervorgekramt ?
    Es scheint also , dass es auch im Spiel Vornesitzer / DavorSitzer immer zweier bedarf , „to tango“ .

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Werter Herr Fredo,

      du bist ja heute so gnädig denen gegenüber, „die da vorne sitzen“. Dabei hat dir der Jed McKenna so eine schöne Steilvorlage geliefert. Du entschuldigst gewissermaßen die, die da vorne sitzen, damit, dass sie von der Fragen der Sucher so genert waren, dass sie eben die zweit- und drittbeste Antwort gaben. Es soll jede Menge dieser Typen gegeben haben, die sich den Suchern durch Flucht entzogen haben. Auch Ramana oder wer auch immer hätte sich dem Rummel entziehen können. Du schreibst: „Es scheint also , dass es auch im Spiel Vornesitzer / DavorSitzer immer zweier bedarf , ‚to tango‘ .“ Eben.

      Gefällt mir

      • fredoo schreibt:

        ja … dem ist wohl so … nur wenige von denen , die in „den endlosen fall“ stolperten , haben lust darauf , sich „davorne hinzusetzen“ … es ist auch ein scheissjob …
        wer will schon dauernd von den sehnsuchtsvollen armen suchern belagert werden …
        ich werde nie die panikgeweitete augen von whayne liquorman vergessen , als ihn Ramesh mal , so nebenbei , outete , und damit für die sucherjagd freigab …
        „mist , jetzt werde ich nie wieder auf meiner terasse allein mein frühstück genießen können “ … und genau so ist es gekommen ..
        und es mag da durchaus sein das der ein oder andere „davornsitzer“ ob der ewig gleichen fragen und der ewig gleichen unfähigkeit schlicht zuzuhören seiner besucher etwas knurrig wird … der herr jed mckenna ist da ja paradebeispiel … das dann über jahre hinweg zu ertragen , bedarf wohl gewisser masochistischer eigenarten … ich denke das dies genau herrn ramana ausgezeichnet hat … eine ungeheure duldsamkeit für dummheit … desderwegen kam er mir auf dem foto neulich auch garnicht gebaupinselt vor , sondern eher gut getarnt ertragend …

        Gefällt mir

      • Nitya schreibt:

        Und was sagst du zu dem gemeinen Vorwurf des Herrn McKenna an die, die da vorne sitzen:

        „Gemäß jener dreisten Praxis der Namensvergabe dürfen wir einen Blick auf unser eigenes Ministerium des Erwachens werfen, den spirituellen Marktplatz, wo wir all die Weisen, Lehrer, Philosophen und Gelehrten antreffen, die schwer beschäftigt damit sind, genau das zu tun, was unser eigener Big Brother – Maya – von ihnen verlangt: dafür zu sorgen, dass keiner aus dem Tiefschlaf erwacht.“

        Gefällt mir

  3. fredoo schreibt:

    nun ja … hätte er es weniger „persönlich“ formuliert , sondern mehr funktionell , wäre es womöglich leichter zu schlucken für den „armen sucher“ …
    aber … und da unterscheidet sich herr kenna von keinem anderen „lehrer“ , deren job ist ja nicht die liebevolle geleitung ( denn diese wäre vergeblich bis kontraproduktiv ) sondern viel mehr die provokative , subversive , unterminierende konfrontation mit den konzeptes der sucher …

    und , auch wenn sich herr kenna gerne als nicht-lehrer , oder besser als -nicht-mehr-lehrer bezeichnet , macht er mit dem von dir zitierten text nix anderes …😀

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Si tacuisses, …
      Sollten wir uns vielleicht alle zu Herzen nehmen, aber haben wir armen Schweine eine Wahl?

      Gefällt mir

      • fredoo schreibt:

        ich denke nicht … und das genau , ermöglicht es ja wiederum , seinen frieden mit diesem zeitfressenden geschreibe zu machen …
        ( außerdem kann ich mich damit immer so fein vor der lästigen buchhalterei am pc drücken😀 )

        Gefällt mir

      • Nitya schreibt:

        Na gut, dann tragen wir halt alle unseren Teil dazu bei, dass ja keiner aus dem Tiefschlaf erwacht, was uns so wichtig zu sein scheint, das wir sogar unsere kostbare Zeit, die wir eigentlich für die Buchhalterei und andere Sklavendienste für das Finanzamt benötigen, zum Wohle der Göttin Maya opfern.😉

        Gefällt mir

  4. fredoo schreibt:

    Gerade im Netz gefunden ….
    Herr Ramesh bei seinem obligatorischen Dachspaziergang … ( von dem ich erzählte )
    Wenn man die süßliche Musik ausschaltet , zeigt sich ein erfrischend unprätenziöser Inder ,
    zu dem jeder kommen konnte , und sei es zu einem kurzen Schwatz übers Wetter …
    kein Gurugetue , keine Heiligkeitsgefasel …
    ach wenn ich es jetzt so wiedersehe , fein wars mit ihm …

    Gefällt mir

  5. fredoo schreibt:

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      „ach wenn ich es jetzt so wiedersehe , fein wars mit ihm …“

      Ich freu mich mit dir, wenn ich das lese und mir diesen erfrischend unprätenziöser Inder (ohne süßliche Musik) anschau.

      Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s