Osho: Die Taoisten haben keine Landkarten


ONur dieser Augenblick existiert, also rennt nicht kopflos durch die Gegend – das ist sinnlos, das ist neurotisch, das ist verrückt. Entspannt einfach in diesem Moment – seid einfach nur. Das ist mit „Sei einfach still …“
(Liä Dsi) gemeint.

Wenn du zu einem Yoga-Meister gehst, wird er dir sagen, wie du still werden kannst. Er wird dir sagen, welche Stellung dir zu Stille verhelfen wird, wie du atmen sollst, welcher Rhythmus am ehesten zur Stille führt, ob du beim Atmen die Augen schließen oder deinen Blick auf die Nasenspitze richten sollst … Er wird dir Anweisungen, Hinweise geben, er wird dir eine Landkarte in die Hand drücken.

Die Taoisten haben keine Landkarten. Sie sagen, dass du dir zwar, wenn du eine bestimmte Stellung ausprobierst und z.B. auf die Nase schaust und in einem bestimmten Rhythmus atmest, eine gewisse Stille aufzwingen kannst, diese dann aber nicht echt sein wird. Sie ist künstlich, sie ist etwas Aufgesetztes, sie ist unecht. Die echte Stille hat nichts mit irgendwelchen Übungen zu tun. Die echte Stille kommt nicht durch Übung zustande. Zur echten Stille kommt es nur aus der Erkenntnis – der Erkenntnis nämlich, dass alles Begehren nichts bringt.

aus: Osho: „Tao – Das Herz der Freiheit“

S

Echte Stille kommt aus der Erkenntnis, dass Begehren nichts bringt. Das ist die simple Feststellung eines Menschen, der nicht nur in dem Moment zu dieser Stille wurde, als einfach kein Begehren zu spüren war, sondern auch den Zusammenhang erkannte zwischen dem Fehlen jeglichen Begehrens und dem Versinken in der Stille. Daraus eine Methode machen zu wollen, ist eigentlich ein Verbrechen, denn jede Methode bedeutet Zwang und nichts vertreibt Stille mehr als Tun.

AMir wurde schon vorgeworfen, ich würde einer anarchistischen Ideologie frönen. Das ist natürlich Quatsch. Mit Ideologie hat das nicht das Geringste zu tun. Anarchie bedeutet nichts anderes als „kein Zwang, keine Gewalt“. Und Gewalt bedeutet immer „Begehren“. Hab ich mal im Religionsunterricht gelernt: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist!“ Das haben die Christen ja immer gerne den Habenichtsen gepredigt, während sie selbst mit dem Gesetz, der Moral und bei Bedarf mit dem Schwert alles an sich rafften, was sie erlangen konnten. „Du sollst nicht …“ hat noch nie etwas bewirkt, weil die Formulierung bereits den Keim der Gewalt in sich trägt. Ganz subtil ist Gewalt selbst im „edlen achtfachen Pfad“ der Buddhisten verborgen. Bei den Taoisten ist mir Anarchie in ihrer reinsten Form begegnet: „Zur echten Stille kommt es nur aus der Erkenntnis – der Erkenntnis nämlich, dass alles Begehren nichts bringt.“ Diese Erkenntnis lässt sich nicht erzwingen. Sie kann aus dem Wahrnehmen erblühen, dass das Nicht-Vorhandensein von Begehren gleichbedeutend ist mit dem Juwel echter Stille. Und Stille ist nichts anderes als die Quelle, aus der alles hervorströmt.
B2Sollte A dem B zeigen, dass er nichts von ihm will, nachdem B dem A signalisiert hat, dass er etwas von ihm will, ist das wie eine offene Kriegserklärung. Ich will was von dir, du willst gefälligst was von mir – jetzt klappt der Sicherheitspakt hoffentlich. Das ist immer wieder ein äußerst beliebtes Beziehungskonstrukt. Es scheint für die meisten Menschen kaum zu verstehen zu sein, dass ein „ich will nichts von dir“ im Grunde das größte Geschenk ist. Mit „ich will nichts von dir“ ist nicht Gleichgültigkeit gemeint, sondern eine Haltung, die vom anderen nicht mehr will als das, was sich ganz von selbst entfalten will. Bei allem, was darüber hinausgeht, bleibt die Freiheit von Erwartung, Zwang und Enttäuschung auf der Strecke.

Und Stille? „Mach endlich die Glotze leiser!“

T

 

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6 Antworten zu Osho: Die Taoisten haben keine Landkarten

  1. Brigitte schreibt:

    Fast unmerklich kommt da an diesem wunderschönen Morgen fast am Schluss noch so ein Highlight daher. Für mich zumindest🙂

    aloha!

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  2. MaRia schreibt:

    deshalb hasse ich geführte Mediationen, Landkarten der „ Möchte- gern- spirituellen“ ….…..cu

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  3. kekabe schreibt:

    …da ploppt doch gleich in meinem Kopf der Unterschied zwischen Symbiose und Synthese auf. Ein wunderbarer Text, lieber Nitya! Und ja…ich kann der Brigitte nur zustimmen…😉

    Lieben Gruß zu dir und einen sonnigen Tag für dich!
    Kerstin

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  4. fredoo schreibt:

    In den 90erJahren besuchte ich den Herrn Ramesh in Kovalam Beach in Südindien … Seine Besucher bewohnten das Hotel Rockholm … für indische Verhältnisse ganz passabel … Für Deutsche nun ja … indisch …
    Auf der Dachterasse dieses Hotels standen 2 kleine Minihäuschen , ohne Fenster ohne Türen , damit gut durchgelüftet … Platz für eine Matraze und einen Stuhl …
    Eines davon hatte sich Ramesh zum Aufenthalt erwählt , wohl weil er es liebte auf dieser Dachterasse seine körperlichen „Exkursionen“ zu veranstalten , die mir ja beim erstem Beobachten irgendwie mehr in Richtung Hospitalismus zu gehen schienen …
    Jedenfalls marschierte er täglich mehrmals über längere Zeiten auf besagter Terasse mit forziertem Schritt hin und her von Dachkante zu Dachkante zu Dachkante …
    eines Tages nun … ich saß mit einigen Freunden auch auf besagter Dachterasse und beschwatzte was da so beschwatzt werden wollte … blieb er bei seinem erneuten Dachmarsch unvermittelt an der Dachkante stehen , blickte hinaus auf den indischen Ozean , und , verschnaufte , wie wir vermuteten … um sich dann aber , nach 10 Minuten oder länger , über beide Wangen grinsend zu uns umzudrehen und zu sagen : „oh … there just happend meditation … I like that“ …

    tja … me too …😀

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  5. Georg Alois schreibt:

    „……. und nichts vertreibt Stille mehr als Tun.“
    So ist es.

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